Quereinsteiger gesucht Neue Lehrer braucht das Land

An vielen Schulen hat eine Disziplin Konjunktur, die in keinem offiziellen Lehrplan steht: Lückenfüllen. Es scheint, als werde landauf, landab nach neuen Lehrern gefahndet – und als seien die Zeiten für Quereinsteiger paradiesisch. Allerdings: Fachfremde Bewerber für den Lehrerberuf müssen sich – anders als Zeki Müller, Deutschlands bekanntester Seiteneinsteiger aus dem Kinofilm „Fack ju Göhte“ – erst umfangreich weiterbilden. Und die Ausbildung ist fordernd: Die Seiteneinsteiger erteilen Unterricht und erhalten berufsbegleitend die Qualifizierung. Dabei gibt es große Unterschiede je nach Bundesland, Schulart und Vorbildung. In Sachsen etwa waren zu Beginn des Schuljahres 2017/18 fast siebzig Prozent der neuen Grundschullehrer Seiteneinsteiger. Einige Bundesländer unterscheiden zwischen Quereinsteigern, die zwar kein Lehramt studiert haben, aber ein Referendariat vorweisen können, und Seiteneinsteigern, aus deren Abschlüssen sich Unterrichtsfächer immerhin ableiten lassen.

Die Situation der fehlenden, grundständig ausgebildeten Grundschullehrer betrifft fast alle Bundesländer, denn die Zuwanderung aus den Jahren 2015 und 2016 hat laut dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, einen Mehrbedarf von 20.000 Lehrkräften bewirkt, und zwar zumeist an Grundschulen. Zudem wurde der Geburtenanstieg der vergangenen Jahre falsch prognostiziert. Vor allem die neuen Länder wurden von ihrer Entscheidung eingeholt, über Jahre hinweg die Ausbildungskapazitäten für Lehrer an ihren Universitäten zu reduzieren.

Das Bundesland Sachsen etwa belegt seit Jahren die vorderen Plätze in den schulischen Vergleichsstudien und zeigt, dass in der Vergangenheit viele richtige Voraussetzungen geschaffen wurden. Rückschlüsse auf die Güte der aktuellen Bildungspolitik lassen diese Studien allerdings nicht immer zu. Zudem hatte Sachsen versäumt, die zukünftigen Bedarfe für Lehrer zeitnah zu berechnen. Eine Folge: Der Zyklus wurde nun auf zwei Jahre verkürzt. Durch das Ausbleiben qualifizierter Bewerber gab es in Sachsen ein jähes Erwachen: Im Schuljahr 2017/18 wurden zwar fast alle der 1400 offenen Lehrerstellen besetzt. Mehr als die Hälfte der Lehrer haben aber keine Lehramtsbefähigung.

Einstiegsfortbildung für die Neuen

Inzwischen wird für die Beseitigung dieses Mangels einiger Aufwand getrieben: Anders als im Vorjahr 2016/17, als ein Fünftel der neuen Seiteneinsteiger wieder kündigte, erhalten die Neuen eine Einstiegsfortbildung, um nicht unvorbereitet in die Praxis geschubst zu werden. Ein eigenes Stipendium für Lehramtsstudenten, die in ländlichen Räumen unterrichten sollen, wurde aufgelegt, und die Verbeamtung der Lehrer wird erwogen. Auch Bewerber aus dem außereuropäischen Ausland werden zugelassen. Ihre Qualifizierung wird durch individuelle Gutachten ermittelt. Allgemein gilt: Wer sich als Grundschullehrer ausbilden lassen will, erhält eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung in Grundschuldidaktik, gefolgt von einem einjährigen berufsbegleitenden Referendariat. Um die große zeitliche Beanspruchung weiß man auch im sächsischen Kultusministerium: „Das Privatleben ist in der Ausbildungszeit begrenzt“, heißt es dort.

