Nicht aufzuhalten – Eine Migrationsgeschichte

Auch heute herrscht an Deutschlands Stammtischen noch des Öfteren die Meinung vor, viele Migranten würden nur auf Kosten des Staates leben und für höhere Kriminalitätsraten sorgen. Mit der Sarrazin-Debatte ist dieses Thema nun wieder höchst aktuell geworden, Politiker und Stammtischler diskutierten eifrig über Sarrazins Ansichten. Meiner Meinung nach ist Sarrazins Standpunkt jedoch grundlegend falsch, was sich mit einer einfachen Geschichte, die exemplarisch für viele Einwandererbiographien ist, zeigen lässt.  

Man schreibt das Jahr 1990 in Kroatien, als die Forderung nach einer parlamentarischen Demokratie und der nationalen Unabhängigkeit von Jugoslawien immer größer werden. In den darauffolgenden freien Wahlen gewinnt die demokratische Partei Hrvatska demokratska zajednica, die anfangs größere Selbstbestimmung und die Souveränität innerhalb eines reformierten Jugoslawiens anstrebt, jedoch schon bald für die politische und territoriale Autonomie Kroatiens eintritt. Nachdem sich die serbische Minderheit durch eine Verfassungsänderung degradiert fühlt, kommt es zu einem Aufstand, infolgedessen Kroatien seine Unabhängigkeit erklärt. Es bricht Krieg mit Jugoslawien aus. Tausende kommen zu Tode, noch mehr flüchten ins Ausland, um sich vor den andauernden Kriegshandlungen zu schützen.
Eine von ihnen war Zana Kraus. Sie wächst mit ihrer Schwester Vezna,  Vater und Mutter in Mostar in Bosnien-Herzegowina auf und besucht dort die Grund- und Hauptschule. Dort werden ihr und den anderen Kindern auch Filme über die Gräueltaten der deutschen Waffen-SS gezeigt. Sie werden gezwungen zuzuschauen, wie Menschen gefoltert und getötet werden. „Es war schrecklich“, erinnert sie sich heute, „ich konnte mir damals nie vorstellen einmal in Deutschland zu leben“. Das Land ist vom Kommunismus geprägt, die Familie, die zur katholisch christlichen Minderheit gehört, kann nicht offen zu ihrer Religion stehen, und es gibt keine freien Wahlen. Dennoch geht es der Familie finanziell gut und Zana entscheidet sich nach der 8. Klasse eine Art Fachabitur in Richtung Medizin zu schreiben.  
Nach bestandenem Abschluss 1989 fängt sie an Zahnmedizin zu studieren, und zwar in Sarajewo, der Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas. Zu einem Onkel, der in Deutschland lebt, pflegt sie regen Kontakt. Er verschafft ihr in den Semesterferien 1990 einen Ferienjob in einem Altenheim in Deutschland, um wie sie sagt „mal etwas von der Welt zu sehen und das wirkliche Deutschland kennenzulernen“, nicht das, das sie aus den in der Schule gezeigten Filmen kennt. Nach dem 4-monatigen Aufenthalt kehrt sie nach Bosnien-Herzegowina zurück, muss jedoch ihr Studium abbrechen und mit ihrer Familie nach Kroatien flüchten, um sich vor dem ausbrechenden Krieg zu schützen. Als der Krieg jedoch auch immer weitere Teile von Kroatien zerstört, entscheidet sie mithilfe ihrer im Sommer zuvor geknüpften Kontakte nach Deutschland zurückzukehren.
Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, beginnt sie ab 1991 in einem Pflegeheim in Worms zu arbeiten. Der Aufenthalt in Deutschland ist nicht immer leicht für sie, aber bei einer anderen Pflegekraft findet sie immer ein offenes Ohr, wenn Probleme auftreten, oder auch einfach nur zum Unterhalten (auf Englisch natürlich). Über diese Bekannte lernt sie auch ihren zukünftigen Ehemann Thomas Kraus kennen und die Trauung findet 1992 auf Englisch statt. Um sich endlich auch in Deutsch verständigen zu können, meldet sich Zana auf der Euroschule in Worms an und lernt über einen Zeitraum von 6 Monaten jeden Tag 7 Stunden die deutsche Sprache. Gleichzeitig fangen Zana und ihr Mann an, sich ein eigenes Haus zu bauen. Erst nach 2 ½ Jahren erhält Zana ihre Papiere aus Kroatien und beginnt, in einem Krankenhaus in Worms zu arbeiten, nachdem sie ihre Ausbildung als Krankenschwester anerkannt bekommen hat. Auch ihr Mann verliert zwischenzeitlich seinen Arbeitsplatz, findet aber nach kurzer Zeit eine neue Aufgabe.
1998 beginnt Zana ihre Arbeit in einer Sozialstation in Worms. Ein Jahr später bringt sie ihr erstes Kind zur Welt und nimmt sich eine Auszeit von einem Jahr. Nach mehreren anschließenden Ausbildungen übernimmt sie schließlich 2003 die Pflegedienstleitung der Sozialstation.
Heute ist sie Mutter von zwei Kindern und hat sich bestens in Deutschland eingelebt, was ihr anfangs als unmöglich erschien. Könnte sie die Uhr noch einmal zurückdrehen, würde sie sich wieder für Deutschland entscheiden. In ihrer Urlaubszeit besucht sie außerdem häufig ihre Familie, die weiterhin in Kroatien lebt.
Alles in allem ist Zana Kraus ein Paradebeispiel für erfolgreiche Immigration. Sie spricht perfekt Deutsch, ist sozial kompetent und erfolgreich in Familie und Beruf.

Dieses Beispiel zeigt, dass Migranten versuchen, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Sie erhoffen sich dadurch eine Verbesserung ihres Lebensstandards; sie wollen nicht vom Sozialstaat abhängig sein. Und wenn nun noch jemand behauptet, Einwanderer wären schlecht für die Gesellschaft, dann kann ich nur sagen: „Guck dich um. Irgendwie sind wir doch alle Einwanderer. Ob von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt oder von Land zu Land, eigentlich, ja eigentlich ist das doch genau dasselbe.“
 

Nicht aufzuhalten – Eine Migrationsgeschichte

Informationen zum Beitrag

Titel
Nicht aufzuhalten – Eine Migrationsgeschichte
Autor
PM
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium, Frankenthal
Klasse
12 SK1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180