Es gibt es also noch: Die Ortenau – ein Paradies für Bienen

Es gibt es also noch: Die Ortenau – ein Paradies für Bienen

Die Ortenau ist eines der bedeutendsten Obst- und Weinbaugebiete Deutschlands. Mit einer überdurchschnittlich hohen Anzahl an Voll- und Nebenerwerbslandwirten hat die Region einen großen Anteil an der Versorgung der Bevölkerung, die bundesweit in den Genuss von hochwertigem Obst, Gemüse und Wein kommt. Neben der Landwirtschaft wird die Ortenau als Teil des Schwarzwaldes auch von Wäldern geprägt, die zusammen eine wichtige und attraktive Kombination sowohl für die Menschen der Region als auch für die Touristen bedeuten.

Einen großen Anteil am Erfolg der Landwirtschaft haben sowohl die Wild- als auch die Honigbienen, sind sie doch durch die Bestäubung der Blüten für etwa 30 Prozent des produzierten Obstes und Gemüses verantwortlich. Etwa 15 Millionen Blüten  bestäuben die Bienen einer einzigen Kolonie täglich und sammeln dabei sowohl Nektar als auch Pollen, die in den vergangenen Jahren verstärkt in der Naturheilkunde Verwendung fanden. So werden Propolis und Gelée Royale gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. Ein altrömisches Sprichwort besagt: Ubi apis, ibi salus – wo die Biene ist, dort ist Gesundheit. Zum einen kann die Biene mit ihrem Gesundheitszustand als unbestechlicher Indikator für den Zustand der Umwelt dienen, zum anderen sind viele Menschen von der positiven Wirkung der Bienenprodukte überzeugt und schätzen den unermüdlichen Fleiß der kleinen Tiere nicht zuletzt auch wegen des köstlichen Honigs.

Auch die Weinberge, die in der Ortenau von immenser Bedeutung sind, bedürfen der indirekten Unterstützung der Bienenvölker, denn nicht nur auf den Feldern sind die kleinen Liebesboten aktiv. Obwohl sich die Weinreben selbst befruchten, sind die Bienen für das Ökosystem unabdingbar und tragen somit zur Steigerung der Biodiversität bei.

Das komplette ökologische System zwischen Biene und Pflanze beruht auf dem Prinzip der Symbiose – sozusagen einem Geschäft auf Gegenseitigkeit -, was auch durch die Evolutionsgeschichte bestätigt wird. Die ersten Urbienen, Vorläufer unserer heutigen Biene, lebten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge bereits vor 50 bis 100 Millionen Jahren und entwickelten sich parallel zu unseren heutigen Nutzpflanzen. Solch eine gegenseitige Beeinflussung der Entwicklung wird als Koevolution bezeichnet.

Während sich die Ortenau im Frühjahr in ein Blütenmeer verwandelt, schwirren die Bienen unermüdlich zu ihrer Lebensaufgabe aus. Nicht nur aus diesem Grund findet sich in der Ortenau auch zahlreiches Interesse an der Imkerei. 1.423 organisierte Imkerinnen und Imker mit 14.585 Bienenvölkern finden sich derzeit im Einzugsgebiet der Ortenau. Somit befindet diese sich mit einem Schnitt von 10,2 Bienenvölkern pro Imker erheblich über dem Landesverbandschnitt in Baden und noch deutlicher über dem Bundesschnitt, welcher bei 7,0 Bienenvölkern pro Imker liegt. Womit dieses überdurchschnittliche Interesse erreicht wird? Sicher ist, dass es im Schwarzwald eine jahrhunderte-alte Tradition bezüglich der Bienenhaltung gibt. Durch die damalige „Kleinimkerei“, bei der wenige Bienenstöcke auf viele Häuser verteilt wurden, erweiterte sich der Einzugsradius der Bienen. Dadurch wurde eine großflächige Bestäubung erzielt, die bis heute anhält.

