Italien und die moderne Sklaverei

Von Benedetta Pompetzki
Sportgymnasium Neubrandenburg (Musisches Haus)
Klasse 12 M1

„Avoid shooting blacks“, steht in Großbuchstaben einen Tag nach den Unruhen an einer Wand in Rosarno, einer kalabrischen Stadt, im tiefsten und ärmsten Süden Italiens. Hier herrscht die Mafia, die ’Ndrangheta, wie sie in Kalabrien heißt. Zum Opfer fallen ihnen auch die Schwächsten: die illegalen afrikanischen Einwanderer. Auf der Flucht vor korrupten Systemen, Hunger, Armut und Krieg, mit der Hoffnung auf besseres Leben im Gepäck, werden diese Menschen nun praktisch versklavt: Täglich 12-14 Stunden Arbeit meist auf Obst- und Gemüseplantagen, Behausungen aus Karton, Brettern oder Plastik ohne fließendes Wasser, geschweige denn ein WC, 20-25€ am Tag. Etwa 2500 Menschen leben unter solchen Umständen in Rosarno und Umgebung.
Am 7. Januar werden 30 Menschen verletzt, fünf müssen ins Krankenhaus, denn hunderte dieser Arbeiter ziehen auf die Straßen Rosarnos um das zu tun, was in Europa jedes Menschen Recht ist: Das Protestieren. Der Protest endet in Straßenschlachten mit der Polizei.
Entfacht werden diese Wellen an Protesten, als zwei Arbeiter durch Schüsse von Jugendlichen verletzt werden. Daraufhin zogen die afrikanischen Arbeiter durch Rosarno.
Diese rassistischen Übergriffe sind keine Einzelfälle. Im Dezember 2008 beispielsweise führte das Aufbegehren der Arbeiter zur Verhaftung dreier Unternehmer, die diese wie Sklaven gehalten hatten.
In dieser Gegend Italiens ist die Pauschalisierung des italienischen Systems als ein korruptes, kriminelles Regime gerechtfertigt. In dieser Region – alleingelassen von der bisherigen Politik – wird auf die Mafia gesetzt und diese kann mit Stolz behaupten, alleiniger Herrscher des Südens zu sein. Sie ziehen hier die Fäden, zerstören (sich auch gegenseitig) und bauen auf,  mit ungeheuerlich kriminellen Mitteln, zum Teil aber auch auf „legale“ Weise durch öffentliche Gelder zur „Entwicklung“ des Südens. Wer hier stört, wird mit Gewalt zum Schweigen gebracht.
Arbeitskräfte wie die afrikanischen Migranten sind für die (süd)italienische Wirtschaft wichtig. Doch durch extreme Gesetze, die aus ihnen lange Zeit illegale Einwanderer machen, werden sie zu Billigstarbeitern, fast Sklaven degradiert und die Politik schaut tatenlos zu.
Es kommt noch schlimmer, der Rassismus in Italien wird durch Medien und Politiker noch zusätzlich gefördert und propagiert. Man sei gegenüber den Ausländern schon viel zu lange tolerant gewesen und nun basta damit, erklärte der Innenminister Roberto Maroni noch während der Straßenschlachten in Rosarno. In den durch Berlusconi dominierten Medien sprach man außerdem von den „gewalttätigen Illegalen“ und den braven Bürgern von Rosarno. Nur vereinzelter Widerspruch, in denen die Worte „moderne Sklaverei“ und „unmenschliche Ausbeutung“ mitklangen, war zu vernehmen.
Die Botschaft scheint zu sein und soll auch sein, dass man nicht gegen Mafia-Gewalt und Rassismus ankommen kann und darf.
Die Arbeiter in Rosarno wurden in Notunterkünfte im 170 Kilometer entfernten Crotone gebracht – aus der Flucht in die Flucht.
Und es passiert das, was in Italien immer passiert: Es wird geschwiegen und verheimlicht. Die Anteilnahme der ’Ndrangheta an diesen Vorgängen wird mehr oder minder negiert, denn Italien hat keine Mafia-Probleme.
Jährlich kommen etwa 1,6 Menschen mit Papieren nach Italien und ca. 300000 ohne. Laut der Gewerkschaft CGIL leben ungefähr 50000 Migranten in Italien unter ähnlichen Bedingungen wie die afrikanischen Arbeiter in Rosarno. Denn Rosarno und die skandalträchtigen rassistischen Übergriffe sind kein Einzelfall. Leider gibt es hunderte ähnliche Städte in Italien mit Menschen, die ausgebeutet, diskriminiert werden.
Was bei solchen Migrationsdebatten in Italien, aber auch in anderen europäischen Ländern häufig in Vergessenheit zu geraten scheint, ist die Tatsache, dass diese Menschen aus Afrika, Asien und Osteuropa mit oder ohne Papiere ebensolch ein Recht auf Leben haben.
Die Frage, wie man selbst handeln würde, wenn man in einem Staat leben würde, in dem man Hunger oder den Krieg erleiden muss, sollte sich jeder stellen, bevor er vorschnell über solche Menschen urteilt.



Quelle:
www.ag-friedensforschung.de/themen/Migration/Italien.html
www.welt.de/print-wams/article114387.html
www.grimme-institut.de/html/index.php?id=629
www.taz.de/!46528/

Italien und die moderne Sklaverei

Informationen zum Beitrag

Titel
Italien und die moderne Sklaverei
Autor
Benedetta Pompetzki
Schule
Sportgymnasium Neubrandenburg, Neubrandenburg
Klasse
11M1 von 2011/2012
Quelle
Frankurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180