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Fußballerausbildung Profis auf der Schulbank

Der Wecker klingelt bei der deutschen Mittelfeldhoffnung an diesem Dienstag um 6.45 Uhr. Arnold Budimbu macht sich in seinem Internatszimmer frisch, geht ans Frühstücksbuffet im großen Speisesaal und sitzt pünktlich um 7.25 Uhr im Bus des 1. FC Köln, der ihn zum Frühtraining fährt. Um 8 Uhr steht Arnold auf dem Platz, mit Spaß - aber auch Druck: "Ich will Fußballprofi werden. Das ist mein Ziel."

Arnold Budimbu kann darauf hoffen, schließlich gehört er zu jenen jungen Kickern, die es in die Elitenachwuchsförderung im Fußball geschafft haben. Der 17 Jahre alte Sohn kongolesischer Eltern ist schon Deutscher Meister und Spielführer der B-Jugend-Bundesligamannschaft des 1. FC Köln. Abgesehen davon besucht er die 10. Klasse der Elsa-Brandström-Realschule (EBS) in Köln-Sülz, ein paar hundert Meter vom Vereinsheim entfernt.

Eine Fußballkarriere ist auch ein Bildungsthema

Im Gegensatz zu anderen Disziplinen ist diese Verknüpfung von Schule und Vereinen in Deutschlands beliebtester Sportart recht neu. "Die Planung einer Fußballkarriere ist auch ein Bildungsthema", sagt Christoph Henkel, Geschäftsführer beim Nachwuchsbereich des 1. FC Köln. "Bedauerlicherweise war das im deutschen Fußball aber bis vor wenigen Jahren nicht selbstverständlich."

Gemeinsam mit der Schulleiterin Beate Weisbarth von der EBS hat Henkel das Buch "Karriereziel Fußballprofi" geschrieben. "Wir wollen das Thema vorantreiben und zeigen, dass Fußball und Bildung nicht getrennt voneinander funktionieren", sagt Weisbarth. Das bedeutet auch: Fußballtrainer werden Akteure im Bildungssystem. Die Anforderungen steigen nicht nur für die Spieler.

Wenn Arnold Budimbu in die Schule geht, kommt er oft schon vom Leistungssport. Oder er geht nach der Schule dorthin. Die Kritik, das Lob des Trainers oder der Lehrerin liegen nur Minuten zurück und hängen ihm oft nach. An diesem Dienstag steht nach dem Training zuerst Englisch auf dem Programm. Immerhin kein Mathe. "Manchmal habe ich trotzdem nur den Fußball im Kopf und kann mich kaum konzentrieren", sagt Budimbu.

Schulleiterin Weisbarth fordert von ihren Kollegen einen sensiblen, manchmal aber auch harten Umgang mit den Launen der Jungsportler. Oft hätten diese aber auch mit dem Neid der anderen zu kämpfen. Gerade wenn bei Toptalenten Turniere anstehen und die Kicker unterrichtsfrei bekommen, kann das für Unmut bei den anderen sorgen. "Ich lasse die Jugendlichen dann erzählen, was sie so am letzten Wochenende gemacht haben", sagt die Schulleiterin.

Die meisten berichten von Partys, Shopping, Fernsehen. Und zuletzt erzählt der Spieler: Freitagabend Busreise, Samstag 7 Uhr Aufstehen, Turnier bis Sonntagabend, Rückfahrt, Hausaufgaben. "So ein Vergleich erhöht den Respekt", sagt die Pädagogin. Die Autoren haben in ihrem Buch eine typische Woche eines U-17-Spielers analysiert: 32 Stunden Freizeit stehen 30 Stunden Schule, 8 Stunden Hausaufgaben und 31 Stunden Training und Spiel gegenüber.

In Köln hat man erkannt, dass ein Konzept nötig ist

Erst in den vergangenen zehn Jahren ist die Talentförderung im deutschen Fußball systematisch aufgebaut worden. Das Zusammenspiel aus Schule und Vereinen kam als neuer Faktor überhaupt erst in den Blick, sagt Christoph Henkel: "Heute ist aber allen in den Vereinen klar, dass Bildung für künftige Profis wichtig ist."

Das Bild vom ungebildeten Profi existiert noch in den Köpfen - in der Realität wird es gerade durch fundiert ausgebildete Lizenzspieler ersetzt. Henkel hält die Doppelbelastung aus Lehr- und Trainingsplan auf dem Weg in die Eliteliga gerade für wertvoll - für den sportlichen Erfolg: "Mehr Anforderungen steigern die Leistung. Oft sehen wir, wie sie nach dem Schulabgang deutlich sinkt."

