Anne in Frankreich

von Karoline Riedel

Im Jahr 2006 hat sich Anne Berger dazu entschlossen, am Voltaire-Programm teilzunehmen. Mit kompletten Name heißt das Programm: „Programme d’échange d’élèves d’une durée de six mois voltaire“ und bietet einen Deutsch-Französisch Austausch für sechs Monate an.
Anne ist am 07. April 1991 geboren. Als sie später das Lessing-Gymnasium in Plauen besucht, steht ihr Entschluss nach gründlicher Überlegung und intensiven Gesprächen mit ihren Eltern und ihrer ehemaligen Französischlehrerin Frau Seifert fest: Anne will nach Frankreich und ist auch bereit, im Gegenzug einen französischen Schüler bei sich aufzunehmen. Ein paar Monate nach Abgabe ihrer Bewerbung kommt endlich die Bestätigung, dass sie angenommen wird. Ihre Gastschwester ist die gleichaltrige Französin Léa Borel aus Lille. Sie ist am 13.August 1991 geboren und geht auf das lycée Fénelon.
Das Voltaire-Programm sieht vor, dass erst der/die Franzose/-ösin für ein halbes Jahr nach Deutschland kommt und nach dieser Zeit der/die deutsche Schüler/-in für weitere sechs Monate nach Frankreich geht.
Nach dem ersten halben Jahr musste Anne von ihren Eltern und ihrem Bruder Jonas Abschied nehmen. Und das für sechs Monate! Aber in den Monaten zuvor hatte sie Léa sehr gut kennen gelernt und hat schon mal eine erste Ansprechperson, wenn sie in ihrer „neuen Heimat“ ist. In Frankreich angekommen, hat Anne auch schon gleich ihre neue Familie kennen gelernt. Gastpapa Benoît, seine Frau Dominique, Léa’s Brüder Mathias, Frantz und Joseph und ihre beiden Schwestern Donatienne und Natacha. Ihre neue Familie war sehr nett und Anne hat schnell Anschluss an sie gefunden.
Dann stand auch schon bald der erste Schultag an. Anne ging in die zehnte Klasse und war somit ein Jahr tiefer als Léa. Der Unterricht in Frankreich fängt meistens zwischen um 10 und 11 Uhr an und hört ca. gegen 18:00 Uhr auf. In den französischen Schulen gibt es sehr strenge Regeln und die Schüler haben ungefähr 36 Unterrichtsstunden pro Woche. In Annes Klasse waren noch 36 weitere Schüler und in ihrer Schule waren rund 830 Schüler und zählt damit in Frankreich als klein.
In Lille konnte Anne auch wieder ihrer großen Leidenschaft nachgehen – dem Fußballspielen. Zusammen mit Léa spielte sie in einer Mädchenmannschaft. Schon ein paar Tage später hatte sich Anne ziemlich gut in ihrer Familie und in ihrer Klasse eingelebt. Mit der Zeit hatte sie sich auch daran gewöhnt, immer französisch zu sprechen, und konnte auch dem Unterricht gut folgen. Sie hat jeden Tag neue Menschen kennen gelernt, die auch sehr nett zu ihr waren. Nach nicht einmal einem Monat hatte Anne schon ihre ersten Zensuren in Mathe bekommen. Das französische Notensystem ist ganz anders als das deutsche. Die 20 ist die beste und die 4,5 die schlechteste Note. Es wurden auch schon die ersten Prüfungen in Mathe und Französisch geschrieben, womit Anne auch keine weiteren Probleme hatte. Ihr Französisch wurde immer besser und sie konnte sich auch schon in Gespräche einmischen und die französischen Witze verstehen. Anne wurde auch schon von ihrer Familie zu einem Fußballspiel, Lille gegen Toulouse, mitgenommen.  Zwei Wochen später haben sich Anne und Léa mit anderen Gastschülern und den ausländischen Sprachassistenten getroffen. Diese kamen aus dem Libanon, den USA, der Schweiz, Australien, Deutschland, Spanien und noch anderen Ländern.
