„Deutschland hat viele Abschiebungsopfer auf dem Gewissen“

Die Geschichte eines jungen Afghanen nach der Abschiebung

Es ist vier Uhr Morgens in Hamburg-Bramfeld als es an der Tür Familie H. laut klingelt. Die Schwägerin macht die Tür auf. Mehrere Polizeibeamte mit Hund stürmen in die Wohnung. Sie fängt an zu weinen und schreit „ Sie sind da, die haben dich“.                                                                                                                    

Als sich diese Szene im Jahr 2005 ereignet, ist der Afghane Massoud H. (Name geändert) 24 Jahre alt. Ihm gilt der nächtliche „Zugriff“, wie solche Einsätze im Behördendeutsch heißen. Eine Woche zuvor ist er aus seinem Asyl-Heim aus Mecklenburg Vorpommern weggeflohen und bei seiner Bruder untergetaucht. Er steht erschrocken auf. Sein Gesicht ist blass und er zittert am ganzen Körper. Alles erscheint für ihn wie ein böser Traum. Doch es passiert in Wirklichkeit. Die Polizei stürmt in das Zimmer. Einige von ihnen sind uniformiert und bewaffnet, andere mit normaler Kleidung. Der Polizei-Hund bellt laut. Nun sind auch die Kinder wach. Sie sind schockiert und weinen. Die Polizisten stürmen in das Zimmer und halten ihn fest. Sie nehmen seine Personalien auf und geben der Schwägerin 15 Minuten Zeit seine Sachen einzupacken. Ein Polizeibeamte trägt nüchtern vor: „ Herr Massoud H. das Gericht hat beschlossen sie abzuschieben, doch am Tag ihrer Abschiebung sind sie nicht freiwillig erschienen. Nun werden sie dazu gezwungen, ob sie es wollen oder nicht.“ Die Polizei führt ihn mit Handschellen aus dem Haus.

Die Schwägerin und die Kinder weinen, doch sie werden außer acht gelassen. Besonders erniedrigend empfindet er, dass er wie ein Verbrecher behandelt wird, obwohl er doch nichts getan hat. Er weint sein Hals schmerzt, er sagt: „Ich bin kein Verbrecher, ich will doch nur leben.“  

Das Schicksal von Massoud H. ist jedoch kein Einzelfall in Deutschland. Viele Migranten erleben diese Situation und werden in ihre Heimatländer zurück geschickt. Jedoch kann so eine Abschiebung auch fatale folgen wie z.B. Depression oder sogar Suizid haben.                                                                                                                                  

Hinter dem Begriff „Abschiebung“ verbirgt sich im Gegensatz zur freiwilligen Rückkehr eine erzwungene Ausreise aus dem jeweiligen Einwanderungsland in die Heimat des Flüchtlings, die von den Seiten der Behörden der Einwanderungsländer gegen den Willen der Abzuschiebenden durchgeführt wird. Massoud H. ist einer von vielen Afghanen, denen das Aufenthaltsrecht aufgrund der verbesserten Situation in Afghanistan entzogen wird. Die Sicherheit der betroffenen in ihrer Heimat sei nicht mehr gefährdet. Ein Abschiebungshindernis liege nicht länger vor, so die Antwort des Gerichts auf die klage von Massoud H. gegen die Abschiebung. Die Rechtslage in Deutschland verbietet jedoch eine Abschiebung, wenn dies eine Gefahr für Leib und Leben des betroffenen bedeutet so heißt es in §60 Abs.3. 7. Satz 1. des Aufenthalt Gesetztes. Doch wie soll diese Gefahr mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden? Eine Fehlschätzung der Lage könnte Lebensbedrohliche Folgen haben.
„ Afghanistan ist eines der unsichersten Länder der Welt. Seit wann  kann man das überleben dort als sicher bezeichnen?“ fragt sich Massoud H.

Er hat etwa 15.000 € bezahlt damit man ihn nach Europa und anschließend nach Deutschland brachte. Nun landet er mit viel Schulden, die durch die Einreise nach Deutschland entstanden sind, am Kabuler-Flughafen. Es ist heiß und stickig.

Er kann kaum reden. Seine Personalien werden aufgenommen. Einer der Polizeibeamten dort beschimpft ihm: „ Es geschieht euch recht, ihr habt unser Land an Fremde verkauft und jetzt kommt ihr zurück und behauptet ihr seid Afghaner“. Massoud H. fehlt die Kraft den Mann zu antworten, er geht einfach weiter. Jetzt hat er andere Sorgen. Wo soll er hin? Seine Eltern kennt er kaum noch, denn er floh mit 13 Jahren mit seinem Bruder in den Iran. Dort geschah mit ihm dasselbe wie in Deutschland, sogar schlimmer.