Beate Weisbarth und Christoph Henkel sind überzeugt, dass die Entwicklung von Top-Talenten nicht nur auf dem Rasen und in der Kabine geschieht. Ihre These: Für künftige Profis ist es förderlich, auch die Kompetenzen zu stärken, die in der Schule vermittelt werden. Vorträge zu halten und Kritik konstruktiv zu üben, mitzudenken.

Im Kölner Modell zeigt sich, dass dieses Ziel einiges voraussetzt. Das Lehrerkollegium muss Lösungen aushecken, um sportliche und schulische Ziele stets rechtlich korrekt zu kombinieren - inklusive der Nutzung von "Grauzonen", wie die Schulleiterin es nennt: Mal werden Klassenarbeiten verschoben, mal ganze Wochen freigegeben.

Und die Struktur muss stimmen. Jeden Nachmittag geht Arnold Budimbu in die Geißbock-Akademie in einem Gebäudetrakt in der Realschule. Hier gibt es für geförderte Sportler auch aus weiteren Hauptschulen, Gymnasien und Berufskollegs Mittagessen. Die Fußballer bekommen Unterstützung bei den Hausaufgaben. "Vor dem nächsten Training möchte ich das möglichst alles erledigen." Es geht eher angespannt zu, und Arnold Budimbu erzählt, dass er sich gelegentlich nach Auszeiten sehnt. "Aber mich motiviert mein Ziel."

Nach der Schule geht die Ausbildung neben dem Platz weiter

Die bestmögliche Ausbildung ist das Ziel, trotz der Chancen auf einen lukrativen Vertrag. Rückt ein Talent zu den Profis auf, so gibt es besondere Hilfen. Nach der Fachoberschulreife beispielsweise die Möglichkeit zum betreuten Fernstudium. Beate Weisbarth und ihre Kollegen helfen, das zu arrangieren - und der Verein stellt Betreuer, die mit den Spielern auf ihr Ziel hin büffeln.

Einer, der beim 1. FC Köln diese Hilfe gerade nutzt, ist der Bundesligaprofi Christian Clemens. "Ich bin nicht nur stolz, weil er das Tor des Monats geschossen hat, sondern besonders, weil er sein Abi machen möchte", sagt Beate Weisbarth. Clemens ist ein motivierendes Beispiel, für Arnold Budimbu. "Da sieht man, dass dieser Weg bis in die Bundesliga führen kann", sagt der Nachwuchsspieler. Deswegen schnürt Budimbu sich sechsmal pro Woche die Fußballschuhe und trainiert, wie auch an diesem Dienstagnachmittag von 17 bis 19 Uhr.

Die Schüler stehen unter ständiger Beobachtung

Der Trainer ist in diesem System mehr als nur Übungsleiter - er gehört zu einem Bildungsnetzwerk. Er nimmt Rücksicht auf die schulische Situation des Spielers, er fragt nach, er hat teil. Noch vor wenigen Jahren war das im Fußball nicht selbstverständlich. Wenn beim Training etwas Auffälliges war, klingelt am nächsten Morgen bei der Lehrerin das Telefon. "Die Spieler würden sich bestimmt manchmal wünschen, dass Schule und Trainer nicht so gut vernetzt sind", sagt Beate Weißbarth.

Das ist ein schwieriger Punkt. Die jungen Athleten stehen in diesem System unter besonderer Beobachtung. "Manchmal vergessen wir, dass wir es mit 16-Jährigen zu tun haben, die auch mal Unsinn machen müssen. Sie brauchen das, um sich zu entwickeln", sagt sie.

Arnold Budimbu will nicht alles auf eine Karte setzen

Der Tag endet für Arnold Budimbu im Internat gleich neben dem Stadion des 1. FC Köln. Das neue Gebäude wurde im vergangenen Jahr für 4,5 Millionen Euro gebaut. Hier gibt es nicht nur moderne Fernseher und Abendessen, sondern auch Nachhilfe, Feedback von den Betreuern und die Chance zum Schnack mit anderen Sportlern. Bettruhe ist um 23 Uhr, doch Arnold Budimbu schläft oft schon vorher ein. Er arbeitet hart am nächsten Karriereschritt. Er will in die Jugend-Nationalelf.

Der Weg ist lang, und er besteht aus zahllosen Tagen wie diesem, an denen die Spieler sich entwickeln. Was aber passiert, wenn trotz einer Topausbildung am Ende die Entscheidung des Cheftrainers gegen die Nachwuchskraft ausfällt? Was Arnold Budimbu und die anderen Sportler in Köln lernen, ist auch, dass es keine Garantien auf die Sportlerlaufbahn gibt. "Ich brauche ein zweites Standbein", sagt der Mittelfeldmann. Er wird nicht alles auf eine Karte setzen, sondern ab dem Sommer eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann machen. Es spricht für das System, wenn Budimbu sagt: "Man weiß ja nie, was passiert."

Autor:
Tim Farin
Datum:
23. February 2012
Quelle:
F.A.Z.

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