Polnische Migration nach dem EU-Beitritt: Die Emigration der Polen im Wandel der Zeit

Polnische Migration nach dem EU-Beitritt: Die Emigration der Polen im Wandel der Zeit

Polen gilt schon lange als ein Land der Emigration. Bereits vor dem ersten Weltkrieg wurden im Deutschen Reich mehr als 2 Millionen polnischsprachige Einwanderer aus östlichen Gebieten verzeichnet. Im 19. Jahrhundert wanderten aus Polen mehr Menschen aus als aus jedem anderen europäischen Land. Zur Zeit befinden sich allein in Deutschland 1,5 bis 2 Millionen Personen, welche ganz oder teilweise über ethnische, kulturelle aber auch sprachliche polnische Identität verfügen. Es leben ca. 400.000 Menschen mit polnischen Staatsangehörigkeit in Deutschland. Man muss bei der Betrachtung der polnisch-deutschen Migration unbedingt die zeitlichen Umstände mit einbeziehen. Vor allem ist der Beitritt Polens in die Europäische Union 2004 maßgebend.
Die polnische Migration hat bereits ein lange Tradition. Die Anzahl von Gastarbeitern im Deutschen Kaiserreich betrug mehr als 1,2 Millionen Personen, davon stellten die Polen ein Drittel. Diese Wanderung wurde durch die Überbevölkerung auf dem Land in Polen und freie Arbeitsplätze im Deutschen Reich im 19. Jahrhundert ausgelöst. Dadurch wurde eine Bevölkerungsverschiebung von Ost nach West ausgelöst. Viele Polen zogen in die westlichen Industriestädte. Die sogenannten "Ruhrpolen" kamen Ende des 19. Jahrhunderts in das Ruhrgebiet. Sie siedelten sich an der Ruhr und am Rhein im Zuge der Industrialisierung an. Dort arbeiteten sie meist im Bergbau. Genau genommen war dies eine Binnenwanderung, da diese Polen sich zwar sich als Polen verstanden, aber aus Ostpreußen kamen, das damals zum Deutschen Reich gehörte. Doch in Deutschland fürchtete man eine fachliche Überlegenheit und Gefahr durch Polen und so wurde die Saisonarbeit eingeführt. Die Arbeit wurde auf feststehende Bereiche gedrosselt, überwiegend Landwirtschaft und Baugewerbe. Auch nach 1919 wurde diese antipolnische Politik fortgeführt. Doch die Weimarer Republik sicherte polnischen Migranten eine uneingeschränkte kulturelle Ausdehnung zu sowie eine finanzielle Förderung.
Selbst während der NS-Regierung wurden Unterstützungen versprochen, doch dies diente eigentlich nur zur Differenzierung von der Weimarer Republik. Später wurden viele der jüdischen polnischen Migranten beraubt, ausgewiesen und in Konzentrationslager deportiert, vor allem nachdem 1939 die deutsche Wehrmacht in Polen eindrang. Nach dem 1.Weltkrieg kehrte ein Drittel der Ruhrpolen zurück in ihr Herkunftsland. Nach 1945 akzeptierten viele Polen Deutschland nicht mehr als Einwanderungsland, sondern gingen in die USA.