Diese Ansicht, welche einen schonenden Umgang mit Bienen verlangt, teilten auch schon die alten Griechen, welche als erste Kultur professionelle Imkerei betrieben. Hierbei mussten die Bienenvölker nicht getötet werden, um an den Honig zu gelangen. Auch durch dieses Verfahren hob sich das Volk der Dichter und Denker von anderen Imkerkulturen ab.

Ekkehard Hülsmann, Präsident des Badischen Imkerverbandes, sieht als größte Gefahr für Bienen eine Kombination aus drei Problemkreisen: Die Agrochemie, welche sowohl systemische als auch lokale Insektizide beinhaltet, die fehlenden Blütenangebote in der zweiten Jahreshälfte und die Varroamilbe. Letztere bekämpfen die Imker in Baden-Württemberg in einer Kombination der biotechnischen Methode der Drohnenbrutentnahme und dem Einsatz von organischen Säuren bzw. ätherischen Ölen.

Seit einigen Jahren machen sich Imker und Umweltschützer auf der ganzen Welt große Sorgen, da die Bienen immer mehr Bedrohungen ausgesetzt sind. Im Jahr 2006 verschwanden in den USA auf mysteriöse Art und Weise unzählige Bienen. Für diesen sogenannten „Völkerkollaps“ ist Experten zufolge der Einsatz von systemischen Pestiziden verantwortlich. Um die großflächigen Anbaugebiete von Mais, Mandeln, Soja und Äpfeln zu bewirtschaften, scheint für die Produzenten der Einsatz von Pestiziden unerlässlich. Untersuchungen belegen, dass die systemischen Pflanzenschutzmittel lange in der Pflanze verbleiben und Rückstände im Boden angereichert werden. Das Ergebnis sind Giftrückstände im Nektar der Blüten. Doch nicht nur in den USA, sondern weltweit sind Bienen durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bedroht.

In einigen asiatischen Ländern hat die Biene bereits den Kampf verloren. Das starke Gift, welches zur Beseitigung der Spatzenplage eingesetzt wurde, hat in einigen Landstrichen dazu geführt, dass nahezu sämtliche Organismen von der Erdoberfläche verschwunden sind. Dies führt zu erschreckenden Bildern, welche zeitweise in den Medien zu sehen sind: Ein Mensch steht auf einer Leiter und bestäubt mit einem Pinsel die Blüten eines Baumes.

Auch die Ortenau blieb in den vergangenen Jahren vom Bienensterben nicht verschont. Im Frühjahr 2014 zum Beispiel beobachteten die Imker große Vergiftungen an ihren Bienenvölkern. Die amtlichen Untersuchungen ergaben, dass einerseits das seit 2004 EU-weit verbotene Pflanzenschutzmittel ME 605 in die offene Apfelblüte gespritzt worden war, andererseits war ein als bienenungefährlich eingestuftes Insektizid überdosiert eingesetzt worden, so dass daraus ein hoch toxisches Gemisch wurde. Im Haarkleid der toten Bienen wurden Rückstände von etwa zwanzig verschiedenen Pflanzenschutzmitteln festgestellt, denen die Bienen in ihrem kurzen Leben von circa zwanzig Tagen außerhalb des Bienenstocks ausgesetzt waren. „Man wundert sich, was ein Bienenvolk so alles aushält, bis es zum Sterben kommt“, so Hülsmann.

Neben Pestiziden stellen auch andere negative Einflüsse eine Bedrohung für Bienen dar. In einem Experiment konnte z.B. gezeigt werden, dass elektromagnetische Strahlung, welche nicht nur von Funktürmen, sondern auch von Handys ausgesendet wird, die Orientierung der Honigbiene stark beeinträchtigen kann.

