Heimweh nach Kabul

In einem Haus im Stadtteil Osdorf in Hamburg lebt die heute 39-Jährige Afghanin Hosna K. mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern, elf und neun Jahre alt.
An einem Freitagnachmittag um 15 Uhr komme ich bei Hosna an und klingel an der Haustür. Sie öffnet mir die Tür und begrüßt mich mit einer herzlichen Umarmung.
Im Wohnzimmer am Esstisch sitze ich mit Hosna zusammen und wir trinken grünen Tee und essen ein afghanisches Gebäck. Dieses nennt sich Rot und ist sehr schmackhaft. Neben dem Esstisch auf einer kleinen Kommode zeigt mir Hosna ein Bild ihrer Familie und erzählt mir ihre Geschichte.
In einem Haus in Afghanistan in der Hauptstadt Kabul lebte Hosna mit ihren Eltern, ihren sechs Brüdern und fünf Schwestern zusammen. Sie ging bis zur 12. Klasse zur Schule und schrieb ihr Examen. In der Schule trug sie eine Uniform. Die Mädchen trugen ein schwarzes Kleid oder Rock und ein schwarzes Oberteil mit einem weißen Schal. Kopftücher musste Hosna nicht tragen. Danach studierte sie englische Literatur.
1995 standen die von Pakistan unterstützten Taliban-Milizen bis 15 Kilometer vor der Stadtgrenze und eroberten Kabul. Wegen des Bürgerkrieges von 1992 bis 1996 in Kabul musste sie ihr Studium abbrechen. Die Universität wurde durch Raketenanschläge zerstört.Sie war zwanzig Jahre alt, als sich ihr Leben schlagartig veränderte.
Hosna läuft eine Träne über die Wange. Alles wurde nach und nach zerstört. Die Kinder mussten zwischen Ruinen spielen.
Kabul zeigt das traurige Gesicht einer bombardierten und von jahrelangen Konflikten gezeichneten Stadt. Über 50.000 Menschen verloren ihr Leben. Noch heute muss sie an diese Zeit zurück denken, wenn sie darüber Bilder im Fernsehen sieht.
Sie schaut mich an und sagt: „Ich möchte nicht weinen.“ Es ist eine kurze Zeit still bis sie weiter erzählt.

Mit ihrer Familie flüchtete sie in die Hauptstadt Islamabad in Pakistan.
Sie wurden von Freunden mit dem Bus abgeholt und nach Pakistan gefahren.

Dort konnten sie auf engstem Raum unterkommen. Das war eine große Herausforderung. Es waren nicht genügend Betten vorhanden. Sie mussten auf dem Boden schlafen und lagen sehr eng beieinander.
Hosna versuchte ihr Leben weiterzuleben. In Pakistan konnte sie ihr Studium beenden. Sie war so gut, dass sie durch ihre guten Leistungen ein Jahr überspringen konnte. Jedoch wurde ihr Studium in Deutschland nicht anerkannt, weil sie darüber kein Zeugnis erhalten hat.

Nach ihrem Studium gab sie Englischkurse und unterrichtete als Englischlehrerin in einer Grundschule. Eine Organisation bot Schneiderkurse von Afghanen aus Deutschland an. Die deutschen Afghanen unterstützten die Kurse mit Material und Maschinen. Das Nähen bringt Hosna noch heute sehr viel Spaß.
Für den Schneiderkurs bekam sie ein qualifiziertes Zeugnis.
Außerdem machte sie einen Korankurs. Sie erlebte viel in Pakistan.
Sie erinnert sich gerne an die Heirat mit ihrem Mann.
Dieser ist bereits vor ihr nach Deutschland ausgewandert.
Damals besuchte er sie öfter in Pakistan und sie lernten sich näher kennen bis sie schließlich in Pakistan heirateten.

Zurzeit leben ihre Eltern, ihre zwei Brüder und ihre vier Schwestern wieder in Afghanistan (Kabul). Der älteste und der jüngste Bruder leben in Holland. Die anderen zwei Brüder in Deutschland. Im Jahr 2010 war sie eingeladen zur Heirat ihrer zweitjüngsten Schwester in Afghanistan.

Hosna telefoniert oft mit ihrer Familie.
Sie erzählt mir, wie sehr sie ihre Familie vermisst und das Leben in Kabul, wo alle noch beisammen sind. Nach ihrer Heirat flog sie mit ihrem Mann nach Deutschland, obwohl sie sich ein Leben in Deutschland kaum vorstellen konnte. Noch heute hat sie sehr oft Heimweh nach Kabul.
In Kursen lernte sie die deutsche Sprache, die ihr zum Teil immer noch schwer fällt. Sie bekam für ein Jahr ein deutsches Visum und machte einen Test, den sie bestand und bekam eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. Nach drei Jahren konnte sie den deutschen Pass beantragen. Endlich hat sie die Sicherheit, dauerhaft in Deutschland bleiben zu können. Trotzdem fühlt sie sich noch hin und hergerissen zwischen Deutschland und Afghanistan, ihrer alten Heimat.

Vor 11 Jahren bekam sie ihr erstes Kind und ein weiteres folgte nach zwei Jahren.

Im Jahr 2005 machte sie ihren Hauptschulabschluss. Von 2006 bis 2008 suchte sie einen Ausbildungsplatz. Im Februar 2008 konnte sie eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten bei einem Hals- Nasen- Ohrenarzt beginnen. Im Januar 2011 beendete sie erfolgreich die Ausbildung.
Sie schrieb viele Bewerbungen bis sie schließlich im April eine Zusage für eine Arbeitsstelle bei einem Hals- Nasen- Ohrenarzt in Harburg bekam.
Sie arbeitet sehr gerne dort. Die Arbeit bringt ihr Spaß, erzählt sie mir mit einem lächelnden Gesicht. Sie ist stolz, dass sie sich hier ein Leben aufbauen konnte und hofft, bald wieder einmal ihre Familie in Afghanistan besuchen zu können.  
 

Heimweh nach Kabul

Informationen zum Beitrag

Titel
Heimweh nach Kabul
Autor
Denise Uckermark
Schule
Staatliche Schule Gesundheitspflege W1, Hamburg
Klasse
FOS 11-1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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