Bildung Alle finden das elektronische Schulbuch toll

Schüler müssen keine schweren Ranzen oder Rucksäcke mehr schleppen; das gesamte Lernmaterial befindet sich auf einem handlichen elektronischen Gerät: Das ist noch Zukunftsmusik – doch nicht nur Schüler hoffen, es könnte bald so sein. Nach einer Umfrage der Beratungsgesellschaft PWC zeigen sich viele Bundesbürger offen für eine Umstellung vom klassischen Schulbuch auf elektronische Materialien. 53 Prozent heißen einen zunehmenden Einsatz gut; in Haushalten mit schulpflichtigen Kindern beträgt die Zustimmung 59 Prozent.

Als wichtigsten Vorteil sehen die Befragten ein geringeres Gewicht und weniger Platzbedarf (rund 60 Prozent). Die Hälfte erhofft sich Lehrmaterial, das immer auf dem aktuellen Stand ist. Allerdings äußern nicht wenige auch Sorgen: Gut die Hälfte gibt an, Kinder und Jugendliche säßen ohnehin schon zu viel vor dem Computer und Fernseher. Ähnlich viele befürchten eine zunehmende Abhängigkeit von der Technik.

Michael Schuhen, Geschäftsführer des Zentrums für ökonomische Bildung (Zöbis) der Universität Siegen, ist Fachmann für elektronische Schulbücher; unter seiner Leitung wurde über Jahre eines für Ökonomie entwickelt: Das Econ-E-Book ist eines der wenigen seiner Art in Deutschland und wird gerade von 2500 Schülern getestet. „Ein elektronisches Schulbuch unterscheidet sich deutlich von den bisher üblichen E-Books, die nur ein PDF sind. Damit kann man nichts machen“, sagt Schuhen. Außerdem gibt es digitale Bücher: PDF, in denen man etwas markieren und auch mal eine einfache Aufgabe lösen kann.

Wissen besser anwenden und übertragen

Einen wirklichen didaktischen Fortschritt bringen aber nur die elektronischen Schulbücher, wie das Econ-E-Book. Schüler können mit ihren Tablets untereinander agieren und Experimente durchführen, erläutert Schuhen. Sie können zum Beispiel Tarifverhandlungen simulieren und spielerisch lernen, wie Angebots- und Nachfragekurven entstehen. Der Siegener Wissenschaftler hat festgestellt: Schüler, die auf diese Weise lernen, können Wissen besser anwenden und übertragen und schärfen ihr Urteilsvermögen. „Die Schüler waren Verhandler, Anbieter oder Monopolisten und können sich in die Rolle der anderen besser hineinversetzen.“

Die Jugendlichen fänden das Buch toll, berichtet er. Allerdings merkten sie auch, dass man nun eine Menge über sie wissen könne, was sie nicht preisgeben möchten, zum Beispiel, ob und wann sie ihre Hausaufgaben gemacht haben. Bei der Entwicklung solcher Bücher muss man sich deshalb mit Fragen des Datenschutzes auseinandersetzen. „Man muss vorher festlegen, wer was wissen darf“, sagt Schuhen. Zudem stelle die richtige Handhabung der elektronischen Bücher große Anforderungen an die Lehrer. Sie müssten sich fachlich sehr gut auskennen, um sie sinnvoll einzusetzen. Für das Econ-E-Book zum Beispiel brauche es gut ausgebildetet Wirtschaftslehrer.

Unklar ist, wie es auf dem Markt für digitale Lernmaterialien weitergehen wird. PWC erwartet, dass die Politik die Umstellung in den nächsten Jahren deutlich vorantreiben wird – und rechnet mit „dramatischen Einbrüchen“ im Geschäft mit klassischen Schulbüchern. Man verweist auf den Beschluss im Koalitionsvertrag von Union und SPD, in den kommenden Jahren Milliarden in den Aufbau der digitalen Infrastruktur an den Schulen zu stecken. „Für manche Verlage geht es hier um existentielle Fragen. Denn allein im vergangenen Jahr hat die Branche hierzulande 1,85 Milliarden Euro mit Schul- und Lehrbüchern umgesetzt – wovon mehr als 95 Prozent auf traditionelle Printprodukte entfielen“, sagt PWC-Medienfachmann Werner Ballhaus. Schuhen ist indes skeptisch, dass viel mehr Schüler bald mit elektronischen Schulbüchern, die wirkliche Lernfortschritte bringen, werden lernen können. „Ein Text in einem Schulbuch ist relativ schnell geschrieben.“ Sehr aufwendig und anspruchsvoll sei es aber, eine gute Aufgabe dazu zu entwickeln. Für ein Planspiel könne sich die Entwicklung über ein Jahr hinziehen und 40 000 Euro und mehr kosten.

„Viel Geld ohne Sinn und Verstand“

Auf die Milliarden einer neuen Bundesregierung für die digitale Ausstattung der Schulen blickt der Betriebswirt mit Skepsis. Groß ist seine Befürchtung, es würde schnell „viel Geld ohne Sinn und Verstand“ ausgegeben. „Dann wird eine Menge Hardware gekauft, und die Lehrer sind noch nicht fortgebildet und können nicht damit umgehen.“ Schritt für Schritt müsse vorgegangen werden; zunächst müssten die Lehrer ausgebildet werden. Nur dann nutzten sie die elektronischen Materialien sinnvoll. Schuhen glaubt nicht, dass in den kommenden fünf Jahren viel in Sachen elektronischer Schulbücher passieren wird. „Dann hätten wir in fünf Jahren neue Lehrer.“

Bisher gibt es erst wenige solche Bücher. Kaufen kann man das preisgekrönte M-Book für Geschichte. Es wurde an der Universität Eichstätt-Ingolstadt entwickelt und gehört nun dem Cornelsen-Verlag, der es in ganz Deutschland vertreibt. Sehr verbreitet unter Informatiklehrern ist das Inf-Schule des Pädagogischen Landesinstituts Rheinland-Pfalz.

Laut Fachmann Schuhen entstünden mehr solche Bücher durch öffentliche Ausschreibungen, um die sich dann Hochschulen und Unternehmen bewerben könnten. Wohin sich der Markt für Schulbücher entwickle, sei nicht absehbar. Junge, in digitaler Bildung bewanderte Unternehmen könnten den bisherigen Verlagen gehörig Konkurrenz machen, glaubt er.

Fussnote:
Autor:
Lisa Becker
Datum:
8. February 2018
Quelle:
F.A.Z.

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