Ein Ehrenamt kann richtig Arbeit sein, nicht nur die Tätigkeit selbst, sondern auch der Weg dorthin. Bei meinem letzten ehrenamtlichen Engagement wurde ich auf Herz und Nieren geprüft, die Prozedur war so umfangreich, dass auch eine gehobene bezahlte Position an ihrem Ende hätte stehen können: Nachdem ich umfangreiche Bewerbungsunterlagen eingereicht hatte, musste ich mich einem ausführliches Bewerbungsgespräch stellen: über meine Motivation, meine Qualifikation, meine menschlichen Qualitäten. Knapp eine Stunde saß ich in einem hellen Büro und habe der Mitarbeiterin einer gemeinnützigen Organisation bereitwillig Auskunft gegeben. Ich fand das irgendwie ganz amüsant.
Dann musste ich zwei berufliche Kontakte angeben, die für meine Integrität und Rechtschaffenheit geradestehen. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass sie auch tatsächlich als Kronzeugen herangezogen würden. Doch keine Woche später kam die Meldung, dass meine Kollegen meine altruistischen Beweggründe glaubhaft beteuert hätten. Ein bisschen peinlich war mir, so viel Wind verursacht zu haben.
Dann folgte der nächste Gang ins Organisationsbüro: ein Vorbereitungskurs über die Rechte und Pflichten von ehrenamtlichen Mitarbeitern, einen ganzen Abend lang bei Chips und Cola. Bei jedem noch so anspruchsvollen Praktikum hatte ich vorher weniger Aufwand. Dabei wollte ich nur tun, was ich schon lange vorher privat gemacht hatte: älteren Herrschaften jenseits der 80 Jahre die Zeit vertreiben. Mal einen Einkauf erledigen, mal die Brille reparieren lassen, mal einen Film gemeinsam schauen. Aber vor allen Dingen: viel über das Leben reden, Interessantes erfahren, Inspiration bekommen, vielleicht sogar ein bisschen Lebenshilfe. Das ist für mich die Mindestanforderung, darunter mache ich es nicht. Zeit habe ich nämlich nicht zu verschenken.
Bei meinem alten Freund Peter, im zarten Alter von 87 Jahren friedlich entschlafen, durfte ich all das ohne aufwendiges Bewerbungsverfahren, solange ich nur etwas zu seinem Amüsement beizutragen hatte. Eine Herausforderung jedes Mal, anspruchsvoller als ein Geschäftsessen und lehrreicher als jede Fortbildung. Beim Mittagessen im Nobelrestaurant schlief er immer kurz am Tisch ein, die Kellner in ihren exquisiten Anzügen flüsterten dann nur noch diskret, um ihn nicht zu wecken. Wenn er wach war, lieferte er Lebensweisheiten am Fließband, seine Gelassenheit wurde mir zum Vorbild. Allerdings flossen wir beide auch in keine Statistik ein. Was ist Privatvergnügen, was gesellschaftlich sinnvoll? Die Grenzen zerfließen.
Zugegeben, das umfangreiche Bewerbungsverfahren spielte in New York und spiegelt deshalb wohl auch nicht die gängige Praxis hierzulande wider. Amerika ist das Land der „Volunteers“, fast jeder Zweite ist dort irgendwie ehrenamtlich engagiert. Außerdem ist es das Mutterland der Haftung und der Rechtsstreitigkeiten, ein gutes Herz und ein paar helfende Hände schützen dort nicht vor immensen Schadensersatzansprüchen, wenn mal etwas schiefgeht. Kurz: Die Tausende von Non-Profit-Organisationen können und müssen ihre Helfer sorgfältig auswählen.
Doch auch Deutschland muss sich nicht verstecken, hierzulande engagiert sich mehr als jeder vierte Bürger ehrenamtlich. Ein Massenphänomen, für das es allenfalls ein paar Zahlen, aber nur wenig Erklärung gibt. In den vergangenen elf Jahren ist der Anteil stark gestiegen, von 18 Prozent im Jahr 1999 auf 28 Prozent 2011, wie eine Studie der Sozialforschungsstelle Dortmund ergab. Besonders beliebt ist der Sport, als Fußballtrainer oder Turnvater ist jeder dritte Ehrenamtler aktiv. Andere engagieren sich in der Kirche, in der freiwilligen Feuerwehr oder beim Technischen Hilfswerk. Inzwischen gibt es über 400 Agenturen, die Freiwillige vermitteln. In Geld ist der Wert der Arbeit nicht zu bezifferten, zu unterschiedlich sind die einzelnen Tätigkeiten, zu unterschiedlich wäre ihre Bewertung.
