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Juli Zeh Geschichten, die das Leben schreibt

Juli Zeh hat viel zu tun dieser Tage: in Talkshows über die Piraten-Partei sprechen, sich im englischen „Guardian“ zur Euro-Krise äußern, in deutschen Zeitungen die Urheberrechtsdebatte kommentieren oder die Pflichtuntersuchungen von Kleinkindern als Freiheitseingriff geißeln. Zudem ist die Schriftstellerin gerade zum ersten Mal Mutter geworden. Und bald kommt auch noch ein neues Buch von ihr heraus, eine Beziehungskiste. Nein, doch eher ein Psychothriller, sagt sie nach etwas Überlegen.

Trotz all der Ereignisse sieht die Siebenunddreißigjährige während des Gesprächs in der Berliner „Böse Buben Bar“ entspannt aus - zumindest, soweit das bei ihr möglich ist. Denn Juli Zeh hat ein Gesicht, das immer Konzentration ausstrahlt, vielleicht weil ihre Augen so blitzklar sind oder weil sie ihren Mund, wenn sie nicht redet, spitzt. Wenn sie redet, kommen gestochen scharfe und bemerkenswert verständliche Sätze heraus. Eine an sie gestellte Frage formuliert Zeh oft noch einmal neu. Dann setzt sie zur Antwort an, Schritt für Schritt zerlegt sie eine Behauptung, die sie nicht teilt, oder bestätigt eine, mit der sie übereinstimmt.

Kampf mit dem Streber-Image

Wer so schlau wirkt, der macht sich nicht nur Freunde. Seitdem Zeh im Alter von 27 Jahren ihren Debütroman „Adler und Engel“ herausbrachte, kämpft sie mit dem Image der Streberin. „Für ihr Alter bereits berückend widerlich“, schrieb einmal die Satire-Zeitschrift „Titanic“. „Vielleicht war es ein Fehler, meinen Lebenslauf ins Internet zu stellen, als ich mit meinem Freund meine erste Homepage gemacht habe“, sagt Zeh. Denn es war derselbe Lebenslauf, den sie auch für Bewerbungen um juristische Praktika benutzte und in dem von der Examensnote bis zum Stipendium der Studienstiftung alles drinstand. „Mag sein, dass das komisch wirkte. Die Leute haben offenbar geglaubt, ich hätte ungefähr im Alter von vier Jahren meinen Lebenslauf designt und dann abgearbeitet.“

Juli Zeh hat in der Tat einen Lebenslauf vorzuweisen, der so manchen Juristen, aber auch Journalisten oder Schriftsteller vor Neid erblassen lässt. Wirkt sie persönlich alles andere als konformistisch, hat sie unter Karrieregesichtspunkten alles richtig gemacht. Sie hat beide juristischen Staatsexamen absolviert, ein LL.M.-Studium draufgesetzt und promoviert. Zur gleichen Zeit wurde sie eine der erfolgreichsten jungen Schriftstellerinnen in Deutschland - und trägt selbst hierfür einen akademischen Grad: das Diplom des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. Es gibt in ihrem Weg keine Lücken, keine Pausen. Geplant habe sie das aber nie, sagt Juli Zeh. „Ich hatte ziemlich lange keine Ahnung, was ich werden sollte. Aber ich wollte einen Broterwerb, einen Job, und deshalb etwas Vernünftiges lernen.“

„So eine Godesberg-Existenz“

Sie wuchs in Bonn auf, führte „so eine Godesberg-Existenz“, wie sie sagt. Sprich: gebildete Eltern, der Vater habilitierter Jurist, Sozialdemokrat und täglich mit den Kernfragen der Demokratie beschäftigt, denn er arbeitete in der Verwaltung des Bundestags. Die kleine Juli ging auf ein Privatgymnasium im Bad Godesberger Villenviertel, das sie später in ihrem Roman „Spieltrieb“ verarbeitete und das bei dieser Gelegenheit nicht unbedingt gut wegkam. Sie sei aber nicht ungern hingegangen, habe sich für die Schule nie anstrengen müssen, und „als ich alt genug war, um mich zu langweilen, also so ab 15 Jahren, habe ich mich auch entsprechend gelangweilt“, fasst Zeh ihre Kindheit im Rheinland knapp zusammen. Ein paar Auffälligkeiten, die das Wunderkind-Klischee stützen, gab es dann aber doch: Im vorpubertären Alter hatte sie lange den Spleen, in der dritten Person zu denken. „Wenn ich in ein Café ging, habe ich gedacht: ,Sie ging in ein Café’“, erklärt Zeh. „Das war unangenehm, und ich wurde das lange nicht los.“ Die zweite Auffälligkeit: Das Mädchen schrieb und schrieb und schrieb. Geschichten, so lang wie Romane, die sie niemandem zeigte.