Als Michail Gorbatschow 1985 Generalsekretär der KPdSU wurde, war die Situation in der Sowjetunion sehr unzulänglich. Die Wirtschaftslage war sehr undurchschaubar und den Menschen fehlte es an Freiheiten. Die Nahrung reichte nicht aus und die Leute waren schlecht ausgebildet, so dass ein Großteil der Lebensmittel verloren ging. Die Wissenschaft war rückläufig und genügte auch den damaligen Ansprüchen nicht. Um der Korruption und der Schattenwirtschaft entgegenzuwirken, wollte Gorbatschow Reformen einleiten. Die Sowjetunion sollte demokratischer werden, durch freie Wahlen, Gewaltenteilung und Entfaltung eines Rechtsstaates. Diese Entspannungspolitik hatte zur Folge, dass die Grenze zwischen Deutschland und Polen durchlässig wurde. So kam es wieder zu Massenwanderungen.    
Allein in den 80ern kam fast eine Million Polnischsprachige nach Deutschland. Es handelte sich dabei meistens um Übersiedler mit deutscher Abstammmung. Auf die eigenen deutschen Wurzeln zurückzugreifen, war damals der einzige legale Weg nach Deutschland zu gelangen. Diese Einwanderer identifizierten sich mit der deutschen Kultur und Politik, da vielen Polen der Sozialismus im Sowjetblock nicht gefiel. Später kamen auch noch wirtschaftliche Gründe hinzu. Allerdings kamen auch durchaus vermögende Menschen in den Westen, denen es in Polen an Lebensperspektive mangelte. Die andere große Gruppe waren Emigranten aus der Schlussphase des kommunistischen Regimes. Also Menschen, die sich eine späte Rückkehr nach Deutschland vorgenommen haben. Sie nutzten die Lockerung des Passregimes, um aus dem Sowjetblock zu entkommen.
Doch ausschlaggebend für die heutige Situation ist der Beitritts Polens 2004 in die Europäische Union. Polen ist zwar politisches Vollmitglied, doch nur teilweise Mitglied für Ökonomie. Dies bedeutet, dass die Arbeitskräftefreizügigkeit und auch der Dienstleistungshandel eingeschränkt sind. Vor der EU-Erweiterung 04 äußerte der deutsche Staat Interesse an einer Begrenzung der Arbeitskräftefreizügigkeit von den neuen EU-Mitgliedern, denn Deutschland ist eines der Hauptzielländer für Migranten. So hatten Migranten der EU-8-Länder nur eine zeitlich begrenzte Arbeitserlaubnis. Doch mittlerweile ist die Dienstleistungsfreiheit vollständig in Kraft getreten. Migranten aus EU-8-Ländern haben eine Priorität vor Migranten aus den sogenannten "Dritte-Welt-Ländern". In den vergangenen 15 Jahren gab es in Deutschland eine absolute Zuwanderung von ca 5 Millionen Personen, wovon etwa 3 Millionen Ausländer sind. Die Anzahl von Migranten zwischen 2004 und 2008 aus EU-8-Ländern betrug 570.000 Personen, das sind 0,7% von Deutschlands Gesamtbevölkerung. Nachdem Polen der EU beigetreten ist, rückte auch das Thema Migration auf die Vorderseiten der polnischen Tageszeitungen. Die Migration wird als "die große Flucht" dargestellt. Im Mai dieses Jahres wurde in Deutschland die Beschränkungen der Arbeitskräftefreizügigkeit aufgehoben, denn Deutschland benötigt mehr Arbeitnehmer für niedrigqualifizierte Berufsbereiche. Doch die Migrationswelle nach Deutschland ist zurückgegangen.