Dabei ist die berufliche Arbeit nicht weniger geworden. Im Gegenteil. Viele Berufstätige stöhnen unter der wachsenden Arbeitslast. Was also treibt Menschen an, neben ihrem Beruf und ihren familiären Verpflichtungen ihre Zeit anderen auch noch kostenlos zur Verfügung zu stellen? Die einst gängige Theorie des Homo oeconomicus, eines Menschen, der sich in seinen Entscheidungen ausschließlich von der Nutzenmaximierung leiten lässt, ist längst widerlegt. Das gilt auch für den Bereich des Ehrenamts: Aus wirtschaftlichen Gründen ist eine freiwillige kostenlose Arbeit nicht nur unsinnig, sie ist sogar kontraproduktiv, hindert sie uns doch daran, in der gleichen Zeit durch produktive bezahlte Arbeit den eigenen Profit zu optimieren.
Nur von der Steuer bekommt man etwas geschenkt. Ehrenamtliche etwa profitieren von Steuerfreibeträgen, die sich im Jahr auf rund 2 Milliarden Euro summieren. Künftig soll es noch mehr sein: Die schwarz-gelbe Koalition möchte vom kommenden Jahr an die steuerfreie Pauschale für Übungsleiter um 300 Euro auf 2400 Euro anheben. Die Ehrenamtspauschale soll von 500 Euro auf 600 Euro im Jahr steigen. Allerdings lauern rechtliche Risiken: Der Vorstand eines gemeinnützigen Vereins haftet genauso wie der Chef eines Unternehmens.
Deshalb muss es etwas anderes sein, das die Menschen antreibt: der Reiz, ungezwungen und ohne beruflichen Druck etwas völlig Neues auszuprobieren zum Beispiel. Das Glück, anderen Menschen in Not zu helfen. Die Inspiration, etwas Bleibendes zu schaffen. Aber auch: Das klare Kalkül, die Karriere voranzutreiben und das Netzwerk auszubauen. Ehrenamtliches Engagement macht sich gut im Lebenslauf, das weiß heutzutage jeder Schüler.
So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich ist auch ihre Motivation. Die Redaktion von „Beruf und Chance“ begleitet in den nächsten Wochen Männer und Frauen, die ihre freie Zeit in die Gesellschaft investieren. Darunter sind Tierärzte, die an Wochenenden kostenlos die Hunde von Obdachlosen behandeln, Menschen, die in ihrer freien Zeit Strafgefangenen zurück auf den richtigen Weg helfen, oder Bildungspaten, die benachteiligten Kindern zu einer besseren Zukunft verhelfen wollen. Sie erzählen, wie sie Beruf und freiwilliges Engagement unter einen Hut bringen, was sie antreibt und welche Befriedigung sie aus ihrer Arbeit ziehen.
Mein eigenes ehrenamtliches Engagement ist übrigens im Sande verlaufen. Nach all der Mühe, die sich die gemeinnützige Organisation mit meiner Auswahl gemacht hat, fand sich in ganz New York nur eine ältere Frau, noch weit unter 80 Jahren, die ein bisschen Unterhaltung suchte. Für die Anfahrt zu ihrem Haus brauchte ich mit Bus und S-Bahn eineinhalb Stunden. Sie sprach kaum ein Wort Englisch, ich kaum ein Wort Spanisch, ein richtiges Gespräch kam nicht in Gang, dafür lief die ganze Zeit der Fernseher. Zwischendrin kam ihre Enkelin herein, mit ihr plauderte ich ein wenig. Nach einer schier endlosen Stunde bin ich gegangen und nie wieder gekommen. Lange Zeit hatte ich deswegen ein schlechtes Gewissen, aber ich wollte einfach nicht mehr. Dann wurde mir irgendwann klar: Wir brauchten einander nicht. Auch das passiert auf der Suche nach einer sinnvoller Beschäftigung.
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