„Für zwei Koffer voller Geld!“

Leihlah, eine Deutschtürkin, berichtet über ihre Mutter, Fatma S., eine Migrantin aus der Provinz Sivas, Türkei.

 

„1973, als meine Mutter Fatma 17 Jahre alt war, hatte sie einen Traum. Sie wollte drei bis vier Jahre in Deutschland arbeiten, um anschließend mit zwei Koffern voller Geld in die Provinz Sivas zurückzukehren“, so beginnt Leihlah ihre Familiengeschichte zu erzählen. Bevor wir unser Gespräch fortsetzen, ruft Leihlahs Schwester an. Leihlah spricht mit ihr türkisch. Die Familie ihrer Mutter gehört damals zur Unterschicht, mit dem „Reichtum“ aus Deutschland will sie ihrer Familie ein schöneres Leben ermöglichen.

„Ich bin stolz darauf, dass ich in Deutschland sehr gut zurecht komme“, grinst sie und steckt das Mobiltelefon wieder in die Tasche. Die heute Dreißigjährige ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, sie liebt Sprachen und kann vier fließend sprechen. In diesem Moment klingelt ihr Handy noch einmal und ihr Mann, der aus den USA kommt und nur englisch spricht, ist am anderen Ende der Leitung. Ich mache uns einen türkischen Tee und stelle das Gebäck auf den Tisch, welches sie mir mitgebracht hat. Währenddessen höre ich, wie sie am Telefon englisch spricht, als wenn es das normalste der Welt ist, von Sprache zu Sprache zu wechseln. Ein Moment vergeht. „So“, sagt sie, entschuldigt sich freundlich für die Störung und schaltet das Mobiltelefon aus. „Wo sind wir stehen geblieben?“ Sie nimmt ein Stück türkisches Gebäck und fährt mit ihrem Bericht in deutscher Sprache fort. „Bei meiner Mutter lief das Leben anders ab. Sie spricht deutsch nur beschwerlich, kann sich vom türkischen nicht lösen.“ „Wie es sein kann, dass ich eine Deutsche bin“, wiederholt sie meine Frage und beginnt zu erzählen.

„Damals, vor 39 Jahren, kamen türkische Gastarbeiter aus Deutschland nach Sivas, in das kleine Dorf, wo meine Mutter mit ihrer Familie wohnte, um ihren Urlaub zu verbringen.“ Durch Mundpropaganda wird das abgelegene Dorf östlich von Istanbul über die „letzte Chance Gastarbeiter in Deutschland zu werden“ informiert, auch Fatma, ihre Mutter. Viele Einwohner sind begeistert und ein bisschen neidisch, denn sie wollen auch von den finanziellen Vorzügen der Arbeit in Deutschland profitieren. Die türkischen Urlauber aus Deutschland tragen schöne Kleider und bringen Luxus in das Dorf, den die Leute so nicht kennen. Das Dorf ist nicht wirklich reich, hungern muss allerdings keiner. Auch der Regierungswechsel 1973 zu Bülent Ecevit, Vorsitzender der Republikanischen Volkspartei CHP, kann vielen die Hoffnung nicht geben, als einfacher Arbeiter in der Türkei gut bezahlt zu werden. Fatma S. erkennt mit ihren 17 Jahren die gute finanzielle Lage der Gastarbeiter an der hochwertigen Kleidung und den Erzählungen von technischen Geräten wie Fernseher oder Telefon. Dinge wie diese besitzen damals nur wenige Nachbarn.

„In den kommenden Nächten träumte meine Mutter den Traum von den Koffern voller Geld und erzählte ihrer Familie von ihren geplanten Vorhaben.“ Leihlah nimmt einen Schluck Tee und lacht. „Ich muss an meine Mutter denken“, sagt sie, „die mir so oft mit ihrem ausgefallenen Humor diese Geschichte auf türkisch erzählt.“ „Abgeneigt waren meine Großeltern von dem Vorhaben ihrer Tochter nie“, fügt Leihla hinzu. Schließlich sehen sie ja auch die Chance, zu Geld zu kommen. Der Vater von Fatma macht sich mit ihr auf den Weg nach Istanbul, was eine Reise von einem ganzen Tag bedeutet. Dorthin, wo das Abenteuer für sie beginnen soll, wenn sie den Untersuchungen und Bedingungen der Vermittlungsbehörden entspricht.

