Den Schritt wagen

Es ist Dienstag der 22.11.2011 um 13.20 Uhr, ein regnerischer Nachmittag in der Kleinstadt Prüm im Eifelkreis Bitburg-Prüm. Ein junger Mann in einem schwarzen Mantel steht vor einem Café und winkt mir freundlich, als er mich erkennt. Sein Name ist Sezgin Corres. Man sieht sofort an seinen markanten Gesichtszügen und seiner Hautfarbe , dass er einen Migrationshintergrund hat. Er will heute mit mir über seine Integration in Deutschland sprechen, denn seiner Meinung nach gäbe Deutschland zwar vor Ausländern gegenüber tolerant zu sein, sei aber tatsächlich alles andere als das. Sezgins Mutter war Deutsche, sein Vater Türke, aufgrund finanzieller Probleme wurde er zusammen mit seinen zwei älteren Schwestern in ein Heim in Wallerfang im Saarland geschickt, wo er bis zu seinem 6. Lebensjahr lebte. Sein einziger familiärer Kontakt zu dieser Zeit war seine Großmutter, eine Türkin, daher beherrschte er nur die türkische Sprache als einziger in seinem sozialen Umfeld, da seine Schwestern  nur Deutsch sprachen. Sezgin fällt es nicht leicht, sich an seine frühe Kindheit zu erinnern, außer an die argwöhnischen Blicke, die er überall geerntet hat. Die meisten anderen Kinder gingen ihm aus dem Weg. Damals hat er noch nicht verstanden aus welchem Grund, aber er hat gespürt, dass er anders war. Minderwertigkeitsgefühle und Depression waren die Folgen und jeder seiner Betreuer war damals davon überzeugt, dass eine Adoption die beste Möglichkeit wäre. Es ist erstaunlich, dass sogar Kinder schon im frühen Alter abweisend auf Ausländer reagieren, obwohl sie im Heim keine rassistischen Werte vermittelt oder vorgelebt bekommen haben.

Den Schritt wagen

Sezgin kann sich das nicht erklären, hat diese Zeit aber mithilfe seiner Adoptiveltern, die ihn und seine Geschwister nach 2 Jahren im Heim bei sich aufnahmen, erfolgreich überwunden. „Damals habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass das Leben  auch schön sein kann.“ sagt Sezgin heute. Er besuchte regelmäßig Sprachkurse bei der Lebenshilfe in Prüm und konnte sich nach 2 Jahren auf Deutsch verständigen und nach 6 Jahren fließend sprechen und schreiben. Innerhalb seiner neuen Familie hat er nie Abweisung und Kälte ertragen müssen, doch immer noch waren Fremde ihm gegenüber skeptisch. „ Ich hätte niemals gedacht, das Erwachsene sogar ausländischen Kindern misstrauen. Ich war ein Kind, was hätte ich denn schon tun können?“, fragt Sezgin sich selber. Und tatsächlich scheint es so zu sein, dass wir einfach Fremden gegenüber misstrauen, auch wenn wir keinen Grund dazu haben. Und trotzdem haben die Ausgrenzungen durch andere bei Sezgin nicht aufgehört. In der Grundschule haben ihn seine Lehrer immer gleichberechtigt behandelt. Allerdings hatte er am Anfang nicht viele Freunde, außer wenigen aus seiner Nachbarschaft, mit denen er schon vorher in Kontakt gekommen war. Trotzdem hat sich die Situation immer mehr gebessert, auch wenn ihn viele zuerst gemieden haben, lernte er immer mehr neue Kinder kennen und bekam immer mehr Freunde.
                            