Die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft sieht die Entwicklung an den Grundschulen allerdings kritisch. Dass Seiten- und Quereinsteiger in den Schuldienst der Länder eingestellt und sogar dauerhaft übernommen werden, kommt hier nicht durchweg gut an. Mit „Schnellkursen“ könnten die Standards für gute Grundschullehrer nicht erreicht werden, die Professionalität des Systems Grundschule werde so beeinträchtigt. Die Autorinnen der jüngsten Stellungnahme merken an, dass ein vergleichbares Vorgehen in der Medizin als verantwortungslos und undenkbar bezeichnet werden würde.

Bewerber für andere Schularten in Sachsen dagegen, die bereits einen Studienabschluss in einem Fach haben, erhalten berufsbegleitend eine einjährige schulpraktische Ausbildung, in der Didaktik und Methodik vermittelt werden. Danach studieren sie berufsbegleitend ein zweites Schulfach in einem eigens dafür aufgelegten Programm von vier Semestern. Für beide Fächer bekommen sie die sächsische Lehramtsbefähigung, aber kein Staatsexamen – womit dieser Abschluss einen Wechsel in ein anderes Bundesland erschweren könnte. „Die Länder haben ein großes Interesse daran, dass die Seiteneinsteiger möglichst schnell und viel unterrichten“, sagt Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband.

Die Situation im Bundesland Bayern, ebenfalls ständiger Spitzenreiter in den ländervergleichenden Schulstudien, ist anders. Jährlich wird vorausberechnet, wie viele Lehrer künftig gebraucht werden. Dennoch gibt es in Bayern ein Überangebot an Real- und Gymnasiallehrern, die seit dem Schuljahr 2015/16 durch eine zweijährige Qualifizierungsmaßnahme zu Grund- und Förderschullehrern ausgebildet werden. Sie sollen den zukünftigen Bedarf decken. Dies bietet derzeit etwas mehr als 12.000 zurückgestellten Kandidaten, die auf der Warteliste standen und auf ihren Berufseinstieg warteten, eine bezahlte Umschulungszeit und eine spätere Verbeamtung. Die kommode Ausstattung mit Lehrern in Bayern erlaubt sogar eine mobile Lehrerreserve, die Ersatz für Lehrkräfte stellt, die unerwartet für längere Zeit ausfallen. Laut Meidinger liegt es auch an der geringen Mobilitätsbereitschaft mancher jungen Lehrkräfte, dass es in einem Bundesland einen Überhang gibt, in anderen aber händeringend nach ihnen gesucht wird.

Seit dem Schuljahr 2017/18 hat Bayern auch eine sogenannte „Sondermaßnahme“ eingeführt, die fehlende Berufsschullehrer im Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik, Drucktechnik oder Medientechnik durch Quereinsteiger ausgleichen soll. Nach einer zweijährigen Referendariatszeit erhalten die Bewerber das zweite Staatsexamen. „Diese Form von Quereinstieg hat es an den gewerblichen Berufsschulen schon immer gegeben“, sagt Meidinger. „Es gibt aber mitunter neue Ausbildungsberufe, bei denen die Lehrerbildung nachhinkt.“

Lehrerbedarfsprognosen sind laut Meidinger mit einigen Unsicherheiten behaftet. Es habe sich gezeigt, dass es nicht unbedingt ratsam ist, Lehramtsberufe zu studieren, wenn aktuell großer Lehrermangel herrscht. Denn wie beim sogenannten Schweinezyklus träfen sich Angebot und Nachfrage erst mit größerer Verzögerung. Zudem sei es schwer zu prognostizieren, wie viele Lehramtsstudenten – insbesondere der naturwissenschaftlichen Fächer – nach Studienende von der Wirtschaft abgeworben werden. Es habe Jahrgänge gegeben, von denen sei mehr als die Hälfte in die Industrie abgewandert.

