Serie „Anders Arbeiten“ Das Büro – ein Raum mit Seele

Vor langen Jahren lebte in einer entlegenen Abtei ein Mönch. In jungen Jahren schon war er dem Kloster beigetreten, denn seine Seele sehnte sich nach Weisheit und nach Wissen. Als Knabe hatte er vernommen, dass die Mönche jenes Klosters einen reichen Schatz an Büchern hüteten, die sie in großer Treue und mit unsagbarem Fleiß abschrieben und mit feinen Bildern illustrierten. Da er davon hörte, fasste er den einsamen Entschluss, seiner Heimat Lebewohl zu sagen und um Aufnahme in die Abtei zu bitten. Und so kam es, dass der Mann zunächst Novize wurde, ehe er vom Abt als Schreiber und Kopist in Dienst genommen wurde.

Die Jahre zogen langsam und gemächlich über jenes alte Kloster fort, und unser Mönch spürte die Vorboten des Alters in den Gliedern. Seit ein paar Wochen strengte es ihn an, die riesigen Folianten durch die kalten Klostergänge in die kleine Zelle zu bewegen, wo er mühsam über seine Lagerstatt gebeugt die Arbeit des Kopisten zu verrichten pflegte. Und man sah ihn manche Stunde durchs Geviert des Kreuzgangs schreiten, wo er offenbar in tiefstes Nachdenken versunken war. Und tatsächlich: Unser Mönch ging mit sich um, da er nach einer Antwort auf die Frage suchte, wie er weiter-hin seiner Mission die Treue halten könne – ohne dabei aber doch seine Gesundheit zu gefährden. Weil die Mitbrüder den Grübelnden in Frieden ließen, dauerte es gar nicht lange, bis ein Lächeln über seine Lippen spielte, da der Herr ihm eine Eingebung gewährte.

Er schritt zum Abt des Klosters, der im Rufe höchster Weisheit stand. Mit kluger Hand und großer Umsicht sorgte er dafür, dass die Abtei ein Ort des guten Lebens war. Er hatte sich in seiner Jugendzeit mit Wissenschaft befasst und kannte die Mysterien des Himmels und der Erde. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass er stets den Blick aufs Ganze wahrte. Die Abtei war ihm ein Abbild unseres Kosmos. Und er wusste, dass er seinen Brüdern dann am besten dienen könne, wenn er all die ewigen und ehernen Gesetze, die im Kosmos walten, auch in ihrem kleinen Universum geltend machte. Also achtete er darauf, dass jeder seiner Mitbrüder die gleiche, ungeteilte Achtsamkeit von ihm erhielte – und dass jeder die ihm eigenen und unverwechselbaren Potentiale seiner Seele frei und schön entfalten könne.

Mit Leichtigkeit und ohne Schmerz

Also wurde unser Mönch vom Abt des Klosters warmherzig empfangen und darauf befragt, welches Begehr ihn zu ihm führe. Da erwiderte der Mönch, er stelle fest, dass ihm das Alter in die Glieder fahre. Deshalb wünsche er, seiner Aufgabe als Schreiber und Kopist fortan direkt am Standort der Folianten, Schriftrollen und Bücher nachgehen zu dürfen. Um solches zu ermöglichen, habe er eine Art von Pult ersonnen, an dem stehend er sein tägliches Geschäft mit Leichtigkeit und ohne Schmerz werde verrichten können.

Der Abt war entzückt über den Einfallsreichtum seines Bruders, dankte ihm für seinen Vorschlag und gewährte seine Bitte, solch ein Pult zu bauen. Unser Mönch schritt mit Begeisterung zu Werke. Seine kleine Zelle wurde über Nacht zur Werkstatt, wo er hämmerte und sägte, nagelte und klopfte. Er probierte dies und jenes. Dass er darüber die Aufgabe als Schreiber ein paar Wochen ruhen ließ, empörte seine Brüder nicht. Denn sie hatten Freude an der kühnen Schöpferlust ihres Gefährten.

Endlich war der Tag gekommen, da er schwerfällig sein Pult durchs enge Treppenhaus in jene große Halle schleppte, wo die Bücher lagerten. Frohgemut zog er das schwerste aller Konvolute aus dem großen, alten Schrank hervor und wuchtete es auf sein Schreibpult. Aber ach, das Buch war zu gewichtig oder sein Gestell zu schwach – auf jeden Fall zerbarst es auf der Stelle, und das teure Buch fiel dumpf zu Boden. Groß war da das Mitgefühl der Brüder, die ihn trösteten und ihn ermutigten, nicht aufzugeben, sondern eine andere und bessere Lösung zu finden. Da standen sie im Kreis und tauschten ihre Meinung aus. Der Abt ließ sie gewähren, denn er wusste, dass es gut sei, wenn die Mönche kokreativ zusammenfänden. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, da hatten sie gemeinsam einen Einfall: Sie wollten aus der Tischlerei zwei große, stämmige Böcke und ein starkes Brett herbeischaffen, das mühelos das Schwergewicht der Bücher tragen werde.

