Stickige Luft in überfüllten Hörsälen, Professoren, die keine Zeit für persönliche Gespräche haben und Mensa-Mahlzeiten, bei denen der Appetit vergeht - all das kennt Fabian Reusch nur vom Hörensagen. Wenn er aus dem Fenster des Hörsaals schaut, sieht er Schiffe den von Weinbergen gerahmten Rhein hinabschippern. Seine Seminargruppen sind nicht größer als Schulklassen, und die Türen der Professoren stehen ihm immer offen. Besonders schwärmt der Bachelor-Student von den Kontakten zu Unternehmen, die er an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht im Wochentakt bekommt. Stallgeruch statt Uni-Mief eben.
Hier im idyllischen Rheingau bei Wiesbaden reifen nicht nur die Weinreben, in jedem Jahrgang der Universität wachsen Spitzenmanager von morgen heran. So ist die EBS eine der Nachwuchsschmieden für Großbanken wie Goldman Sachs, UBS und Deutsche Bank und für Unternehmensberatungen wie McKinsey und Roland Berger. Mit dem nötigen Können und dem nötigen Kleingeld haben EBS-Studenten beste Aussichten auf steile Karrieren in diesen - trotz Banken- und Wirtschaftskrise - gefragten Unternehmen. Dass die Privatuniversität im vergangenen Jahr reihenweise für Negativschlagzeilen gesorgt hat, hat dem offenbar keinen Abbruch getan.
Fabian Reusch, gebügeltes Hemd und Dreitagebart, kennt die Vorbehalte, die viele gegen die teure Privatuniversität haben, in der ein Bachelor-Semester fast 6000 Euro kostet. Es stört ihn, dass es in Deutschland „diese Distanz zu privaten Bildungseinrichtungen gibt“. In Nordamerika, wo er zuletzt ein Auslandssemester verbracht hat, sei das anders. „Wer nach Harvard geht, der wird bewundert“, sagt der 24 Jahre alte Wirtschaftsstudent. Hierzulande müsse „man sich rechtfertigen, wenn man in seine Bildung investiert und für sein Studium bezahlt“. Reusch ist Sprecher der Studentenschaft, er kämpft gegen den Ruf an, dass an der EBS vor allem die Töchter und Söhne gutbetuchter Familien studieren. „Klar stehen bei uns vielleicht ein paar teure Autos auf dem Parkplatz“, sagt er, „aber es gibt hier auch viele, die einen Kredit aufnehmen oder nur dank eines Stipendiums die Studiengebühren bezahlen können.“ Nach EBS-Angaben finanzieren sich 16 Prozent durch Stipendien und 17 Prozent durch Studentendarlehen.
Reuschs Eltern, eine Lehrerin und ein Technischer Angestellter, müssen hart arbeiten, um ihm den makellosen Lebenslauf zu ermöglichen, der ihn bald in eine der großen Banken katapultieren soll. Nach einem Highschool-Jahr in Australien wechselte der Süddeutsche in das Elite-Internat Salem.
Internationales Abitur, 13-monatiger Wehrdienst mit Ausbildung zum Reserveoffizier, Praktikum im Private Wealth Management der Deutschen Bank und demnächst einen Bachelor-Abschluss in General Management - das alles zählt er auf.
Worauf sie an der EBS auch Wert legen: Auf dem Karriere-Highway darf das Soziale nicht auf der Strecke bleiben. Fabian Reusch engagiert für die Anliegen seiner Kommilitonen, andere Studenten helfen Schülern bei den Hausaufgaben, betreuen Behinderte und organisieren Symposien. Allerdings wäre die EBS nicht die EBS, wenn nicht auch das Soziale mit einem Leistungswettbewerb verbunden wäre. Für ihr Engagement geben sich die Studenten gegenseitig Sozialpunkte, die mit dafür ausschlaggebend sind, wer die begehrtesten Plätze im obligatorischen Auslandssemester bekommt. Aber torpediert dieses Leistungsdenken nicht das eigentliche Anliegen und führt zu Rangeleien unter den Studenten? „Das System ist transparent, sehr fair und über Jahre gewachsen“, sagt Student Reusch im diplomatischen Jargon eines Pressesprechers.