In Kabul kommt sich Massoud H. völlig allein vor. Es hat sich alles verändert. Die Straßen sind kaputt, die Häuser zertrümmert. Selbst die Menschen in Kabul sind nicht die, die er von seiner Jugend kennt. Allein sich selbst überlassen sucht er tagelang nach der Adresse seiner Eltern. Als er endlich nach Jahren seine Eltern in deren altes Haus wieder sieht, ist die Trauer bei ihm und seine Eltern über die Abschiebung größer als die Freude einander wieder zu sehen. Zu seinen Vater sagt er: „Papa, ich habe den Kampf um ein sicheres Leben und Bildung verloren.“

Dieses Gefühl der Niederlage lastet auf Massoud H. wie ein Trauma und dieses Trauma erschwert auch das Einleben in der neuen Heimat. Alles ist für ihn fremd. Selbst sein Zuhause, wo er die schönen Erinnerungen seiner Kindheit hatte. Er denkt, dass man ihn genau so gut auch nach Afrika abschieben können, das wäre ungefähr das gleiche. Die Abschiebung nach Afghanistan bedeutet in seinem Fall ein zurückstoßen in die Armut und Krieg, aber auch ein Hineinwerfen in eine für ihn fremde Gesellschaft. Auf die frage wie er die Situation in Afghanistan heute erlebt antwortet er: „ Wer hier welches Verbrechen begeht, kann mittlerweile nicht auseinandergehalten werden. Entführungen, Tötungen und Selbstmordanschläge. Man weiß nie, wann und wo eine Bombe hochfliegt. Er hat Angst, denn dies könnte eines Tages auch sein Schicksal werden.

In Deutschland hatte er sich gut integriert, besuchte die Volkshochschule, konnte die deutsche Sprache und hatte eine Arbeit. In Afghanistan hat er keine Arbeit, keine Freunde eigentlich nichts was ihm dort noch ziehen könnte.

Zu der deutschen Politik äußert er sich heute folgendermaßen: „ Die Politiker denken, dass sich mit der Abschiebung ein Problem löst. Es ist aber zu fragen, ob sich bei den abzuschiebenden Personen tatsächlich um ein Problem handelt.“

Man hat jahrelang in die Bildung der aufgenommenen Jugendlichen investiert, die sich mit der Abschiebung nicht mehr auszahlen kann. Hinzu kommt, dass die meisten Abgeschobenen angesichts der Bedingungen in Afghanistan unter allen Umstände eine Rückkehr nach Deutschland versuchen und möglicherweise als ‚illegale` ein echtes Problem darstellen, obwohl sie bis zu ihrer Abschiebung bereits sämtliche Bedingungen einer erfolgreichen Integration erfüllten.

Auch Angesicht des Geburtenmangels in Deutschland stellt sich die Frage, ob nicht solche Jugendliche, welche über fünf Jahre in Deutschland lebten und alle Kriterien erfüllen, ein unbefristetes Bleiberecht erhalten sollten.

Der Bruch zwischen dem Leben in Deutschland und dem nach der Abschiebung einsetzenden sozialen Abstieg der abgeschobenen Jugendlichen  kann eigentlich von niemandem bewusst verantwortet werden. In der deutschen Gesellschaft schätzt er den Fleiß, die Ordnung und die freie Meinungsäußerung deswegen sagt er: „ Es gibt viele Abschiebungsopfer, die das „saubere“ Deutschland auf dem Gewissen hat… Die Gedanken sind nach dem Grundgesetz noch frei, deswegen darf ich dies sagen.“ Vielleicht sagt er das, weil das was mit ihm passiert ist, er so nicht erwartet hat.
Auf die Frage nach seiner Zukunftsperspektiven kann Massoud H. heute keine Antwort geben. Aber wer möchte sich auch schon eine Zukunft in Krieg, Fremde und Armut vorstellen?
 

Informationen zum Beitrag

Titel
„Deutschland hat viele Abschiebungsopfer auf dem Gewissen“
Autor
Maria Furmully
Schule
Staatliche Schule Gesundheitspflege W1, Hamburg
Klasse
FOS 11-1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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