Bei den Behörden in Istanbul angekommen, erkennen sie das eine große Anzahl weiterer Menschen ebenfalls die „letzte Chance“ ergreifen wollen. Sie treffen auf eine sehr lange Schlange und befürchten, gar nicht mehr an die Reihe zu kommen. „Doch sie hatte richtig Glück“, berichtet Leihlah mit einem Lächeln auf ihren Lippen. Die „Anwerbephase“ oder auch „Gastarbeiterperiode“ geht von 1955 bis zum Anwerbestopp 1973. In dieser Zeit reisen insgesamt 1,4 Millionen Menschen nach Deutschland, darunter 678 702 Männer und 146 681 Frauen aus der Türkei.

Als sie das Formale geklärt haben, wird Fatma von Kopf bis Fuß untersucht. Anschließend soll sie ihren Urin abgeben. „Meine Mutter war sehr aufgeregt und die Krankenschwester, die ihr zur Sicherheit dabei zugucken musste, machte meine Mutter nervös.“ Und darum stellt sich diese scheinbar banale Aufgabe als besonders schwierig heraus.

Ihr wird gesagt, dass sie am nächsten Tag noch eine letzte Chance bekomme, den Urin abzugeben. Ansonsten würde die Anmeldung als Gastarbeiter in Deutschland leider scheitern. Fatma trinkt am nächsten Morgen eine große Menge Wasser und beim zweiten Versuch funktioniert es dann auch endlich. Es wird ihr von den Krankenschwestern geradezu feierlich gratuliert. In den kommenden Tagen wird Fatma 18 Jahre alt und zwölf Tage, nachdem Fatma mit ihrem Vater in Istanbul war, beginnt die Reise. Erst an dem Tag der Abreise erfährt sie, wohin es gehen soll.

Mit dem Zug Nr. 13 fährt sie fast zwei Tage, allein gelassen mit vielen anderen fremden jungen Frauen, mit dem Zug von Istanbul nach München. „Meine Mutter sagt immer, sie fühlte sich während der Zugfahrt ein bisschen wie Vieh.“ In München angekommen, bekommen die Gastarbeiter aus der Türkei zur Begrüßung ein Begrüßungspaket mit 50 DM und ein Brathähnchen. Allerdings wird der Preis für das Brathähnchen bereits von den 50 DM abgezogen. Fatma will diese Geschenke eigentlich nicht, sie nimmt sie trotzdem dankend an, weil sie nicht viel Geld hat und nach der langen Reise großen Hunger verspürt.

Die Angereisten wurde namentlich aufgerufen und auf weitere Züge verteilt, die in unterschiedliche Richtungen in ganz Deutschland fahren. Fatma fährt mit dem Zug nach Darmstadt. Dort angekommen geht es mit dem Bus in den Odenwald. Sie kommt in eine Gastfamilie, die eine kleine Gastwirtschaft hat. Hier muss sie sich mit zwei fremden Mädchen ein Zimmer teilen. Die Familie ist sehr nett und erleichtert ihre erste Zeit in Deutschland ein bisschen. „Das fand meine Mutter toll, weil sie ziemliches Heimweh hatte. Das erzählt meine Mutter immer mit einem freundlichen Ausdruck in ihren Augen auf türkisch“, sagt Leihlah. „Dass sie nie wieder in ihre Heimat zurückkehren würde, um dort zu leben, wusste meine Mutter zu dem Zeitpunkt ja noch gar nicht.“

