Ein Jahr „Migrant“ sein?

Die Entscheidung, ein Semester, ein paar Monate, vielleicht sogar ein ganzes Jahr ins Ausland zu gehen, ist nie eine leichte. „Für lange Zeit von zu Hause fern bleiben, das ist ja fast wie Auswandern“, so die Meinung einer 6.-Klässlerin zum Thema. Also wie ein Migrant. Aber man kommt doch zurück. „Dann halt nur auf Zeit.“ Aha. Ist man also wirklich nur ein ‚Migrant auf Zeit‘? Der erste Eindruck davon kann schon bei dem Versuch entstehen, ein Visum zu bekommen und zwar je nachdem, wie schwierig dies ist. Innerhalb der EU spielt das gar keine Rolle, da hier die Freizügigkeit gilt, das heißt man kann ohne Visum in anderen EU-Staaten leben, arbeiten oder zur Schule gehen. Will man allerdings aus einem nicht-europäischen Staat ein Visum für Europa bekommen, ist dies ein Vorhaben, an welchem man sich die Zähne ausbeißen kann. So zum Beispiel im Fall von Austauschschülern aus Indien, die ihren Aufenthalt in Deutschland verbringen wollen. Mit einem Brief an die deutsche Botschaft oder dem einfachen Ausfüllen eines Formulars ist es hier nicht getan. Erst einmal muss man Erlaubnis bekommen zur Botschaft vorgelassen zu werden, es folgt dort ein Interview über die Beweggründe der Reise nach Deutschland kommen will. Darüber hinaus müssen die indische Schule sowie die deutsche Schule und Verwandte in Deutschland (wenn vorhanden) versichern, dass sie nicht länger als die vereinbarte Zeit bleiben. Dadurch entsteht nicht allzu freundlicher erster Eindruck von Deutschland. Denn Europa ist durch eine gewisse Angst vor Migranten geprägt. Diese versuchen sich in Europa oftmals eine neue Existenz aufzubauen, da die wirtschaftliche Situation hier eine der besten rund um den Globus ist.Weil viele allerdings nicht genügend Qualifikationen mit sich bringen, bleiben die europäischen Staaten als Sozialstaaten auf deren Unterhalt sitzen. Es bilden sich Milieus, soziale Randgruppen und Vorurteile seitens der restlichen Bevölkerung. Erfährt man diese also auch als Austauschschüler? Wir stellten diese Frage dem indischen Austauschüler Shloke S. und bekamen eine klare Antwort: „Nein.“ Zwar mag man sich im formellen Sinne in der Rolle als Ausländer in der Bundesrepublik nicht erwünscht fühlen, da die Organisation der Einreise eine schwer zu bewältigende Aufgabe sei, aber vom sozialen Umfeld fühle man sich respektiert und aufgenommen. Die Tatsache, eher Gast als Eindringling zu sein, freut Shloke, zumal Deutschland in diesem Bereich auch kein unbeflecktes Tuch ist und dadurch nicht unbedingt den allerbesten Ruf hat. Offiziell hat man also den Status eines Migranten, allerdings hat man als Austauschschüler andere Ziele, als das Aufbauen einer neuen Existenz. Zum Beispiel das Erlernen oder Verbessern einer Sprache, einfach eine Lebenserfahrung machen zu wollen oder schon die Vorbereitung auf die berufliche Zukunft zu sichern. Ins Ausland zu reisen, das heißt nicht unbedingt auswandern, sondern eine begrenzte Zeit lang in einem anderen Land zu leben und zu lernen, ohne ‚Ausländer‘ zu sein.

Geschrieben von: Clemens Brandis und Philip Zander

(Quellen: Interviews mit deutschen und ausländischen Austauschschülern, Erfahrungsberichte, eigene Erfahrungen)

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Jahr „Migrant“ sein?
Autor
Clemens Brandis, Philip Zander
Schule
Gymnasium Andreanum, Hildesheim
Klasse
10E2 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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