Eritrea: Kein Entkommen aus der Unterdrückung

Sportgymnasium Neubrandenburg (Musisches Haus)
Klasse 12 M1
Luise Tiedtke, Lisa Klütz


1993 schien die Erlösung  vom Leid erreicht: Eritrea hatte nach einem dreißigjährigen Krieg die Unabhängigkeit von Äthiopien zurück erlangt. Doch seitdem werden den Bürgern zunehmend die demokratischen Freiheitsrechte entzogen, die Opposition wurde gewaltsam abgeschafft und der Staat wird nach und nach durch den Präsident Isayas Afewerki militarisiert.
So muss jeder Staatsbürger den so genannten Nationaldienst ableisten, dessen Dauer einmal auf 18 Monate beschränkt war; nun gibt es keine Zeitbegrenzung mehr. Zu diesem zählen der Zivildienst, bei dem der Bau von Straßen und öffentlichen Gebäuden im Mittelpunkt steht, sowie der Militärdienst an der Grenze zu Äthiopien, wo es seit Ende des Krieges immer wieder Konflikte gab. Diese dienen Afewerkis Regierung auch in Form von „Sicherheitsbedenken“ zur Rechtfertigung der Massenmobilisierung. Die Schuld für die ausweglose Lage wird den USA, den Vereinten Nationen oder afrikanischen Ländern zugeschoben, weil diese nicht eingegriffen hätten, als es zum Konflikt über den Grenzverlauf kam.
Wer allerdings versucht, sich jenem Nationaldienst zu entziehen, dem drohen Haft ohne Anklage und Prozess, Folter oder Zwangsarbeit. Ein ehemaliger politischer Gefangener, der auf Dahlak Island festgehalten wurde, berichtet von den erschreckenden Gefängnisbedingungen: „In Dahlak gibt es keine zeitliche Begrenzung, du wartest auf zwei Dinge: entweder jemand kommt, um dich zu verlegen oder um dich zu töten. Als ich Dahlak verließ, wog ich 44 Kilogramm. Mein Hämoglobin war fast gleich null. Ich brauchte einen Stock zum Gehen. Wir lebten unter der Erde, die Temperatur betrug 44°C; es war unglaublich. Man kann die Unmenschlichkeit gar nicht in Worte fassen."²
Außer dem unbegrenzten Wehrdienst wurde 2003 eingeführt, dass alle Schüler der 12. Sekundarabschlussklasse das Militärlager Sawa besuchen müssen, um dort ihre militärische Ausbildung zu erhalten und dem Land dienen zu können. Dabei werden häufig auch Jugendliche mitgenommen, die noch nicht volljährig sind und damit nach dem Zusatzprotokoll der UN Convention of the Rights of the Child, welches Eritrea unterzeichnet hat, nicht rekrutiert werden dürfen. Das sind aber keine Einzelfälle, denn oft werden Jugendliche auf der Straße verhaftet und nach Sawa gebracht - unabhängig von ihrem Alter. Dieses spielt auch bei der Bestrafung von Kleindelikten keine Rolle mehr - auch 13-Jährige kommen für Fehlstunden in der Schule oder ähnliches in Bootcamps, in denen sie mit Hilfe militärischer Ausbildungen umerzogen werden sollen. Dann werden auch diese nach Sawa geschickt und für ihren Nationaldienst vorbereitet.
Aus Angst vor dieser Militarisierung und Unterdrückung fliehen viele aus dem Land, das sie als Gefängnis bezeichnen. So sagt ein Lehrer einer Grundschule Eritreas: „Niemand geht nach Europa, um Almosen zu bekommen, sondern weil uns hier die elementarsten Freiheiten verweigert werden.“1 Schon mit einem Versuch riskiert man schwere Bestrafungen oder Erschießung bei der Grenzüberquerung. Und auch Familien von Flüchtlingen oder Wehrdienstverweigerern müssen mit maßlosen Strafgeldern oder Inhaftierungen rechnen. Trotzdem versuchen tausende Eritreer über Äthiopien, den Sudan, Libyen und Ägypten zum Mittelmeer und schließlich in die europäischen Staaten zu gelangen. Hunderte wurden in den letzten Jahren aus Libyen, Ägypten oder Malta abgewiesen und waren nach ihrer Rückkehr Haft und Folter ausgesetzt. Wenn Flüchtlinge diese Hürden überwunden haben, müssen sie um über den Seeweg die Küste Italiens zu erreichen bis zu 3000$ für eine Fahrt auf einem der überfüllten und unsicheren Schlepperboote zahlen. In Europa angekommen erwartet sie dann die Konfrontation mit den verschärften Richtlinien des Asylrechts der EU, denn eine Aufenthaltsgenehmigung erhält nur, wer als politisch verfolgt angesehen wird. Und wer über einen Mitgliedsstaat der EU oder einen anderen Drittstaat, der als allgemein sicher gilt, anreist, kann auch ohne Einzelprüfung sofort abgewiesen werden und hat keine Chance mehr auf die Stellung eines Asylantrags. Damit sind Nichtregierungsorganisationen im Recht, wenn sie die Asylpolitik der EU kritisieren, weil diese augenscheinlich nur nach der Abwehr und Kontrolle von Zuwanderern ausgerichtet ist und sich nicht, was eigentlich Priorität sein sollte, um den Schutz von Asylsuchenden kümmert.
Auch der Hohe Kommissar für Flüchtlinge der Vereinten Nationen hat dieses Problem erkannt: er rät wegen des großen Risikos der Misshandlung für die Zurückgeschickten von der Abschiebung von Personen nach Eritrea ab, auch wenn es sich um abgelehnte Asylbewerber handelt. Und Georgette Gagnon, Direktorin der Afrika-Abteilung von Human Rights Watch, ergänzt, dass Länder mit eritreischen Flüchtlingen „notwendigen Schutz und die nötige Unterstützung“³ für diese sicherstellen müssen.
Es bleibt also abzuwarten, ob sich die europäischen Staaten weiterhin ihrer Verantwortung entziehen oder, wie auch PRO ASYL fordert, „eine unbürokratische und großzügige Bleiberechtsregelung und eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe“4 für Flüchtlinge anstreben.

