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Serie: Arbeiten ohne Geld Schulpolitik und Wäscheberge

Kurz vor der Sitzung des Ausschusses für Bildung und Integration macht eine interessante Nachricht die Runde: Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier soll die verkürzte Gymnasialzeit G8 in Frage gestellt haben; angeblich befürwortet er, dass die Gymnasien zwischen acht und neun Jahren Schulzeit wählen können. „Das ist mir noch zu unkonkret, ich will noch nichts dazu sagen“, sagt Ulrike Fay, die Vorsitzende des Frankfurter Stadtelternbeirats. Die 48 Jahre alte Frau mit dem blonden Zopf und dem freundlichen Lächeln steht gutgelaunt vor dem Besuchereingang des Frankfurter Rathauses Römer; in einer Viertelstunde, um 17 Uhr, beginnt die Ausschusssitzung.

Mit ihr ist Alix Puhl zum Römer gekommen, die stellvertretende Vorsitzende des Stadtelternbeirats, 40 Jahre alt und Mutter von vier Kindern. Die beiden Frauen sind entspannt: Der Ausschuss tagt zum letzten Mal vor den Sommerferien, Brisantes ist nicht zu erwarten. „Wir hören mal zu und schauen, ob sich etwas Wichtiges ergibt. Oft ergeben sich die Hausaufgaben erst nach der Sitzung“, erklärt Fay. Es ist fünf Minuten vor 17 Uhr. Fay und Puhl machen sich durch das weitverzweigte Frankfurter Rathaus auf den Weg in den Sitzungssaal „Haus Silberberg“. Sie nehmen auf roten Stühlen Platz, während sich der Raum füllt.

Die Ausschusssitzung beginnt mit allerlei für Außenstehende schwer verständlichen Formalien und Formulierungen. Fay kennt das alles, sie hat sich in den vergangenen Jahren in solche Prozeduren eingearbeitet. Der Ausschuss tage alle sechs Wochen, mindestens ein Vertreter des Stadtelternbeirates versucht teilzunehmen. Die Sitzung ist für alle Bürger offen - nun sind sie dran. Wer der Vorsitzenden ein Kärtchen gegeben hat, dem wird das Wort erteilt. Die Stadtelternbeirätin hat diesmal nichts vorzubringen; dafür lauscht Fay interessiert den Worten einer Mutter aus dem Stadtteil Zeilsheim. Die berichtet mit leicht zittriger Stimme, dass eine andere Schule in ein Gebäude ziehen soll, das bisher für die Nachmittagsbetreuung Zeilsheimer Grundschüler genutzt wird. Sie befürchtet, dass dann „für unsere Kinder kein Platz mehr ist“. Zu klären, was von den Aussagen der Mutter zu halten ist, wird zu den Aufgaben gehören, die die Elternbeirätin aus der Sitzung mitnimmt.

Doch zunächst wird es trocken: Die Bildungsdezernentin stellt ihren Bericht vor - eine kleinteilige Dokumentation der Bildungsbeteiligung Frankfurter Schüler, wie sie selbst sagt. Im Sitzungssaal ist es warm und stickig. Fay hat ihre mitgebrachte Wasserflasche schon leer getrunken. Eine gute Stunde Ausschusssitzung ist vorüber, inhaltlich nicht mehr viel zu erwarten. Vor den Fenstern des Saales rauscht ein frischer Wind durch die Bäume, Bilder von Menschen, die unter dem klaren blauen Himmel ihren Feierabend in einem der vielen Straßencafés rund um den Römer verbringen, drängen sich auf. Nun hält auch Ulrike Fay und Alix Puhl nichts mehr im Sitzungssaal, unauffällig schleichen sie nach draußen.

Befreites Lachen auf dem Weg ins Café. In der Politik werde viel nur um des Redens willen geredet, stellen die beiden fest. Sie wollen jedenfalls nicht in die Politik - obwohl sie als Elternbeirätinnen durchaus Politik machen. „Wenn Eltern öffentlich aufschreien, dann bewegt sich etwas“, sagt Fay. Auf dem Römerberg ist neben asiatischen Touristen schnell ein Platz im Schatten gefunden. Fay wirft einen Blick in den Bildungsbericht der Dezernentin und bleibt an einer Grafik hängen. Die zeigt, wie viele Schüler das Gymnasium vorzeitig verlassen. „Doch wie viele davon hatten keine Gymnasialempfehlung?“, fragt sie. Das werde offensichtlich nicht verfolgt. „Wir stoßen immer wieder auf spannende Fragen.“

Stadtelternbeirätin ist Ulrike Fay seit 2008, Vorsitzende ist sie seit Januar dieses Jahres. Elternbeirätin ist sie aber schon seit 2006. „Seit mein erstes Kind in der ersten Klasse war.“ Dieses Kind, ein Sohn, ist nun fast 13 Jahre alt. Er besucht das Gymnasium; Fay ist Elternbeirätin in seiner Klasse und stellvertretende Vorsitzende des Elternbeirats der Schule. In der Grundschule des zehnjährigen Sohnes war sie bis zum Ende des Schuljahres - ihr Sohn wechselt nun in die fünfte Klasse - die Vorsitzende des Schulelternbeirats. Seit sie diese Ehrenämter innehat, hat Fay ungezählte Kuchen gebacken. In den Wochen vor den Sommerferien waren es alleine drei bis vier. „Für das Abschlussfest, das Schulfest und den Spendenlauf“, zählt sie auf. Das Abschlussfest in der Grundschule hat sie auch vorbereitet. „Das war aber nicht so viel“, sagt Fay bescheiden. Ein Buffet hat sie organisiert. Und dafür gesorgt, dass ein Lied gesungen wurde. Mit ein paar Kindern hat sie eine Karte für die Lehrerin gebastelt. Und Rosen hat sie gekauft.