Alle haben sich gut unterhalten, auch wenn sich Anne beim Deutsch Sprechen sehr konzentrieren musste und ihr Englisch auch immer schlechter wurde. Am 8. Oktober sind Léa und Anne auf ein Festival in St. Amand gegangen. Auf diesem haben viele verschiedene Rockbands gespielt, u.a. auch Thomas, ein guter Freund der Familie.
Ein paar Wochen später, musste Benoît zusammen mit Anne in das Gymnasium zu einem Elterngespräch. Der Unterschied zu den Elternsprechabenden in Deutschland ist, dass die Schüler mitkommen und es gibt auch keine Elternabende, bei denen die ganze Klasse zusammen ist. Die Eltern werden dann über die Zensuren informiert und sie bekommen auch andere Fragen beantwortet. Nach drei Monaten in Lille hat sich Annes Französisch enorm verbessert und ihr Deutsch ist immer schlechter geworden. In den Ferien hat Anne mit ihrer Familie einen Ausflug nach Paris gemacht und viele Sehenswürdigkeiten besucht. Mitte November gab es dann Zeugnisse für das erste Trimester. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Frankreich nicht nur Halbjahresinformationen, sondern Trimesterzeugnisse.
Am 1. Dezember hat die ganze Familie den 21. Geburtstag von Annes Gastbruder Frantz gefeiert. Anne hatte ihrer Familie Plätzchen nach dem Rezept ihrer Mutter gebacken, die richtig gut bei den Franzosen ankamen. In Frankreich kennt man keine Plätzchen, wie wir sie hier in Deutschland kennen, sondern nur ganze Kuchen. Die Weihnachtstradition sind sonst nicht so verschieden. Es wird nur nicht so viel dekoriert wie hier. In Frankreich gibt es aber erst am 25. die Geschenke und man hängt kleine Zettel mit seinen Wünschen an den Kamin. Ein traditionelles Weihnachtsessen in Frankreich ist Gänseleber, Austern, Hahn mit Birne und Chicorée. Zu Silvester hat Anne Besuch von ihren Eltern und ihrem Bruder Jonas aus Deutschland bekommen. Die Gasteltern kamen gut mit Annes Eltern aus. Nur mit der Übersetzung hat es manchmal nicht so gut geklappt, da Annes Deutsch nicht gerade gut war. Trotz dieser Kleinigkeiten haben sie alle zusammen in das Jahr 2007 hineingefeiert, allerdings ohne viel Raketen, weil sie in Frankreich nicht erlaubt sind. Am nächsten Tag ist die Familie nach Belgien gefahren und haben den Mont de Casselle besichtigt. Er ist der höchste Punkt Belgiens und man kann von dort aus bis nach England schauen.
Die Zeit in Lille neigte sich langsam dem Ende zu und es wurden noch die letzten Ausflüge geplant. Einer davon war die Fahrt nach Brügge in Belgien. Die Stadt liegt ca. 50 Minuten von Lille entfernt und wurde ursprünglich am Meer gebaut, so dass es hunderte Kanäle gibt, ähnlich wie in Venedig. Anne hat mit ihrer Gastfamilie viel Zeit in der Innenstadt verbracht und sie sind in einem Restaurant Essen gegangen.
Kurz bevor Anne wieder zurück nach Deutschland ist, hat sie mit ihren Freunden und ihrer Ersatzfamilie eine große Party gemacht und wenig später ist Anne mit vielen neuen Erfahrungen nach Plauen zurück gefahren.

Heute ist Anne 21 Jahre alt und studiert in Katmandu. Zu der Familie von Léa hat sie immer noch Kontakt und sie treffen sich regelmäßig.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Anne in Frankreich
Autor
Karoline Riedel
Schule
Lessinggymnasium Plauen, Plauen
Klasse
9b von 2011/2012
Quelle
Frankurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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