Die Emigration aus Polen wurde durch wirtschaftliche Probleme ausgelöst. Anfang der 90er Jahre änderte sich der Arbeitsmarkt in Polen. Die Arbeitslosenquote stieg rasant. Polen hatte schon vorher eine hohe Arbeitslosenquote, derzeit hat Polen sogar eine der höchsten in Europa, doch nun wurden die versteckten Informationen aufgedeckt. 1995 bis 1998 stieg die Zahl der Beschäftigte wieder, da viele kleine Unternehmen gegründet und unterstützt wurden. Doch bereits 1998/99 brach der Arbeitsmarkt wieder zusammen, wegen der "Russischen Krise", dem massiven Kapitalabfluss aus Russland mit starker Rubelabwertung. Es gab 21% weniger Erwerbstätige in Polen. 2003 hatte sich der Markt wieder beruhigt. Zwischen 1990 und 2003 sind aus Polen 900.000 Menschen ausgewandert. Das sind 2% der Gesamtbevölkerung. Doch es gibt strukturelle Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Auf dem Arbeitsmarkt herrschte ein starkes Ungleichmäßigkeit zwischen Angebot und Nachfrage. Zurzeit ist die Situation auf dem Markt gut, doch dies wurde durch Konjunkturen der EU erzeugt. Nachdem Polen der EU beigetreten ist, wandern vor allem jüngere Menschen aus. Die Massenmigration setzte aber schon vor dem Eintritt in die EU ein. Saisonarbeit (2 Monate) ist für Migranten der wichtigste Grund. Nachdem die EU-8-Länder beigetreten waren, wurde deutlich, dass die älteren Mitglieder (wie z.B. Deutschland) nicht vorhaben, ihre Arbeitsmärkte zu öffnen für Migranten der neuen Mitgliedsstaaten. Doch Länder wie Großbritannien hatten sofort ihren Markt geöffnet. England ist nun das wichtigste Zielland für polnische Migranten. 60% der Migranten aus Polen gingen nach England. Die polnischen Arbeitsmigranten stellen 56% aller Migranten aus den neuen Mitgliedsstaaten. Bevor Polen der EU beigetreten ist, gab es 3.000.000 Saisonarbeiter. Doch seither sinkt die Zahl. 2000 kamen 55-56% der polnischsprachigen Migranten für weniger als 12 Monate. Seitdem hat sich die Anzahl der Kurzaufenthalte verdoppelt. Die hohen Zahlen hängen mit der spezifischen Nachfrage an niedrigqualifizierten Arbeitsbereichen in den hochentwickelten Ländern zusammen. Der Geldtransfer nach Polen durch Migranten beträgt 2004 2,7 und 2006 bereits 4,4 Millionen Dollar. Jährlich erhöhte sich der Betrag um 60%. Doch der Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt nur 1,5% und spielt daher nur eine geringe Rolle. Doch für die Migranten und ihre Angehörigen spielt dieser Transfer eine große Rolle.
Die Arbeitsmigration hat zur Folge, dass die Zahl der freien Arbeitsplätze in allen neuen Mitgliedsstaaten steigt. Also führt Arbeitsmigration zu einer Senkung der Arbeitslosenquote, doch in Polen herrscht ein Mangeln an qualifizierten Arbeitern, denn eben jene sind in der neuen Migrationswelle ausgewandert.
Die nachteiligen Effekte der Arbeitsmigration sind Wettbewerbsnachteile von Unternehmen wegen des hohen Drucks, die Löhne zu erhöhen, ferner verliert Polen die höherqualifizierten Arbeitskräfte. Die Vorteile sind aber sinkende Arbeitslosenquoten und Erhöhung der Löhne, Erhöhung des Humankapitals, positive fachliche Entwicklung der Migranten (wenn sie zurückkommen) und Chancen auf Reformen am Arbeitsmarkt. Doch entsteht in Polen der Druck, Arbeitskräfte aus dem Ausland zuzulassen, um dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Einwanderung von Niedrigqualifizierten zugunsten von Hochqualifizierten eingeschränkt wird. In Polen werden Maßnahmen getroffen, um der Auswanderung entgegenzuwirken. Eine Maßnahme sind steuerliche Erleichterungen. Doch es ist keine eindeutige Taktik vorhanden. Vieles ist in diesem Bereich von anderen Ländern abgeschaut. Die EU steht Polen im Weg, da sie ja die Auswanderung erleichtert. Das Hauptproblem ist, dass Polen im Gegensatz zu den anderen Mitgliedsstaaten keinen Zugriff auf billige Arbeitskräfte aus dem Ausland hat. In Polen gibt es zur Zeit lediglich 1,8% Ausländer. Ansonsten könnte sich Polen wirtschaftlich gut entwickeln. Doch es mangelt an Wissen über Migration und Arbeitsprozesse.

Polnische Migration nach dem EU-Beitritt: Die Emigration der Polen im Wandel der Zeit

Informationen zum Beitrag

Titel
Polnische Migration nach dem EU-Beitritt: Die Emigration der Polen im Wandel der Zeit
Autor
Ella Finkel
Schule
Schillergymnasium, Münster
Klasse
GK Deutsch von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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