„Man braucht ein dickes Fell“

Die Tätigkeit als Elternbeirätin ist noch vielfältiger. Jeden Monat besucht Fay zwei bis drei Sitzungen in den Schulen ihrer Kinder. „Das muss vorbereitet werden.“ Außerdem organisiert sie Veranstaltungen und Treffen mit Politikern und koordiniert Aktionen. Manchmal muss sie Eltern über Vorgänge informieren, die großen Unmut hervorrufen. „Man hört viel zu und vermittelt, zum Beispiel zwischen Schulleitung und Eltern.“ Es gehe darum, „Fakten zu klären, Emotionen rauszunehmen und eine Einigung zu erzielen“.

Reizthemen gibt es viele, etwa wenn Klassen zusammengelegt werden, weil die Zahl der Schüler unter 25 gesunken ist. Oder wenn der Preis nicht das ausschlaggebende Kriterium für die Wahl des Pächters der Schulkantine ist. Gute Elternbeiräte beschreibt Fay als „routinierte Eltern, die über den Tellerrand des eigenen Kindes schauen können“. Damit mache man sich nicht immer beliebt. „Man braucht ein dickes Fell.“ Sich ein solches zuzulegen kann nach Fays Erfahrungen einige Zeit dauern.

Ehrenamt und Erwerbstätigkeit ergänzen sich

Ulrike Fay ist nicht nur Elternvertreterin und Mutter von zwei Kindern; sie hat auch noch einen Beruf, der sie mindestens vierzig Stunden in der Woche beansprucht. Die gelernte Kauffrau ist selbständige Buchhalterin für Wohneigentumsverwalter. Ihre Selbständigkeit hat einen großen Vorteil für die Ausübung des Ehrenamts: Sie kann ihre Arbeitszeiten schieben und zum Beispiel an Schulkonferenzen teilnehmen, die am frühen Nachmittag stattfinden. Ihr Ehrenamt sei „völlig anders“ als die Buchhaltertätigkeit, sagt Fay. Letztere habe viel mit Zahlen zu tun, sei eher trocken. Das Ehrenamt reize sie wegen der vielen Kontakte zu Menschen. Fay mag beides, Ehrenamt und Erwerbstätigkeit. Sie ergänzten sich und glichen sich gegenseitig aus.

Das Ehrenamtliche mache sie vor allem am Abend - oder in der Nacht. „Wenn ich dann noch die Wäscheberge sehe, frage ich mich manchmal schon, warum ich das tue.“ Ohne ihren Mann schaffte sie das alles nicht. Der arbeitet im Werksschutz und hat manchmal Schichten von 12 Stunden und dann wieder frei. Und wenn der nicht kann? „Dann muss die Oma ran.“

Die Söhne sind mächtig stolz auf die Mutter

Doch kann sich Fay nicht vorstellen, als Elternbeirätin aufzuhören. Man könne viel bewirken, die „Schulgemeinschaft schöner gestalten“. Dank ihrer Ehrenämter habe sie viele motivierte Eltern kennengelernt, und es seien einige Freundschaften entstanden. Außerdem: „Mir geht es sehr gut, ich gebe davon gerne etwas weiter.“ Das ist vor allem im Stadtteil Höchst, in dem Fay wohnt, ein sehr ehrenvolles Anliegen. Denn dort gibt es viele Eltern, die nicht gut Deutsch sprechen und die sich kaum im Bildungssystem auskennen.

Wie viele Stunden in der Woche beansprucht das Ehrenamt? Sechs bis sieben Stunden, meint Fay zu Beginn des Gesprächs. Zwischendurch korrigiert sie sich: „Es sind eher 10 Stunden.“ Am Ende ist sie sicher, dass auch das zu niedrig gegriffen ist. Ihre Söhne, erzählt sie, seien mächtig stolz auf die Mutter. Und es scheint sogar ein Ehrenamtgen in der Familie zu geben. Der ältere ist Jahrgangsstufensprecher und Mitglied der freiwilligen Feuerwehr. „Gesellschaftliches Engagement ist ein Teil der Erziehung, die ich meinen Söhnen mitgeben möchte“, sagt Fay.

Fussnote:
Nächste Woche Folge 3: Ein Daimler-Mitarbeiter ist als Bewährungshelfer unterwegs
Autor:
Lisa Becker
Datum:
20. July 2012
Quelle:
F.A.Z.

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