Wenn man heute die Wohnung der Eltern in Hamburg betritt, hat man das Gefühl in einem anderen Land zu sein. Türkische Teppiche hängen an den Wänden im Flur und es gibt den ganzen Tag heißen türkischen Tee. Es ist der gleiche, wie der, den Leihlah uns heute mitgebracht hat. „Der Tee schmeckt gut“, sage ich zu ihr und sie antwortet:„ Ja, den trinke ich jeden Tag bei meinen Eltern. Ich verstehe meine Eltern, dass sie ihre Wohnung, wie „klein Türkei“ eingerichtet haben. Meiner Meinung nach ist das so und es wird auch immer so bleiben, weil meine Mutter einst gedacht hat, sie würde irgendwann wieder in ihre damalige Heimat zurückkehren. Es ist aber nie wahr geworden.“ Sie fühlen sich nicht mehr türkisch, aber sie fühlen sich auch nicht richtig deutsch. Nicht richtig deutsch, weil sie viel Rassismus erlebten, z.B. Beschwerden über ihre Familie, falsche Anschuldigungen und auch Beleidigungen : „Schwarzschopf, du hast kein Recht.“ „Von Rassismus hatte meine Mutter in ihrer Kindheit gehört. Jedoch meinte sie zu glauben, dass die schrecklichen Geschichten, die ihr Großvater über Deutschland immer erzählte, nicht mehr aktuell seien, da ja auch andere Türken in Deutschland gut zurecht kamen. Doch sie erfuhren viel Rassismus in Hamburg“, erzählt Leihlah. „Daran kann ich mich sogar noch erinnern. Als wir Kinder waren, sollten wir nicht auf dem Spielplatz spielen. Der wäre nur für deutsche Kinder da, hatte eine Nachbarin vom Balkon gerufen. Meine Mutter, die sich um ihre kleinen Kinder sorgte, versuchte diese Leute zu ignorieren. Doch ein bisschen läuft es ihr heute noch kalt den Rücken herunter, wenn sie daran denkt, sagt sie des öfteren auf türkisch zu mir.“

„Meine Eltern haben beide immer gearbeitet, waren anständige Leute, haben nie Geld vom Staat bekommen. Ein anderes Beispiel, um sich einen Eindruck über meine Eltern zu machen ist, dass meine Mutter vor kurzem ihre erste Mahnung zu einem bestellten Artikel bekommen hat. Der Artikel war noch nicht angekommen, doch die Mahnung, den Artikel nicht bezahlt zu haben, schon. Meine Mutter war total empört und schämte sich über das Missverständnis und gab sogar sich selbst die Schuld!“

Und die Familien, die uns damals geradezu tyrannisiert haben, sind wahrscheinlich heute noch arbeitslos und ungebildet“, sagt Leihlah wütend auf türkisch in sich hinein und übersetzt es mir anschließend. Es scheint mir, dass Leihlah eine starke Frau ist, eine, die sehr viel Willensstärke hat und sich nicht so wie manch andere türkische Frau schnell etwas vormachen lässt. „Aber nun will ich erzählen, wie meine Mutter und letztendlich auch ich nach Hamburg gekommen sind.“

Fatma ist stark, genauso stark wie ihre Mutter, denn die damals 18 Jährige arbeitet trotz starken Heimwehs weiter in dem Betrieb der Gastwirtschaft im Odenwald, in der sie seit der Ankunft in Deutschland seit einem halben Jahr arbeitet. Jedoch als sie nach zwei Wochen im Keller sauber machen soll, macht sie eine für sie grauenvolle Entdeckung. Sie sieht Schweineköpfe, die im Keller gelagert werden. „Das muss sie sehr irritiert haben“, sagt Leihlah.