In der weiterführenden Realschule wurde es teils besser, teils schlimmer. Er war längst nicht mehr der einzige mit türkischem Hintergrund und war kein Außenseiter, aber die Feindlichkeiten wurden auch offensichtlicher. Er wurde immer öfter beleidigt und mit kleinen Steinchen beworfen. Doch Sezgin hat sich davon nicht unterkriegen lassen. „ Zum Glück hatte ich meine Leute, sie haben mich unterstützt und mir geholfen.“ Trotzdem war es schwer für ihn zu verstehen, warum ausgerechnet er so behandelt wurde. Mit der Pubertät wurden die Probleme größer und Sezgin rutschte teilweise in die falsche Szene ab. Er kam auf die Hauptschule und interessierte sich nicht mehr so viel für die Schule. Er bereut das, will aber nicht weiter über diese Zeit sprechen er hat alles von damals hinter sich gelassen. Nach seinem Abschluss fing er eine Lehre als KFZ-Mechatroniker an, brach diese aber nach einem Jahr ab. Als Grund nennt er das Arbeitsklima „ Ich wurde immer nur komisch angeguckt, wenn etwas kaputt gegangen war, dann war immer ich der Erste, der beschuldigt wurde. Das wollte ich nicht mehr.“ Danach fing er eine Lehre als Restaurantfachmann an. Lange war er da nicht, nach 3 Monaten hat er gekündigt, weil Geld abhanden gekommen war und er wieder als Erster in Verdacht kam. Auch wenn das niemand zu ihm gesagt hat, wusste er, dass es nur wegen seinem Migrationshintergrund war. Danach kam endlich die Arbeitsstelle, bei der es gut lief. Er machte erfolgreich eine Lehre als Einzelhandelfachmann in Arzfeld. Gleichzeitig ging er auf die Berufsbildende Schule in Prüm. Dort wurde er sofort integriert und nie ausgegrenzt. Sezgin schloss die Lehre mit einer Prüfung am 17.07.2011 in Trier in der Industrie und Handelskammer ab. Leider verschlimmerte sich danach wieder das Arbeitsklima. Er kündigte nach ein paar Monaten, weil es Probleme mit dem Chef gab.
Er suchte wieder neue Arbeit. Er  war sehr enttäuscht darüber, er hat jedesmal gekündigt, weil er nie ungleich behandelt werden wollte. Er ist zu stolz um auch nur die geringste rassistische Bemerkungen zu akzeptieren. So hat er jetzt eine neue Arbeitsstelle bei Eugen-König in Dausfeld als Fachlagerist, mit einem befristeten Arbeitvertrag für ein Jahr. Wenn es gut läuft, bekommt er einen unbefristeten. Sezgin ist zuversichtlich, dass es klappt, aber er ist auch nicht naiv, er weiß, dass sich alles noch ändern kann und dann würde er erneut Arbeitssuche gehen müssen.    "Ich werde niemals akzeptieren, dass ich anders behandelt werde, nur aufgrund meiner Vergangenheit. Das ist mir unmöglich, wenn es sein muss, werde ich mein Leben lang an verschiedenen Arbeitsstellen sein bis ich eine finde, wo ich keine Probleme bekomme."  Eine bewundernswerte Einstellung! Sezgin möchte durch diesen Artikel andere motivieren, sich zu trauen stolz, zu sein und Rassismus  und Intoleranz nicht zu akzeptieren. Auch wenn seine erste Zeit in Deutschland für ihn schrecklich war, ist er froh, hier zu sein, um Anderen zu helfen. Das Einzige was ihn bedrückt, ist die Vorstellung ,dass es wahrscheinlich nie anders sein wird. Er wird sich immer erst beweisen müssen, bis ein guter Eindruck von ihm bleibt.

