„ÜBERLEBT“

Plötzlich wird jedes Geräusch von  lauten Sirenen überstimmt. Auf den Straßen rennen Menschen panisch auf einen naheliegenden Luftschutzkeller zu - auch Marga Z., mit ihrer Tochter Karin im Arm. Einige Mütter müssen ihre Kleinkinder beruhigen. Wenn alle in Sicherheit sind, ist alles still, bis es mehrmals ohrenbetäubend kracht und man ahnt, dass wieder ein Teil der Stadt in Trümmern liegt und man betet, es sei nicht das eigene Haus.

So oder ähnlich hätte man einen Bombenangriff in Plauen um 1944/45  beobachten können.

Nun sitze ich im gemütlichen Sessel meiner Oma Karin, immer noch fröstelnd von der Kälte draußen und beobachte, wie sie mir heißen Früchtetee eingießt. Dann setzt sie sich auf ihren Stuhl und schaut mich erwartungsvoll an. Die Uhr an der Wand tickt leise vor sich hin, als ich die erste Frage stelle: „Warum mussten deine Eltern Marga und Albert eigentlich aus Plauen weg?“
Dann antwortet sie, ihre Stimme ist sehr leise: „ Mein Vater, ein Musterzeichner für das Stickereigewerbe Plauen, wurde 1940  beruflich zwangsverpflichtet, als technischer Zeichner im  
Argus-Flugzeugmotorenwerk in Berlin zu arbeiten.“ Mir ist klar, dass dieser Betrieb zur Kriegsrüstung diente. Das hatte sie mir schon einmal erzählt. Aber noch bevor ich darüber nachdenken kann, setzt meine Oma ihre Erzählung fort.

„Natürlich ist meine Mutter mit ihm nach Berlin gezogen. Und nur ein Jahr später, 1941, kam ich zur Welt. Noch spürten wir nicht allzu viel vom Krieg. Wenn da nicht die Briefe vom Bruder meiner Mutter, der in Russland als Unteroffizier kämpfte und 1943 im Gebiet von Charkow hinterrücks von Partisanen erschossen wurde, das schreckliche Kriegsgeschehen geschildert hätten.“  Das waren schon einschneidende Ereignisse. Jeder weiß ja, wie viele Opfer dieser unsinnige Krieg gekostet hatte. Es dauert eine Weile, bis alles zu mir durchsickert und ich die Wucht dieser Worte begreife.

1944 war es dann auch soweit, dass die russische Front zurückschlug und in Berlin einzog. „Für meine Mutter war es eins der schlimmsten Jahre meines Lebens.“ Sie neigt ihren Kopf zur Seite, ich traue mich nicht, nachzufragen. „Denn eines Tages geriet mein Vater Albert in russische Gefangenschaft, weil er angeblich an der Herstellung von Kriegsmaschinerie beteiligt gewesen sein sollte.“ Oma erzählt mir, wie schrecklich die Zeit für ihren Vater auf den abgelegenen Bauernhöfen  nahe Landsberg in Polen gewesen sein musste. Hätte er sich nicht ein kleines Stück Speck mitgenommen, wäre er vermutlich nie wieder zurückgekommen. Bei dieser Vorstellung wurde mir unbehaglich. Seine Arbeit in Polen war das Verladen von Leichen auf Gefährte, um sie anschließend bei Massengräbern abzugeben. Schlagartig änderte sich die Bedeutung des Wortes „schwer“.  „Sie lebten in einem Keller, und bekamen alle paar Tage ein paar gekochte Kartoffeln zum Essen. Einfach armselig, so etwas !“ Omas aufsteigende Wut ist nicht zu übersehen. Verstehen kann ich sie gut. „Was habt ihr in dieser Zeit gemacht ?“, frage ich.

Sie erzählt mir, dass sie mit ihrer Mutter wieder nach Plauen gegangen ist, wo beide bei Margas  Vater im Haus auf der Schillerstraße wohnen konnten. Doch auch da gab es keine lange Bleibe, denn das Haus befand sich nahe des Oberen Bahnhofes, einem Hauptziel der Bombenangriffe in Plauen. „Wie durch ein Wunder blieben wir alle am Leben, denn nach den beiden größten Angriffen war von unserem Haus nichts mehr übrig“, erzählt Oma mir. Was bei solch einem Angriff passiert, erklärt sie mit einem „ Szenario aus panischen Menschenmassen, welche alle, um ihr Leben rennend, auf den nächstgelegenen Bunker in ihrer Umgebung stürmen.“ Ich versuche, es mir vorzustellen, und plötzlich habe ich unwillkürlich den Film „Codename Brisling“ im Kopf. Erst jetzt verstehe ich, dass meine Familie unmittelbar betroffen war.  Nach diesen Film, der mich Tage nicht losgelassen hatte, recherchierte ich im Internet über die Luftwaffenangriffe in Plauen 1945. Ich hatte herausgefunden dass Plauen in der Schlussphase des 2. Weltkrieges vor allem wegen seiner rüstungswirtschaftlichen Bedeutung und zentralen Verkehrslage in das Visier der alliierten Luftkriegsplanung geriet und so, vom September 1944 bis April 1945,  14 Bombenangriffe gegen Ziele in der Stadt Plauen verrichtet worden waren, bei denen mehr als 75Prozent der Stadt zerstört worden war. Dabei verloren mehr als 2300 Menschen ihr Leben. „ Danach mussten wir Plauen allerdings verlassen, da wir kein Haus mehr hatten“, sagt meine Oma und reißt mich aus meinen Gedanken. „ Mein Opa dagegen ist geblieben. Er hat sich am Rand der Stadt ein kleines „Behelfsheim“ gebaut, das er später nach und nach weiter ausbaute. Genau dort, wo ihr jetzt wohnt.“ Auf einmal fühlte ich mich schuldig, weil meine Eltern sein Haus vor 12 Jahren abgerissen und ein neues, größeres gebaut hatten.