Dass man sowohl der Landwirtschaft als auch der Imkerei gerecht werden kann, beweist zum Beispiel Peter Huber, Vorsitzender des Imkervereins Achern und gleichzeitig Vollerwerbslandwirt. „Wenn alle Landwirte und Sonderkulturbetriebe Bienen hielten, würde sich ein fürsorgliches Verhalten einstellen.“  Ein verantwortungsvoller Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die zudem in den Abendstunden ausgebracht werden, trägt immens zum Schutz der Bienen bei. Dies hebt die Ortenau von anderen Regionen Deutschlands ab, denn ein großer Anteil der Imker ist auch als Voll- oder Nebenerwerbslandwirt tätig. Bienenschutz und Landwirtschaft stehen somit nicht unbedingt im Gegensatz.

Neben dem Einsatz von diversen Pflanzenschutzmitteln stellt auch in der Ortenau das teilweise fehlende Blütenangebot ein Problem für die Bienen dar. Hülsmann: „Die Bienen leiden vor allem am Fehlen der Blüten und damit der Pollen in der zweiten Jahreshälfte, wo die Winterbienen aufgezogen werden müssen.“ Der passionierte Imker hebt unter anderem darauf ab, dass noch vor fünfzig Jahren Kornblumen und Klatschmohn in den Getreidefeldern als wichtige Nahrungsquellen für Bienen und Vögel dienten. „Heute sind die Weizenfelder zu grünen Wüsten mutiert, in denen alles herausgespritzt wird, was aus Sicht der modernen Landwirtschaft nicht hinein gehört.“ 

Doch welche Blumen sind bienenfreundlich? Grundsätzlich ist der Biene jede Pflanze recht. Dazu gehören die Familien der Schmetterlingsblütler, auch Hülsenfrüchte genannt,  der Lippenblütler, für Gewürz-und Heilkräuter zuständig, der Korbblütler, welche hauptsächlich Zierpflanzen beinhalten, sowie der Rosengewächse. Letztere spielen eine wichtige Rolle, da zu ihnen nicht nur die wunderschön blühenden Rosen gehören, sondern auch zahlreiche Obstsorten, wie z.B. Kirschen, Äpfel, Erdbeeren oder Zwetschgen, die vor allem  in der Ortenau eine wichtige Rolle einnehmen.

Aber nicht nur die Ortenau braucht die Biene. Weltweit gibt es zahlreiche Initiativen zum Schutz der Biene und alternative Lebens- bzw. Überlebensprogramme. In Australien haben es sich Forscher zur Aufgabe gemacht, die Resistenz der Bienen unterschiedlicher Arten und Gattungen auf verlassenen Inseln zu testen. So sehen sie z.B. die afrikanisierte Honigbiene, auch Killerbiene genannt, als potenziellen Überlebensorganismus.

Es gibt weitere alternative Lösungsansätze zum Schutz der Bienen, die auf den ersten Blick unverständlich erscheinen: Bienen zwischen den Folien im Gewächshaus oder über den Dächern von Großstädten. Exotische Lebensräume entpuppen sich als hervorragende Fluggebiete, welche nahezu ideale Konditionen liefern. Natürlich ist und bleibt das Paradies einer Biene eine vielfältige Blumenwiese mit Obstbäumen und keinerlei schädlichen Umwelteinflüssen.

„Das Bewusstsein der Menschen, durch die Haltung von Bienen etwas für die Umwelt zu tun, ist Triebfeder für eine große Zahl von Neueinsteigern“, so Hülsmann. „Seit etwa sechs Jahren gibt es eine riesige Nachfrage nach der Imkerausbildung“.  Als flächengrößter Landkreis in Baden-Württemberg mit seinen unterschiedlichen Vegetationszonen von den Rheinauen über die Vorbergzonen bis hin zum Hochschwarzwald und dem milden Klima ist die Ortenau ein Paradies für Bienen. Dies beweist auch die Tatsache, dass die Region zu dem Gebiet mit der größten Bienenvölkerdichte in Deutschland gehört.

Informationen zum Beitrag

Titel
Es gibt es also noch: Die Ortenau – ein Paradies für Bienen
Autor
Saskia Pfeifer
Schule
Heimschule Lender , Sasbach
Klasse
Klasse 11
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Jugend recherchiert 2014 - Die Relevanz der Biene
Kategorie
Print

Beruf und Chance