Rolf Tilmes ist kaum zu bremsen, wenn er über die EBS doziert. Der Betriebswirt hat vor gut zwanzig Jahren selbst im Rheingau studiert, heute residiert er in einem geräumigen Büro und ist Dekan der Business School. Auf seinem Schreibtisch liegen Imagebroschüren. Sein Zeigefinger gleitet auf dem glänzenden Papier über eine Grafik, die zeigt, wie sich die Master-Studiengänge zusammensetzen. „Wir schaffen Synergien und gleichzeitig Variabilität“, wirbt der Professor. Besonders begehrt seien derzeit internationale Doppelabschlüsse, bei denen Absolventen neben dem EBS-Master noch ein Zertifikat im Ausland erwerben können. Solche Angebote, vordere Plazierungen in Hochschul-Rankings sowie Akkreditierungen, die der EBS bescheinigen, in der ersten Liga der BWL-Fakultäten mitzuspielen, seien notwendig, um im Wettbewerb um die ehrgeizigsten Studenten mitzuhalten - einen Wettbewerb, den sich die EBS in Deutschland mit Konkurrenten wie der WHU, einer Privathochschule in Vallendar bei Koblenz, und den BWL-Fakultäten der staatlichen Universitäten in Mannheim und Köln liefert.
Was die Business School von fast allen anderen Einrichtungen abhebe, sagt Tilmes, sei die Internationalität und die enge Verzahnung von Theorie und Praxis: Fast alle Veranstaltungen werden auf Englisch gelesen, Unternehmensvertreter, die hier „Professionals“ heißen, übernehmen Vorlesungsmodule. Dienstagabends halten Führungskräfte von Großunternehmen Vorträge, später beim Abendessen werden dann Visitenkarten getauscht. Und ein Studententeam, das kürzlich an einem internationalen Wettbewerb teilnahm, bei dem ein Unternehmen auf Herz und Nieren untersucht werden musste, wurde vorher in die Fachabteilungen großer Investmentbanken geschickt. „Ich habe den Bankern gesagt, grillt die mal so richtig“, sagt Tilmes mit einem Grinsen. Das Konzept kommt an: Im kommenden Jahrgang werde man aller Voraussicht nach 150 Master-Studenten aufnehmen - so viele wie noch nie, betont der Dekan. Was viele trotz der enormen Kosten lockt: „Circa 90 Prozent der Studenten haben noch vor ihrem Abschluss einen Arbeitsvertrag unterschrieben“, sagt Tilmes.
Der Dekan präsentiert die heile Welt der EBS, eine Welt, die in den vergangenen zwei Jahren erheblich ins Wanken geraten ist. Der frühere Präsident Christopher Jahns musste seinen Hut nehmen, nach Vorwürfen, er habe mit Hilfe von Beraterverträgen in die eigene Tasche gewirtschaftet. Zwischenzeitlich saß er sogar im Gefängnis, das Urteil steht noch aus. Die historischen Mauern, in denen die EBS residiert, wackelten zudem, als bekanntwurde, wie fahrlässig die Wirtschaftsexperten mit der eigene Buchführung umgegangen waren. Eine Prüfung des hessischen Wissenschaftsministeriums brachte ans Licht, dass die Universität Steuergeld, das ihr das Land für den Aufbau einer Law School zugeschossen hatte, nicht allein für diesen Zweck ausgegeben hatte. Letztendlich musste sie knapp eine Million Euro zurückzahlen.
Den Imageschaden komplett machten die Studenten der EBS mit einem exzessiven Aufnahmeritual, das ältere Hochschüler für Erstsemester veranstalteten. Weil zu viel Alkohol floss, mussten zehn Jugendliche zur Ausnüchterung ins Krankenhaus, ein Polizeihubschrauber rückte aus, um abtrünnige Schnapsleichen in den Weinbergen aufzuspüren. Das Gelage habe für die Presse natürlich perfekt ins Bild gepasst, sagt Fabian Reusch. An anderen Hochschulen passiere so etwas auch. „Nur da kommt kein Fernsehteam und verteilt Sektgläser an Studenten, um die richtigen Bilder zu bekommen“, sagt er.
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