Migration und Alltag

Sportgymnasium Neubrandenburg (Musisches Haus)
Klasse 12 M1
Sophia Müller

Migration und Alltag

Bericht auf Grundlage eines Interviews mit Schawo*, 17, der in Deutschland geboren ist . Seine Eltern stammen aus Armenien und leben jetzt in Mecklenburg-Vorpommern. Wie geht es ihm mit seinen ausländischen Wurzeln?

Das heutige Zeitalter der Globalisierung hat weltweite Migrationsbewegungen hervorgerufen, ihre Entwicklung und der tatsächliche Umfang sind schwer abschätzbar - mehr als 190 Millionen Menschen, 3% der Weltbevölkerung, leben derzeit befristet oder dauerhaft in einem anderen Land. Im Jahr 2010 hat die Bundesrepublik Deutschland einen deutlichen Anstieg der Zuwanderungszahlen erfahren, zu der Zeit lebten laut Ausländerzentralregister 180.798 Ausländer in Deutschland, die höchste Zahl seit langem. Diese hohe Ziffer der Migranten last sich laut Everett Lee auf sogenannte 'Push- und Pull-Faktoren' für Migration zurückführen. Allgemein zählen zu Push-Faktoren Gründe, wegen derer sich ein Mensch in seiner Heimat nicht wohl fühlt. Pull-Faktoren sind solche, die durch fremde Regionen entstehen - von diesen wird für das Verlassen der Heimat und Zuwandern in ebenjene Region geworben. In Deutschland wurde seit 2005 mit dem Regierungswechsel auch ein Wechsel der deutschen Migrationspolitik vollzogen - laut Koalitionsvertrag sollte die Förderung der Integration von MigrantInnen gestärkt und neue Zuwanderung angeregt werden.
Noch ist die BRD das bevölkerungsreichste Land der Europäischen Union, ein großer Teil der Einwohner hat einen Migrationshintergrund. Besonders aus Polen, Rumänien und Bulgarien kommen viele Menschen, um hier zu leben. Deutschland bietet den Einwanderern oft Vorteile, die es im Heimatland nicht gibt.
Schawo's Eltern sind 1982 aus Armenien nach Deutschland gekommen, um hier Medizin und Jura zu studieren. "Armenien ist ein armes Land, du musst alles allein hinkriegen. In Deutschland kriegst du alles zur Verfügung, was du brauchst - Hilfe, ein Dach über dem Kopf, Essen…", erzählt er. Nur rund 50.000 Armenier leben heute in der BRD, doch halten sich ca. drei Viertel der Armenier außerhalb der Republik Armeniens auf, vor allem in Russland und den USA. Die Vergangenheit des Binnenstaates ist geprägt von Kriegen, Fremdherrschaft, Verelendung - besonders nach einem Genozid 1915 flohen viele armenische Einwohner ins Ausland.

Für Schawo's Eltern war es nicht ganz einfach, sich in unserem Heimatland einzugewöhnen oder die Sprache zu lernen. "Und die anderen Dinge kommen natürlich auch dazu, z.B. wie man sich am Tisch zu verhalten hat - wir benutzen eigentlich keine Messer." Ihr Sohn ist sich sicher, dass es einem Einwanderer zwar zu Beginn in Deutschland schwer fallen kann und man sich nicht unbedingt willkommen fühlt, es jedoch gut funktioniere, wenn man sich eingewöhnt hat und mit der deutschen Kultur "klarkommt". Er selbst fühlt sich sehr in Deutschland integriert und auf die Frage, ob er sich eher deutsch oder armenisch fühle, antwortet er nur mit einem Lachen: "Ich fühle mich deutsch. Ich war im Regenbogenkindergarten - hallo, deutscher geht’s gar nicht!"
Schawo fühlt sich deutsch - trotzdem wurde er schon des Öfteren aufgrund seines ausländischen Aussehens angepöbelt: "Selbstverständlich wurde ich schon persönlich angegriffen" - und damit steht er nicht alleine da. Oft werden Menschen aufgrund ihres Migrationshintergrundes benachteiligt oder angegriffen. Beispielhaft zeigt dass der oscarprämierte Kurzfilm "Schwarzfahrer" von Pepe Danquart, der in seiner Aussage zeigt, dass es heutzutage immer noch zu viele Vorurteile und mangelnde Zivilcourage gibt.  "Oder zum Beispiel werde ich öfter, wenn ich einen Freund zum Bahnhof bringe von der Polizei kontrolliert - mein Pass und Beutelinhalt.", erzählt Schawo. Auf eine Weise fühlt er sich ungerecht behandelt, weil er als Einziger angesprochen wird - offensichtlich nur aufgrund seines ausländischen Aussehens. Seine Theorie, woran es liegen kann, dass Ausländer zum Teil intolerant behandelt werden oder sich abgrenzen, ist folgende: "Gleich und Gleich gesellt sich gern. Außerdem gibt es Deutsche, die keine Lust auf fremde Kulturkreise zwischen sich selbst haben - sie denken sich, 'wenn die schon hier wohnen, sollen die auch so leben wie wir'. Und deswegen werden die den Ausländern gegenüber intolerant." Doch ist er optimistisch und verurteilt nicht Taten Einzelner: "In jedem Land gibt es Gut und Böse". Schawo ist zufrieden mit Deutschland, fühlt sich hier trotz Zwischenfällen wie diesen sehr akzeptiert: "Ja auf jeden Fall, ich bin in Deutschland geboren und zufrieden - und ich hoffe, die auch mit mir!"
Es gibt Hoffnung, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund - trotz möglicher Schwierigkeiten - in Deutschland wohlfühlen und sich, wie im Falle von Schawo eine chancenreiche Zukunft für sie ergibt - er möchte ein Jurastudium in Deutschland oder der Schweiz beginnen.

*Der Name wurde für den Artikel von der Autorin geändert.

Migration und Alltag

Informationen zum Beitrag

Titel
Migration und Alltag
Autor
Sophia Müller
Schule
Sportgymnasium Neubrandenburg, Neubrandenburg
Klasse
11M1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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