Von da an mag das junge Mädchen, die als gläubige Muslimin erzogen wurde, nicht mehr in dem Haus arbeiten. 81 % der Bevölkerung in der Provinz Sivas sind sunnitische Moslems. Sie erzählt ihre Bedenken der Gastfamilie, die Verständnis zeigt und ihr hilft eine neue Arbeitsstelle zu finden. Sie bekommt pünktlich das ihr zustehende Geld für die gearbeiteten zwei Wochen. Noch im selben Jahr ihrer Abreise aus der Türkei fängt Fatma in einer Druckerei im Odenwald an. Sie verdient 500 DM im Monat und muss davon Miete, Beiträge für die Krankenkasse und Verpflegung bezahlen. Sie arbeitet dort bis zu dem Betriebsunfall, unter dem sie noch heute leidet. Sie gerät mit ihren langen Haaren in die Druckmaschine und dabei verzieht sich ihre Wirbelsäule so, dass es nicht zu heilen war. Damals wird sie von einem Arzt für 15 Tage krank geschrieben. Anschließend kann sie weiter arbeiten.

In ihrem Urlaub reist sie nach Freudenburg, weil dort einige Verwandte ihrer Eltern wohnen, die nach einem Jahr aus familiären Gründen allerdings wieder in die Türkei zurückgehen. „Heute“, sagt Leihlah, „haben meine Eltern noch regelmäßigen Kontakt zu den Verwandten, die meine Mutter damals besuchte. Jedoch werden sie von ihren Landsmännern als Deutsche bezeichnet. Und so ist es ja auch eigentlich. Schade ist, dass meine Eltern sich in keinem Land richtig zu Hause fühlen. Die Gastarbeiterarbeit hat so viel in dem Leben meiner Eltern geändert – viel Gutes“, sagt sie und fährt fort. „Bei den Verwandten, die sie besucht, lernt sie meinen Vater kennen und sie versprechen, Kontakt zu halten.“ Im Frühjahr 1974 gibt Fatma die Arbeit im Odenwald auf, um nach Hamburg zu ziehen und in einer großen Firma, Nestle, damals Stockmann, zu arbeiten. Über die vorausgegangenen drei Monate haben Leihlahs Mutter und Vater regelmäßigen Kontakt. Als der Vater erfährt, dass Fatma nun in Hamburg wohnt, kommt auch er nach Hamburg. Die beiden heiraten, ziehen in eine gemeinsame Wohnung. „Die älteste meiner beiden Schwestern ist zu dem Zeitpunkt schon geplant“, fügt Leihlah noch hinzu. Leihlah ist die jüngste der drei. „Mutter bekam mit 37 Jahren den deutschen Pass.“

Neun Jahre arbeitet sie bei der Firma Stockmann. In dieser Zeit stirbt Fatmas Vater in der Türkei, von seinem Tod erfährt sie aber erst, als sie in der Türkei Urlaub macht. Ihre Familie imitiert für Fatma lange Zeit Briefe im Namen ihres Vaters. „Die Geschwister, zwei Brüder und eine Schwester, meiner Mutter erzählten ihr vorher nichts von dem Vorfall, weil sie wussten, dass sie so an ihrem geliebten Vater hing.“ Nachdem Fatma dies erfährt, will sie nicht mehr in die Türkei zurück. Sie kann nicht, weil alles sie an ihren Vater erinnert. Sie beschließt einen neuen Lebensabschnitt mit ihrem Mann in Deutschland zu beginnen.

Leihlah klopft auf den Tisch und sagt:„ Das ist die Geschichte meiner Mutter, die sie dir, wenn sie deutsch sprechen würde, genauso erzählt hätte.“Eines ist klar. Nicht nur Leihlah mit ihrer qualifizierten Ausbildung als Erzieher und ihren viersprachigen Können wird davon profitieren sondern auch ihre Kinder. Das Kind, welches schon unterwegs ist, wird mindestens dreisprachig aufwachsen: türkisch, deutsch und amerikanisch.

Informationen zum Beitrag

Titel
„Für zwei Koffer voller Geld!“
Autor
Christin Drewer
Schule
Staatliche Schule Gesundheitspflege W1, Hamburg
Klasse
FOS 11-1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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