Sezgins Geschichte zeigt uns, dass es immer schwer sein kann sich als Ausländer in Deutschland zu integrieren. Migranten werden oft beäugt und mit Vorurteilen verknüpft. Wir finden es alle in Ordnung, wenn fremdartige Personen am Flughafen stärker kontrolliert werden, weil wir uns sicher fühlen wollen. Doch nicht jeder Ausländer ist gleich ein Terrorist. Ist es nicht sogar sehr unwahrscheinlich, dass einer von den im Vergleich wenigen Terroristen zufälligerweise genau der Mensch ist, den wir gerade sehen? Aber das stört uns nicht. Meiner Meinung nach leben wir in einer Angstgesellschaft, die von Gier und Neid geleitet wird. Unsere größte Furcht ist der Kapitalsturz. Doch genau diese Maximen zerstören das was wirklich wichtig is,t wie Vertrauen, Toleranz, Freiheit, Gleichheit, Liebe und die Liste ist lang. Zu viele unterstützen  dieses System, weil wir angeblich abhängig von denen sind, die Profit aus unserer Gesellschaft ziehen. Ich persönlich erachte es als deprimierend das wir alle aneinander vorbeileben. Scheint es nicht so als würden wir nur den Ausländer sehen der sich nicht integrieren will und uns nur Böses will? Aber sehen wir denn auch, dass diese Person vielleicht eine anstrengende Reise hinter sich hat vielleicht sogar politisch verfolgt wurde? Oder sehen wir , dass Ausländer es oft nicht leicht bei uns haben, weil sie kein Deutsch können und nur versuchen ihre Kinder zu ernähren? Leider beachten wir das nicht sehr oft.Ich frage mich, ob das Mitgefühl, das in der Zeit der Aufklärung als das Tugendhafteste gesehen wurde, noch unser Handeln beeinflusst.. Wir sehen uns doch längst nicht mehr als eine Welt , die füreinander  sondern als eine Welt, die gegeneinander arbeitet, oder? Wir lassen uns von Berichten über Terrorakte so stark beeinflussen, dass wir alle Ausländer verallgemeinern. Und auch das ist alltäglich geworden. Wir urteilen über ihr Aussehen und nicht über ihr Inneres. Wir wollen weniger Ausländer in Deutschland, weil wir unsere Kultur erhalten wollen und erschaffen dadurch eine Kultur der Ignoranz und Intoleranz.                                                                                    

Doch all das muss nicht sein. Sezgin hat viel Ablehnung erfahren , er weiß aber auch, dass es ganz anders sein kann. Seine Familie und seine Freunde haben ihn immer in jeder situation unterstüzt Sie haben mit ihm für seine Gleichberechtigung in der Gesellschaft gekämpft. Dafür ist Sezgin ihnen dankbar. " Es gibt auch viele Dinge, die uns verbinden. Wir müssen sie hervorheben, um unsere Unterschiede zu relativieren. Wir sind alle Menschen, keiner von uns muss ausgeschlossen oder in verschiedene Kategorien eingeteilt werden." Multikulturalität ist schon längst kein Fremdwort mehr.Wir sollten nicht dagegen ankämpfen, sondern genau das fördern. Man kann engstirniges Denken nicht verbieten, aber man kann sich selbst dazu anhalten nicht vorschnell zu urteilen. Sezgin meint: " Wenn das alle verstehen würden, gäbe es keine Vorurteile mehr!" Es ist kein Schritt mit Verlusten der zu toleranz und Integration führt. Ist es also wirklich so schwer, diesen Schritt zu wagen?


Regino-Ggymnasium Prüm
Alicja van Cuyck
11Bi1

Quellen, Materialien:


-http://www.albert-schweitzer-schule-hannover.de/pics/1300392659.jpg
−    Interview mit Sezgin Corres am 22.11.2011 um 13:25 in Prüm im Cafe/Bistro "Rampenlicht"
−    http://www.neuropool.com/newimages/2009/Mobbing.jpg

Ich weiss, dass der letzte Teil sehr Idealistisch geschrieben ist und nicht auf Quellen aus Medien basiert. Allerdings ist meine eizige  Quelle gesunder Menschenverstand. Ich hoffe das wird akzeptiert. Mit freundlichen Grüßen
 

Den Schritt wagen

Informationen zum Beitrag

Titel
Den Schritt wagen
Autor
Alicja van Cuyck
Schule
Regino-Gymnasium, Prüm
Klasse
11SK1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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