Das wahre Leben begann für Juli Zeh in einem Ort, der „klein, bayrisch, schwarz und rechts“ war - in Passau. Hierhin zog sie 1993, um Jura zu studieren. Zwar gefiel ihr das Studium lange Zeit überhaupt nicht („Ich fand’s abartig, echt schlimm“), dafür aber genoss die Achtzehnjährige das Studentenleben in vollen Zügen, grenzte sich mit Vergnügen ab von all den geschniegelten Jura- und BWL-Studenten der Donaustadt. Ihr Freundeskreis speiste sich aus einer linken Antifa-Szene, was aber weniger eine politische denn eine „Style-Sache“ gewesen sei. „Es hat im Grunde gereicht, sich einen Armee-Parka anzuziehen, und dann war man schon innerhalb dieser ganzen Karriere-Juristen der Oberpunk.“

Nach drei Semestern zog Juli Zeh mit ihrer versammelten Wohngemeinschaft (drei Frauen, ein Mann und sechs Hunde) nach Leipzig, denn sie hatte vom neuen Literaturinstitut gehört, und ihre Freunde drängten sie, sich dort zu bewerben. Als sie angenommen wurde, wollte sie eigentlich das Jurastudium abbrechen. Doch sie traute sich nicht. Die Popliteratur-Welle, in der Verlage entdecken sollten, dass sich auch mit jungen Autoren Geld verdienen lässt, rollte erst langsam heran. Eine Freiberufler-Existenz war für Zeh keine positive Vision. „Ich war immer viel zu nüchtern und viel zu wenig der Künstlertyp, als dass ich gesagt hätte, ich werde Autor.“

Leipzig war eine Erweckung, wie sie sagt. „Die Stimmung in Leipzig war Mitte der neunziger Jahre einfach sagenhaft, die Leute waren gut drauf, voller Zukunftsoptimismus und wollten was machen.“ Es gab viele Partys in diesen Jahren - aber auch eine hohe Produktivität. Ein Jahr lang klinkte Zeh sich aus, um sich auf das erste Staatsexamen vorzubereiten. Sie lernte nachts, hörte um sechs Uhr morgens auf und ging dann noch in ein Leipziger Internetcafé, um runterzukommen. „Da hingen diese Computerspieljunkies rum, die auch schon die ganze Nacht auf waren. Alle waren 15 und hatten Ecstasy drin, und ich kam mit meinen Ringen unter den Augen vom Lernen und trank dort Alkohol, um ins Bett gehen zu können.“ In dieser Zeit fing Zeh an, Jura zu mögen.

Sie liebt das Skurrile

Es sind solche skurrilen Situationen, die Zeh liebt und die sie in ihren Geschichten verarbeitet. „Ich poliere gern die Grenzen der Alltagsrealität so ein bisschen blank. Dann scheinen die auf einmal auf, und man hat das Gefühl: Es stimmt irgendwas nicht mit der Welt. Und das Gefühl habe ich, seit ich klein bin - dass irgendetwas mit dieser Welt nicht so richtig stimmt.“ Beinahe erstaunt es, dass Juli Zeh mit ihrem Hang fürs Groteske noch etwas ernst nehmen kann. Doch tatsächlich nimmt sie eine Menge ernst. In den neunziger Jahren vor allem die Jugoslawien-Kriege, denen man von Passau aus so nah war wie nirgends sonst in Deutschland. Sie unternahm viele Reisen nach Osteuropa, später dann auch nach Bosnien und Kroatien, als das möglich wurde. Es ist zum prägenden Element sowohl ihrer literarischen als auch juristischen Arbeit geworden. Eindrucksvollstes Beispiel ist der Bosnien-Reisebericht „Die Stille ist ein Geräusch“, den sie 2002 veröffentlichte.

Das war ein Jahr nach Erscheinen ihres Erstlingsromans „Adler und Engel“ und mitten im juristischen Referendariat. Zeh war sich ihrer Berufswahl trotz des schnellen und durchschlagenden Erfolgs ihres Debüts immer noch nicht sicher. Sie bereitete sich innerlich darauf vor, Richterin zu werden, weil sie glaubte, der Beruf erlaube wenigstens noch ein bisschen Zeit für das Schreiben. Doch das Veröffentlichen sprengte ihr Konzept der Zweigleisigkeit. Pressetermine, Lesetermine, das Vorbereiten von neuen Büchern - Juli Zeh wurde klar, dass sie sich entscheiden musste. 2003 schloss sie das Referendariat mit dem Zweiten Staatsexamen ab und beendete ihre Jura-Karriere.

Mit Mann, Kind und Pferden auf dem Land

Heute ist Juli Zeh jedoch als Juristin gefragter denn je. Ihre Mandanten sind die Journalisten, die Stellungnahmen haben wollen zu Fragen des Völkerrechts, zur Demokratie, zur Freiheit. Zeh hat sich in den letzten zehn Jahren einen Namen als Liberale gemacht, die sich vehement gegen die Verschärfung der Sicherheitsgesetze seit dem 11. September 2001 zur Wehr setzt. Vor allem aus diesem Grund schätze sie auch die Piraten-Parteien in Europa, sagt sie. Sie ist nicht Mitglied, sympathisiert aber mit den Piraten und ist auch mit einem verheiratet.

Die private Juli Zeh lebt heute mit Mann, Kind und Pferden auf dem Land in Brandenburg und geht nicht gern aus dem Haus. Wie sich die neue Häuslichkeit auf ihre Geschichten auswirken wird, bleibt abzuwarten. Geprägt werden sie sicherlich weiter sein von jenen Jahren, in denen alles skurril und nichts wirklich erschien. Als sie die Fünfzehnjährige mit dem Greisen-Verstand im Herzen der Bonner Republik war - und vor lauter Langeweile anfing, Geschichten zu schreiben.

Autor:
Caroline Freisfeld
Datum:
18. June 2012
Quelle:
F.A.Z.

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