Aus der Burra über dem Tisch wurde das Büro

Gesagt, getan. Sogleich wurde die Entscheidung ausgeführt. Noch hatte die Glocke nicht zu den Laudes geschlagen, da hatten die Mönche in gemeinsamer Arbeit einen Tisch gezaubert. Allein, just in dem Augenblick, da unser Mönch den riesigen Folianten auf der festen Platte niederlegen wollte, hielt er inne. Denn er sah die Spreißel und die Splitter, die aus der ungehobelten Platte hervorlugten. Er legte das Buch zurück, entledigte sich des Überwurfs seines Gewandes und breitete diese Burra über die rauhe Platte seines Tisches. Nun konnte seinen geliebten Büchern nichts geschehen. Denn das Filztuch seiner Burra schützte sie vor möglichen Beschädigungen.

Und zugleich hatte der Mönch etwas erfunden, von dem damals niemand ahnte, welch eine große und vielschichtige Geschichte ihm beschieden sein würde: das bureau, das Büro. Denn aus jener schlichten, einfachen doch wirkungsvollen Filzauflage zum Schutz kostbarer Bücher sollte in späteren Zeiten ein Raum werden, der nicht allein dem Schutz der Bücher dient, sondern dem Schutze dessen, was noch kostbarer als Bücher ist – dem Schutz des Menschen.

Gewiss ahnte unser Mönch noch nichts von dem, was später als Büro bezeichnet werden sollte. Doch was er kannte, prägt bis heute die Idee eines Büros: die klösterliche Welt, in der er lebte. Das Kloster selbst war, ganz wie seine Burra, ein Ort zum Schutz des Kostbarsten: ein Ort zum Schutz des Menschen, seiner Lebendigkeit und Kreativität. Vom Kloster kann man daher lernen, wie Büros eingerichtet werden sollten, wenn sie nicht nur der Funktionalität von Unternehmen dienen, sondern vornehmlich im Dienst des Menschen stehen.

Ohne Druck und in Freiheit

Es ist wohl kein Zufall, dass die Geschichte des Büros in einem Kloster ihren Anfang nahm. Und deshalb liegt es nahe, noch ein wenig bei den Klosterbrüdern zu verweilen, wenn man wissen möchte, was noch heute für die Ausgestaltung von Büros beachtet werden sollte, wenn sie dem Wachsen, Blühen und Gedeihen des Menschen dienen sollen. Kehren wir zurück ins Kloster.

Unser Mönch war glücklich. Eine Lösung war gefunden, das Gespräch im Kreis der Brüder hatte Frucht getragen. Gut war es, dass dafür Raum und Zeit bestanden hatten. Ja, es zeigte sich doch immer wieder, dass der schöpferische Geist am liebsten dann in die Mönche fuhr, wenn sie ohne Druck in Freiheit miteinander reden konnten. Zum ersten Mal, so schien es unserem Mönch, verstand er nun die tiefe Weisheit jenes vielzitierten Worts des Ordensgründers, das da lautet: „Ora et labora!“: Bete und arbeite! Denn der Wechsel zwischen schöpferischer Arbeit – creatio – und Erholung – recreatio – schien ihm wie der Herzschlag der geteilten Zeit seiner Gemeinschaft. Er ermöglichte ein Gleichgewicht des Geistes: das, was spätere Wissenschaftler als die Synchronisation von rechter und linker Gehirnhälfte beschreiben würden.

Und also freute sich der Mönch, da, kaum dass sein Büro erfunden war, die Glocken ihn und seine Brüder in die Kirche riefen. All das atmete den Geist der Harmonie, und ein tiefer Frieden drang in seine Seele. „Ja, hier ist es gut“, so dachte er, „hier finden Leib und Seele Nahrung. Überall ist Schönheit. Alles ist befreit von Not und Sorge – ein beseelter Raum.“ Dabei wusste er durchaus, dass auch ein Kloster Wirtschaft treiben musste. Und er war sich nicht im Unklaren darüber, dass die Freiheit und die Schönheit, die er atmen durfte, durch den Fleiß und durch die Arbeit jener Mitbrüder erworben wurden, die mit ihrer Hände Arbeit auf den Feldern oder in den Werkstätten besorgten, was sie alle hier zum Leben brauchten. Ja, die Regeln, die der Gründer für das Leben der Gemeinschaft aufgeschrieben hatte, waren wohldurchdacht. Regelmäßigkeit, so dachte er, sorgt dafür, dass jeder hier sein Bestes geben und entfalten kann. Poesie und Arbeit greifen ineinander, ebenso wie Leib und Geist, wie Essen und Lektüre. Und er freute sich darauf, die Jahre, die ihm noch beschieden wären, hier an diesem Orte zu verrichten, wo das Kostbarste so gut geschützt ist: hier, wo seine Burra lag – hier, in seinem Büro.

Fussnote:
Buch zum Thema: Andreas Kulick/Christoph Quarch/Jan Teunen: Officina Humana. Das Büro als Lebensraum für Potenzialentfaltung. AV Edition, 2017.
Autor:
Christoph Quarch und Jan Teunen
Datum:
1. January 2018
Quelle:
F.A.S.

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