Auch in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, sieht es bei der Deckung des Lehrerbedarfs schwierig aus. Zum Schuljahresbeginn 2017/18 konnte nur die Hälfte der neu zu vergebenden Stellen besetzt werden. War im Jahr 2010 noch gut jeder sechste neu eingestellte Lehrer ein Seiteneinsteiger, ging diese Entwicklung in den Folgejahren erst stark zurück und stieg im Schuljahr 2017/18 wieder auf mehr als zehn Prozent an. Bei den Haupt- und Berufsschulen waren es sogar mehr als 20 Prozent. Bewerber, aus deren Studium sich Unterrichtsfächer ableiten lassen, unterrichten erst unter Anleitung, später allein und studieren dann berufsbegleitend. Absolventen von Fachhochschulen mit einer Anstellung am Berufskolleg holen ihren „Master of Education“ nach, absolvieren wie die Bewerber mit zwei Fächern ein Referendariat und legen danach die Staatsprüfung ab. Allein die Seiteneinsteiger, die nur ein Fach unterrichten, erhalten eine einjährige pädagogische Einführungsmaßnahme. Diese reicht zwar nicht für eine Lehramtsbefähigung, aber sie ist trotzdem die meistgewählte Option.

Wer ist der bessere Pädagoge?

Durch Einstellungen von Quereinsteigern wird der Zusammenhalt innerhalb des Kollegiums in jedem Fall auf die Probe gestellt. Denn die Unterstützungsleistungen, die etablierte Kollegen den Neuen gewähren, erfordern eine hohe Motivation. Diesen Eingliederungsprozess zu meistern ist eine herausfordernde Aufgabe für die Schulleitung. Laut Meidinger kann ein Schulbetrieb bis zu zehn Prozent Seiteneinsteiger auffangen, etwa mit Tandembildung. Wenn es deutlich darüber hinausgeht, werde es aber problematisch.

Ob der bessere Pädagoge nun derjenige ist, der die „letzte Ausfahrt Schule“ genommen hat und als Quereinsteiger ans Ziel kommt, oder derjenige, der Lehramt studiert hat, dürfte von Fall zu Fall unterschiedlich sein – zumal bis zu ein Drittel der Lehramtsstudenten angibt, dass sie nicht ihren Erstwunsch studieren. So oder so lastet auf angehenden Lehrern jede Menge Verantwortung. Durch didaktische Reduktion müsse der Fachgegenstand in jeder Stunde für die Schüler neu aufbereitet und die Zusammenhänge durchschaubar werden, sagt Herwart Kemper, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Erfurt. Auch müssten Lehrer die Potentiale ihrer Schüler einschätzen und individuell fördern können sowie die gruppendynamischen Prozesse in der Klasse im Blick haben. Ohne eine überzeugende Haltung und Erziehungsidee funktioniere das nicht.

Möglicherweise sogar belastbarer

Quereinsteiger, die den Lehrerberuf erst später für sich entdeckt haben, sind durch ihr höheres Alter und ihre größere Berufserfahrung möglicherweise sogar belastbarer als Kollegen mit konventionellem Ausbildungsweg und können strukturierter arbeiten. Sie bringen Anforderungen aus der Wirtschaft mit und wissen, was man im Arbeitsleben braucht. Allerdings verfügen grundständig ausgebildete Lehrer durch ihre umfassende didaktische und pädagogische Ausbildung über ein breites Repertoire und durch ihr Referendariat über mehr Praxis im Unterricht. Das verhindert aber nicht, dass auch sie sich mitunter Situationen ausgesetzt sehen, auf die sie nicht vorbereitet wurden. Denn die personelle Notlage wird durch die zunehmende Heterogenität der Schüler noch verschärft: Klassen mit Kindern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist oder die Inklusionsbedarf haben, brauchen eigene Lehrer. Auch zusätzliche Lehrkräfte, die das Angebot in Ganztagsschulen aufrechterhalten, sind nötig.

Zudem stellt sich die Frage, wie mit Hochbegabten umgegangen wird, die ebenfalls eine individuelle Förderung brauchen. Dass die Anforderungen kaum abnehmen werden, ist absehbar. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung werden im Jahr 2030 acht Prozent mehr Kinder die Schule besuchen als heute. 27.000 zusätzliche Lehrer in der Sekundarstufe I und rund 24.000 weitere Grundschullehrer werden schon im Jahr 2025 benötigt. Die Zeit der Quereinsteiger dürfte also noch lange nicht vorbei sein.

Fussnote:
Autor:
Carolin Wilms
Datum:
2. January 2018
Quelle:
F.A.Z.

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