„In Deutschland haben wir zum ersten Mal das Gefühl, angekommen zu sein.“

Während wir uns näher mit dem Thema "Migration" beschäftigt haben, sind wir auf unsere Mitschülerin Mariam Misakian aufmerksam geworden. Sie selbst ist eine sehr gute Schülerin, die ebenfalls die Oberstufe des Regino Gymnasiums besucht und dort schon lange Zeit bestens integriert ist. Außerdem war sie schon auf zahlreichen Leistungswettbewerben und ist im Vorstand einer Partei im Kreis Bitburg-Prüm. Dies macht deutlich, dass auch Ausländer Chancen auf eine gute Bildung in Deutschland haben und politisch mitwirken können, aber nicht jeder nutzt eine solche Gelegenheit.

Das Schicksalsbuch der Armenier ist lange kein unbeschriebenes Blatt mehr, sie gehören zu jenem Volk, welches durch Geographie und Geschichte nicht gerade privilegierten Verhältnissen ausgesetzt war.
Jahrhunderte lang bemühten sich die Armenier meist vergebens, gegen Perser und Türken ihre christliche Kultur aufrecht zu erhalten und die eigene Staatlichkeit durchzusetzen.
Als Minderheit geltend, waren die Armenier lange Zeit die Zielscheibe kurdisch-, türkischer Pogrome.

Durch Mariam haben wir die Gelegenheit bekommen, uns mit ihren Eltern zu unterhalten, da die Schülerin erst 4 war, als die Familie in ihr heutiges Heimatland immigrierte und nicht allzu viele Erinnerung an die damalige Zeit aufzuweisen hat.
In einem bewegenden Interview erzählt das armenische Ehepaar Misakian nun seine leidvolle Geschichte über seine grenzüberschreitende Mobilität, die sie als letzten Ausweg sahen.

Sie sind 1997 nach Deutschland emigriert. Welche Beweggründe haben Sie zu dieser Entscheidung geleitet?

Armenien war geprägt von zahlreichen Problemen innerhalb und außerhalb des Landes.
Ich selbst war in einer politischen Partei aktiv, die gegen kommunistische Herrschaftsformen rebellierte. Die religiösen Konflikte außerhalb verschlechterten zunehmend die Aussichten auf eine gerechte Demokratie.
Unsere Staatlichkeit wurde weiterhin unterdrückt und es war zu keinem Zeitpunkt möglich, offen zu seiner christlichen Religionsangehörigkeit zu stehen.
Wir sahen keinen anderen Ausweg mehr, als unsere Probleme durch Auswanderung zu lösen. Zugegeben konnten wir uns bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, dauerhaft in Deutschland zu leben. Nun wohnen wir schon 14 Jahre hier, fühlen uns wohl und möchten die Zeit keinesfalls missen.
 
Welche Möglichkeiten hatten Sie, um nach Deutschland zu emigrieren?

Es war damals für uns eine sehr schwere Entscheidung mit einem vierjährigen Kind unser Leben in Armenien aufzugeben.
Es war eine risikoreiche Reise voller Ängste und Ungewissheit.
Wir sahen keinen anderen Ausweg, als auf direktem Weg mit dem Bus in die Türkei zu fliehen und von da an die Flucht in einem Flugzeug nach Deutschland fortzusetzen.

Wir stellen es uns sehr schwierig vor, die Verantwortung für eine Familie zu tragen und sich in einem vollkommen fremden Land niederzulassen. Mit welchen Anfangsschwierigkeiten hatten sie zu kämpfen?

Zunächst stellte die Sprachbarriere das größte Problem dar.
6 Monate mussten wir uns mit mittelmäßigen Englischkenntnissen durchkämpfen. Später versuchten wir, unser Vokabular und unsere Aussprache mit Hilfe von deutschem Fernseher und Radio aufzubessern.
Das Klischee „Ausländer integrieren sich nicht“ bürdete uns eine weitere Belastung auf, da wir wegen unseres Aussehens viele Blicke von den Deutschen ertragen mussten. Dadurch, dass unsere Hochschulausbildung nicht anerkannt wurde, waren wir auf staatliche Unterstützung angewiesen. Wir fühlten uns als Aussätzige, weil wir dem Staat zunehmend zur Last fielen.
Mit der Zeit lernten wir, uns in dieser Situation zurechtzufinden, der deutschen Kultur anzupassen und mit der Mentalität umzugehen.
 
Was schätzen sie an Deutschland besonders? Was schätzen sie weniger?

