Ceylan: „Deutschen türkische Kultur näherbringen“

Ein Beitrag von Tim Benkner und Sophia Wölkhammer der Q11 (P-Seminar „Journalismus“) des Chiemgau-Gymnasiums Traunstein


Turkish Daily News vom 12.11.2099



Ceylan: „Deutschen türkische Kultur näherbringen“



Nach dem Zusammenbruch der Eurozone und der darauffolgenden Wirtschaftskrise im Jahr 2054 herrschte Massensarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland und anderen Mitgliedsländern der EU. Viele Deutsche versuchten damals ihr Glück in der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Türkei.
Im Exklusivinterview mit den Turkish Daily News fordert der türkische Integrationsminister und Europawissenschaftler Argun Ceylan nun umfassende Anstrengungen in der Einwanderungspolitik.



Turkish Daily News:
 Was ist aus Ihrer Sicht das größte Versäumnis der türkischen Einwanderungspolitik?



Argun Ceylan:
 Es gab jahrzehntelang überhaupt keine Einwanderungspolitik. Im Jahr 2055 hat man Millionen von Deutschen in die Türkei geholt ohne einen Plan, wie man sie langfristig beschäftigen und integrieren soll. Die Folgen werden jetzt im Jahr 2099 erst richtig deutlich:  Unter den Deutschen ist wenig Wille da, sich den türkischen Traditionen anzupassen und sich somit in die türkische Gesellschaft zu integrieren.



Turkish Daily News:
 Waren die langfristigen Probleme nicht absehbar?



Argun Ceylan: 
Die Politik hat erwartet, dass die Deutschen und auch die anderen Einwanderer irgendwann in ihre Heimatländer zurückkehren. Bis 2089 hat man behauptet, die Türkei sei kein Einwanderungsland. Dabei brauchen wir mittlerweile die ausländischen Arbeitskräfte, denn sie erledigen viele Aufgaben, die für die heutigen Türken unvorstellbar wären und tragen so ihren Teil zum wirtschaftlichen Aufschwung der Türkei bei.



Turkish Daily News: 
Immerhin wurde dafür auch ein Einwanderungsgesetz ausgearbeitet.



Argun Ceylan: 
Die Diskussionen darüber haben sieben Jahre gedauert. 2094 kam dann ein Gesetz heraus, das sich hauptsächlich auf das Erlernen der Sprache konzentriert. Das ist doch keine Integrationsarbeit! 



Turkish Daily News:
 Sind ausreichende Sprachkenntnisse nicht der wichtigste Grundstein der Integration?



Argun Ceylan:
 Ja, aber Sprache kann nicht alles sein. Es ist völlig selbstverständlich, dass die Leute türkisch lernen müssen. Integration verlangt aber umfassende, durchdachte Aktionen und kann nicht auf Freiwilligkeit basieren. Man muss den Deutschen unsere Kultur näherbringen!



Turkish Daily News:
 Wie sähe aus Ihrer Sicht eine umfassende Einwanderungspolitik aus?



Argun Ceylan:
 Man muss sich an Einwanderungsländern wie China oder Indien orientieren, die unter anderem mit einer Quote arbeiten. Diese Länder werben gezielt qualifizierte Ausländer an, die sie brauchen, und ihre Einbürgerung wird beschleunigt.



Turkish Daily News:
 Das bedeutet: Bessere Integration durch Vorauswahl?



Argun Ceylan:
 Ja, die Deutschen und  Europäer  generell haben in der Türkei ein Integrationsproblem, in China haben sie das Problem nicht. Durch die strengeren Regeln ist dort eine gebildete Mittelschicht eingewandert, die einen höheren Akademiker-Anteil hat als die einheimische Bevölkerung. Hier in der Türkei stammen die Deutschen eher aus der Unterschicht, auch wenn es Ausnahmen gibt.



Turkish Daily News:
 Fehlender Integrationswille ist also kein generelles Problem einer westlich geprägten Kultur?



Argun Ceylan:
 Auf keinen Fall. Die vereinfachenden und engstirnigen Thesen von einigen meiner Kollegen hat man Mitte des 21. Jahrhunderts vertreten. Es ist beschämend, dass man solche Töne heute noch hört. Das ändert aber nichts daran, dass die Probleme, die sie ansprechen, real sind: Es existieren bestimmte Gruppen, die wenig qualifiziert sind und sich in einer Parallelgesellschaft verbarrikadieren. Die sind schon fast nicht mehr erreichbar.



Turkish Daily News:
 Was bedeutet denn überhaupt Leben in einer westlich geprägten Parallelgesellschaft?



Argun Ceylan:
 Viele westlichen Gemeinden haben eigene Einrichtungen für alle Bereiche des Lebens geschaffen: Freizeit, Erziehung, Sport, Sozialarbeit. Diese Gesellschaft verfährt nach einem Wertesystem, das nicht das unsere ist: Sie orientiert sich nicht an unseren Werten und Gesetzen, sondern vor allem an westlichen Systemen, die schon lange nicht mehr existieren. Es ist eine andere Welt, völlig abgegrenzt.



Turkish Daily News: 
Wie kann man diese Grenze durchbrechen?



Argun Ceylan: 
Unter anderem muss die Erziehung unter Aufsicht des Staates stattfinden, ohne Einfluss der Gemeinden und ihrem Wertesystem.



Turkish Daily News: 
Also einheitliche Schulen für alle?



Argun Ceylan: 
Zum Beispiel. Eigene Traditionen sind das Recht jedes Menschen, westliche Bräuche müssen unterstützt werden. Problematisch sind aber die Sozialarbeitsmaßnahmen  in  den geschlossenen Gemeinden. Wenn die Erziehung dort stattfindet, völlig abgekoppelt von dem Land, in dem die Kinder leben, dann wachsen sie mit einem Wertesystem auf, das nicht mit unserem vereinbar ist.



Turkish Daily News:
 Was würden sie sich für das kommende Jahrhundert wünschen?


Argun Ceylan: 
Ich würde mir wünschen, dass unsere europäischen Mitbürger mehr Willen zeigen, sich unserer Kultur anzupassen. Ich will, dass ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ein „Wir-Gefühl“ entsteht und wir als eine Nation und ein Volk, ohne gesellschaftliche Barrieren in die Zukunft blicken können.



Turkish Daily News: 
Danke für ihre Offenheit Herr Ceylan, wir wünschen ihnen alles Gute für die Zukunft!



 

Ceylan: „Deutschen türkische Kultur näherbringen“

Informationen zum Beitrag

Titel
Ceylan: „Deutschen türkische Kultur näherbringen“
Autor
Tim Benkner, Sophia Wölkhammer
Schule
Chiemgau-Gymnasium, Traunstein
Klasse
P-Seminar Journalismus Q11 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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