Da meine Oma aufsteht, in die Küche geht und Tee holt, trinke ich meinen schnell aus – er schmeckt sehr köstlich, ist aber schon kalt. Sofort gießt sie mir neuen nach, ich bedanke mich. Sie erzählt weiter, dass sie zur Zeit der schweren Angriffe nach Tanna geflüchtet sind, wo sie im Elternhaus ihres Vaters Albert unterkommen konnten. Dort kam 1945 Omas Bruder Jürgen zur Welt, in dieser trostlosen Zeit. 1946 dann das große Wunder: „ Unser Vater wurde aus der Gefangenschaft entlassen. Wir waren trotz der vielen Entbehrungen und schlimmen Erlebnisse glücklich, alle überlebt zu haben.“

Die Nachkriegsjahre wurden für viele Familien zum Kampf ums Überleben. Zum Glück hatten Karins Großeltern in Tanna eine Minilandwirtschaft mit Kleintieren, die ihre Ernährung sicherstellen konnten. „ Nun mussten meine Eltern noch versuchen, unsere Möbel aus Berlin zurückzubekommen, was auch gelang. 1946 wurde meine Vater dienstverpflichtet – als Gütekontrolleur – in das Mähdrescherwerk nach Weimar, wo er nur am Wochenende nach Hause kommen konnte.“ Das war damals gar nicht so einfach: Nach einer Zugverbindung Weimar – Schleiz gab es keinen Anschluss nach Tanna, so dass er immer noch einen Fußmarsch von gut zwölf Kilometern auf sich nehmen musste. Trotzdem waren alle froh, dass Albert eine Arbeit hatte und die Familie ernährte.

„Die Nachkriegsjahre waren schon sehr hart, denn es fehlte an allem, aber wir hatten endlich den lang ersehnten Frieden! Ich erinnere mich zu Beispiel, dass wir Schulanfänger unsere Zuckertüte, die sowieso nicht üppig gefüllt war, im Keller der Schule bekamen. Nach der Geburt meines zweiten Bruders Bernd 1951 ging es dann langsam bergauf. Die Ernährung der Bevölkerung wurde etwas besser, als Lebensmittelmarken und später auch Reichskleidermarken eingeführt wurden. Diese erleichtern die Verteilung der Nahrungsmittel während Notzeiten enorm. Dabei werden vom Staat bescheinigte Dokumente an das Volk ausgegeben, die dann in Konsumwarengeschäften oder Gaststätten eingelöst werden können. Aber ihr könnt euch das sowieso nicht vorstellen“, sagt meine Oma zu mir.

Natürlich kann ich es mir nicht vorstellen, woher soll ich die Erfahrung auch nehmen. Ich trinke einen weiteren Schluck aus meiner Teetasse, während meine Oma kurz ins Nebenzimmer geht. Danach kommt sie wieder und zeigt mir ein paar Bilder aus einem Fotoalbum. Als ich sie mir ansehe, wird mir bewusst, wie verschieden die Kindheit meiner Oma im Vergleich zu meiner Kindheit war. Meine Gedanken schweifen in frühe, sehr glückliche Kindheitsjahre zurück und als mir auffällt, dass meine Oma so etwas nie erlebt hat, könnte ich mich eigentlich glücklich schätzen, aber stattdessen bekomme ich ein schlechtes Gewissen. „ Aber mit meiner Kindheit war ich eigentlich nie unzufrieden, weil wir alle das beste daraus gemacht haben und meine Eltern ja sowieso nichts dafür konnten.“ Mit den Jahren, die seit den Krieg vergangen sind, wurden die Lebensumstände zunehmend besser, auch wenn man sich in der DDR „eingeengt“ fühlte, da man mit einigen Ausnahmen nicht ins Ausland reisen durfte.

Jeder hat versucht, das beste aus seinem Leben zu machen und würde alles dafür tun, einen nochmaligen Krieg zu verhindern, weil diese Kriegszeit für alle Zeitzeugen wie meine Oma die wahrscheinlich schlimmste Zeit ihres Lebens war.

Michelle Zapf
 

Informationen zum Beitrag

Titel
„ÜBERLEBT“
Autor
Michelle Zapf
Schule
Lessinggymnasium Plauen, Plauen
Klasse
9b von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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