Wie viel Religion gehört in eine Schule?

Ein muslimischer Junge dem es verboten wurde, in der Schule zu beten. Ist es richtig, die Religion eines Schülers einzuschränken oder sollte man sie ihn frei ausleben lassen? Wo sind die Grenzen eines Schülers zu setzen?

Immer wieder liest man von Problemen in der Gesellschaft bezüglich des Auslebens der Religion in der Öffentlichkeit. Ob das Kopftuchtragen in der Schule oder das Bauen von Gebetsorten für die verschiedenen Kulturen, immer stößt man auf mindestens zwei Parteien, die eine unterschiedliche Meinung zu diesem Thema vertreten. Eine Einigung zu finden, die beide Parteien zufriedenstellt, ist schwer und die Probleme scheinen so gut wie unlösbar.
Vor allem an Schulen, wo viele unterschiedliche Religionen und Weltanschauungen aufeinandertreffen und schnell in Konflikt geraten, ist dieses Problem häufig zu entdecken. Ausgedrückt wird der Unmut der Schüler durch Gewalt und Mobbingattacken gegen die “Anderen”. Doch wie viel Religion sollte man in öffentlichen Einrichtung ausleben dürfen? Wo ist die Grenze zwischen dem Ausleben des Glaubens und der Provokation von Andersgläubigen?

Der 18-jährige Yunus M. wollte ebenfalls den Gesetzen seiner Religion gehorchen. Der strenggläubige Schüler eines Berliner Gymnasiums sorgte im Jahr 2007 für viel Aufruhr und Gesprächsstoff in den Medien, als er die Schule anklagte. Diese hatte ihm verboten, traditionell im Schuldgebäude zu beten. In den Mittagspausen legte er seine Jacke in Schulfluren und leeren Klassenräumen auf den Boden und betete gemeinsam mit anderen Schülern, was von seinem Glauben vorgeschrieben wurde. Die Schulleitung untersagte ihm dies jedoch sofort, bezeichnete seine Handlung als “störend” und als  für den Schulalltag unangemessen.
Der Fall landete vor Gericht, Yunus und sein Vater, welcher sich in diesem Prozess sehr für seinen Sohn einsetzte, bekamen das Recht zugesprochen, weiterhin in der Schule beten zu dürfen. Doch das Land Berlin ging sofort in Berufung, wollte das Urteil des Gerichts nicht so einfach hinnehmen.
Doch was genau sind die Probleme in einem solchen Fall? Sollte man die Religion eines Schülers derart einschränken dürfen?

Eine Umfrage am Einstein-Gymnasium in Rheda soll ein wenig Klarheit verschaffen. Schüler wie auch Lehrer wurden befragt, was sie von dieser Situation halten, wie und mit welcher Begründung sie sich entschieden hätten.
Ein eindeutiges Ergebnis konnte nicht erzielt werden, dennoch war zu sehen, dass weibliche Schüler eher gegen ein Gebetsverbot an Schulen waren als Jungen. 60 Prozent der weiblichen Befragten waren der Meinung, dass an der Schule der Glaube frei ausgelebt werden dürfe, solange andere Mitschüler nicht gestört würden. 70 Prozent der männlichen Befragten waren dafür, dass die Schule frei von jeglicher Religion sein und in einem öffentlichen Gebäude Neutralität bezüglich Religion und Politik herrschen sollte. Zudem haben alle Lehrer, die an dieser Umfrage teilgenommen haben, für ein Gebetsverbot gestimmt.

Doch wie begründet man so etwas?
In Deutschland herrscht Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, jeder darf also der Weltanschauung seiner Wahl angehören und diese ausleben. Jedoch sollte bedacht sein, dass dies nur der Fall ist, solange die Öffentlichkeit nicht in ihrem Schutz, ihrer Ordnung und ihrer Sittlichkeit angegriffen wird, so der UN-Zivilpakt.
Demnach sollte jeder das Recht dazu besitzen, selbst zu entscheiden, wann und wie gebetet werden soll.
Viele Befragte haben auch mit dem Grund argumentiert, dass Yunus in der Mittagspause, also in seiner Freizeit gebetet hatte und demnach keinen Unterricht gestört haben konnte.
Jedoch gibt es einige andere Faktoren, die diesbezüglich nicht außer Acht gelassen werden sollten.
An Yunus Schule können ungefähr 30 verschiedene Nationalitäten aufgezählt werden, darunter haben rund 77 Prozent aller Schüler einen Migrationshintergrund. Das Aufeinandertreffen der Religionen steht hier an der Tagesordnung und ist unvermeidlich.
Natürlich will die Schulleitung den Frieden an der Schule beibehalten, weshalb sie versucht, so viele Provokationen wie möglich zu vermeiden.
Das öffentliche Beten in der Anwesenheit der anderen Mitschüler sahen viele Schüler als provokativ an, der Frieden an der Schule war also gefährdet. Um Gewaltangriffe zu vermeiden, verbat die Schule Yunus, Gebete zu verrichten.
Außerdem begründeten viele befragte Lehrer ihre Entscheidung damit, dass die Schule als staatliches Bildungsinstitut von der Kirche getrennt werden sollte. Die Schule sollte neutral bleiben und den Kindern selbst die Entscheidung überlassen, an welchen Gott sie glauben, ob sie überhaupt an einen Gott glauben wollen und wie stark dieser Glaube vertreten werden soll. Diese Aufgabe der Entscheidung sollte nicht den Lehrern oder der bloßen Einrichtung der Schule durch Kreuze etc. überlassen werden.
Weiterhin sollte berücksichtigt werden, dass nicht jeder so handeln darf, wie er es für richtig empfindet. An Schulen ist es wichtig, das Wort Toleranz und Akzeptanz groß zu schreiben, man sollte Einschränkungen akzeptieren und versuchen einige Handlungen der Mitschüler, die anderen vor den Kopf stoßen, zu tolerieren. Dennoch sollten strikte Grenzen gesetzt werden, die nicht überschritten werden sollten, damit Gewalt verhindert werden kann. Diese Grenzen müssen für alle Schüler gelten und es dürfen keine Ausnahmen gemacht werden, damit die Strenge der Regeln und Gesetze nicht abgeschwächt werden. Dadurch werden alle Schüler gleichgestellt und niemand wird bevormundet, was wiederum zu friedlicheren Verhältnissen an Schulen führt.
Im Fall Yunus müsste demnach eine Ausnahme gemacht werden, die für alle Schüler des Diesterweg- Gymnasiums gelten müsste. Hier könnte nun jeder seine Religion so stark ausleben, wie er wollte, was schließlich zu einem einzigen Chaos geführt hätte.

Das Oberlandesgericht hat dem Land Recht gegeben und, um Konflikte zu vermeiden, ein Gebetsverbot in schulischen Einrichtungen verordnet. Auch wenn dieses Urteil wieder auf viel Kritik gestoßen ist, da die Entscheidung des Gerichts gegen die Grundgesetze verstöße, so wird sich an diesem Urteil wahrscheinlich nichts mehr ändern. Immerhin kann man es nicht immer jedem Recht machen.

Schule: Einstein-Gymnasium Rheda-Wiedenbrück
Klasse: Literaturkurs Q1 / 12
Autoren: Lara Seeck, Ramona Westermann
 

Wie viel Religion gehört in eine Schule?

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie viel Religion gehört in eine Schule?
Autor
Lara Seeck, Ramona Westermann
Schule
Einstein-Gymnasium, Rheda-Wiedenbrück
Klasse
Literaturkurs 12 von 2011/2012
Quelle
Frankurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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