Quellen:

http://www.bpb.de/themen/7H6FAJ,5,0,Asyl_und_Fl%FCchtlingspolitik_der_EU.html#art5
http://www.fluechtlingshilfe.ch/herkunftslaender/africa/eritrea/eritrea-rekrutierung-von-kindern-in-den-nationaldienst/?searchterm=eritrea
http://www.fluechtlingshilfe.ch/herkunftslaender/africa/eritrea/eritrea-familiennachzug-ueber-den-sudan-in-die-schweiz/?searchterm=eritrea
http://www.fluechtlingshilfe.ch/herkunftslaender/africa/eritrea/eritrea-wehrdienst-und-desertion/?searchterm=eritrea
http://www.fluechtlingshilfe.ch/herkunftslaender/africa/eritrea/eritrea-situation-von-eritreischen-asylsuchenden-und-fluechtlingen-in-kairo/?searchterm=eritrea
http://www.youngcaritas.ch/media_features/gf/yC_Fluchtgeschichten_RZ.pdf
http://www.connection-ev.de/z.php?ID=579
http://www.nzz.ch/nachrichten/startseite/nichts_wie_raus_aus_eritrea_1.579377.html

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/uno-sicherheitsrat_verschaerft_sanktionen_gegen_eritrea_1.13530870.html

http://www.hrw.org/de/news/2009/04/16/eritrea-unterdr-ckung-f-hrt-zu-menschenrechtskrise

http://www.migration-info.de/mub_artikel.php?Id=060105

http://www.migration-info.de/mub_artikel.php?Id=980302
 

Eritrea: Kein Entkommen aus der Unterdrückung

Informationen zum Beitrag

Titel
Eritrea: Kein Entkommen aus der Unterdrückung
Autor
Luise Tiedtke, Lisa Klütz
Schule
Sportgymnasium Neubrandenburg, Neubrandenburg
Klasse
11M1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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