An den Deutschen schätzen wir besonders ihre Mentalität, sprich ihren Sinn für Ordnung und Pünktlichkeit.
Mit unseren deutschen Nachbarn hatten wir keine Probleme, durch ihre vertrauensvolle Art und ihre Aufgeschlossenheit knüpfte man schnell Kontakte.
Außerdem zeichnet sich Deutschland durch sein hochqualitatives Bildungssystem aus. Man hat wesentlich mehr Aufstiegschancen.
Doch neben den sehr toleranten Deutschen gibt es auch die, die uns mit Vorurteilen und Klischees belasten.
Häufig haben wir den Anschein, dass sich die Deutschen für ihre Kultur und ihre Geschichte schämen. Wir Armenier sind ein sehr nationalbewusstes Land und können diese Einstellung nicht nachvollziehen.

Ist Deutschland ihre Heimat geworden?

Deutschland sehen wir definitiv als unsere Heimat an.
Unsere beiden Kinder sind hier aufgewachsen, fühlen sich demnach sehr wohl und wollen auch in der Zukunft Deutschland ihre Heimat nennen.
Auch meine Frau und ich haben das Gefühl angekommen zu sein. Wir haben uns hier erfolgreich eine Existenz aufgebaut und respektieren Deutschland mit all seinen Vor- sowie Nachteilen. Den Respekt gegenüber einem Land finden wir sehr wichtig, er ist der Grundstein für gelungene Integration.

Wenn sie die Wahl hätten, würden sie dann noch einmal den Schritt wagen nach Deutschland zu emigrieren?

Ja, wir haben unsere Entscheidung nie bereut. Wir fühlen uns in die Gesellschaft unserer neuen Heimat aufgenommen.
Meine Familie und ich sind sehr dankbar für den Lebensstandard, den man geboten bekommt, wir haben hier alles, was man zum Leben braucht, um glücklich zu sein.
 
Was würden sie anderen Migranten raten, die nach Deutschland kommen?
 
Wir raten anderen Migranten, offen für die deutsche Geschichte und Kultur zu sein und sich im Voraus damit auseinandersetzen, dass es ein schwieriger Weg werden wird. Integration funktioniert nur dann, wenn Ausländer bereit sind, sich Deutschland in einem gewissen Maße anzupassen. Der wichtigste Grundstein stellt die Sprache dar. Man sollte sich im Klaren darüber sein, dass es nicht einfach aber unbedingt notwendig ist, diese Sprache zu erlernen. Migranten stehen im Fokus der Gesellschaft, gerade deshalb sollten sie nicht negativ auffallen.
 
Wir danken Ihnen für dieses ehrlich geführte Interview und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg hier in Deutschland.
 
Armenien- ein kleines Land mit einer großen Vergangenheit. Familie Misakian ist Teil dieser tragischen Vergangenheit, doch sie hatten den Mut den Schritt zu wagen, hier nach Deutschland zu kommen.
Ein Vergleichbares auswegloses Schicksal teilen viele in Deutschland lebenden Ausländer.
Häufig werden sie herabgeschätzt und Vorurteilen ausgesetzt. Doch man sollte im Hinterkopf haben: „Hinter jedem Ausländer steckt auch eine bewegende Geschichte“.
Es ist zu bewundern und zu respektieren, wie Migranten ihre Zukunft in einem anderen Land antreten.
Aber die Frage der Integration sollte sich dabei immer beiden Seiten der Bevölkerung stellen, jeder sollte dazu beitragen das diese gelingt.

Integration und Migration ist ein momentan stark diskutiertes Thema. Nach diesem interessanten Interview ist uns selbst noch stärker bewusst geworden, dass es für die meisten Migranten nicht leicht ist, sich in einem Land zu integrieren, auch wenn sie sich große Mühe geben und sich anpassen. Aber häufig stehen ihnen immer noch Vorurteile und Klischees im Weg und dies wird auch weiterhin die größte Barriere bleiben, die sie überwinden müssen.
 
 
Regino-Gymnasium, Sk1, Katharina Dimmer und Britta Hahn

Quellen:
Familie Misakian, Prüm, 19.11.11
www.wikipedia.de





 

„In Deutschland haben wir zum ersten Mal das Gefühl, angekommen zu sein.“

Informationen zum Beitrag

Titel
„In Deutschland haben wir zum ersten Mal das Gefühl, angekommen zu sein.“
Autor
Katharina Dimmer, Britta Hahn
Schule
Regino-Gymnasium, Prüm
Klasse
11SK1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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