„Vor allem meine Kindheit war hart“

„Vor allem meine Kindheit war hart“

„Ich hatte es noch nie leicht im Leben gehabt“, beginnt die kleine grauhaarige Frau zu erzählen. „Vor allem meine Kindheit war hart. Was ich durchleben musste, hätte nicht jedes Kind ausgehalten“ Ein Beispiel  für Diskriminierung ist die Lebensgeschichte der heute 50 Jährigen Jeannette Laubin. Sie war bereit für dieses Interview die Geheimnisse ihrer lange zurückliegenden Kindheit ans Licht zu bringen.

In den 1930er Jahren migrierte Jeannette Laubins Mutter im Kleinkindalter, mit  ihren Gr0ßroßeltern aus Indien nach Deutschland. Dort angekommen, mussten sie sich zur zeit Hitlers vor den Nazis verstecken und jede Nacht hoffen, nicht entdeckt und ins KZ deportiert zu werden. Doch wie durch ein Wunder überlebten sie diese  Strapazen und den 2.Weltkrieg.

1961 wurde Jeannette Laubin in Bad Bentheim, in der Nähe der holländischen Grenze geboren. „Mein Vater hatte sich aus dem Staub gemacht nach dem er erfuhr, dass meine Mutter mit mir schwanger war. Später erfuhr ich dann, dass meine Urgroßeltern meine Mutter überredeten, mich wegzugeben.“ Angeblich konnten sie neben Jeannette Laubins sechs Jahre ältere Halbschwester kein weitres Kind durchfüttern. Trotz des Wirtschaftswunders. Von ihrer leiblichen Mutter verstoßen wurde sie in ein Waisenhaus gegeben. „ Ich wurde dort misshandelt! Von den Krankenschwestern!“, erzählte sie mit frustrierter Stimme. „Mit Handfegern wurde ich geschlagen, auf Grund meiner Hautfarbe.“ „Darum hatte sie auch Angst wenn ich das Haus putzen wollte.“, erklärte Jeannette Laubins Adoptivmutter.

„Als ich sie mit drei Jahren dort abholen wollte, hatte sie Bronchitis, im Winter war es dort bitterkalt, aber das interessierte dort niemanden. Der Arzt meinte, sie hätte nur noch ein paar Monate und die Krankenschwestern fragten mich, ob ich nicht lieber ein anderes, blondes Kind nehmen wolle. Aber ich hatte sie sofort ins Herz geschlossen. Mein Mann setzte sich dann für die Schließung des Waisenhauses ein.“ „Na ja eine Schwester war dort doch noch ein bisschen menschlich.“, erklärte Jeannette Laubin fröhlich. „ Sie war die einzige, die mich nicht geschlagen hat und nett zu mir war. Außerdem war sie meine Taufpatin. Leider habe ich keinen Kotakt mehr zu ihr weil sie nach Kanada ausgewandert ist.“

„In meinem neuen Zuhause hatte ich es gut. Meine Mutter hat mich gesund gepflegt und nach vier Jahren konnte ich in die Schule“. Ihre Miene verfinstert sich plötzlich. Sie scheint sich auf einmal an weit zurückliegende Ereignisse zu erinnern. Dann holte sie die Wirklichkeit wieder ein: „Jedenfalls begann dann die wohl schlimmste Zeit meines Lebens…“

In der Schule wurde Jeannette Laubin nicht geärgert, sondern terrorisiert. Sie wurde nicht nur von ihren Mitschülern ausgeschlossen, sie wurde auch noch in Mülltonnen gesteckt, durch Büsche gejagt, bespuckt, ihre Schulsachen wurden  ihr weggenommen und wenn irgendwas passierte war sie immer Schuld daran. „Wenn etwas geklaut wurde, dann hieß es immer „Jeannette war das!“, obwohl ich an dem Wochenende mit meinen Eltern unterwegs war.“, erklärte sie. „Und das alles nur weil ich ein bisschen brauner war und ein Adoptivkind!“

Jeannette Laubin erinnert sich außerdem daran, wie in ihrer Schulzeit ein Junge mit einem Stuhl auf sie losging.“ Die Lehrer meinten zu meinen Eltern nur so etwas wie: „Tja, da hat Jeannette wohl Pech gehabt. Ach übrigens kommt ihre Tochter aus dem Dschungel sie sollten ihr mal Tischmanieren beibringen. Sehen sie doch wie schnell sie isst!““

„Zu allem Überfluss lebte ich noch mit meiner Adoptivfamilie in einer Gegend, in der die meisten Nachbarn ausländerfeindlich waren. Die Kinder durften nicht mit mir spielen. Einmal hat mich eine Frau geschlagen und mich angeschrien, ich solle dahin gehen, wo ich herkomme und dann hat sie mich die Treppe runtergeschubst. Ich trage heute noch die Kronen von damals auf den Zähnen.“   

Nachdem Ihre Adoptiveltern Jeannette Laubin adoptiert hatten gaben sie ihr die Möglichkeit ihre leibliche Muter kennenzulernen.  Diese lebte mit ihren Großeltern, ihrer ersten Tochter Hilla und ihrem dritten Mann, einem Italiener in der Nähe von Jeannette Laubins Geburtsort. „Es war selbst für mich, als kleines Kind, nicht zu übersehen, dass meine Urgroßeltern meine Halbschwester bevorzugten. Als ich sie einmal an Ostern besuchte, hatte sie ein ganz großes Osterei bekommen und ich nur ein ganz kleines.“ Aber das ist Jeannette Laubin jetzt egal. „Ich will nichts mehr mit meinen leiblichen Eltern zu tun haben.“ :meint sie. „Sie haben mich weggegeben und erst deshalb hatte ich so eine schwere Kindheit, obwohl ich es bei meinen Adoptiveltern gut hatte. Aber das ist nicht zu verzeihen.“

Heute ist Jeannette Laubin eine selbstbewusste Frau. Diskriminierung erfährt sie heutzutage nicht mehr, auch weil sich die Zeiten geändert haben. Aber selbst wenn,  so sagt sie, wüsste sie sich dagegen zur Wehr zu setzten. Sie interessiert sich sehr dafür in Indien den Spuren ihrer Vorfahren nachzugehen, leben möchte sie dort allerdings nicht. Ihr größter Wunsch ist es eines Tagen in Hamburg wohnen zu können.

Sie hofft, dass man mir diesem Artikel auf Menschen, und ganz besonders Kinder aufmerksam wird, die ein ähnliches Schicksal, wie Jeannette Laubin es hatte, haben und ein solches Schicksal durch die Hilfe von freundlichen Mitmenschen vermieden oder wenigsten erträglicher gemacht wird, als das von Jeannette Laubin.

Schillergymnasium EF-Kurs

Informationen zum Beitrag

Titel
„Vor allem meine Kindheit war hart“
Autor
Agnes Breul
Schule
Schillergymnasium, Münster
Klasse
GK Deutsch von 2011/2012
Quelle
Frankurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180