Hey, ihr Türken, arbeitet mal!

Von Torben von Borstel


Acht Uhr morgens am Hauptbahnhof in Hildesheim. Es ist ein diesiger Morgen, während Achmed, Hakan und Mohammed im Café sitzen. Sie sind Deutsche mit Migrationshintergrund, ihre Eltern sind Türken, sie wurden aber in Deutschland geboren und haben einen Realschulabschluss.
 Achmed und Hakan sind Zugführer, Mohammed ist Schaffner. Sie unterhalten sich über ihre Arbeit und Mohammed seufzt: „Diese Arbeit ist manchmal schon ziemlich nervig, wenn man komisch angeguckt wird und sich dumme Sprüche anhören muss, nur weil man aussieht, als ob man Ausländer ist.“ Die anderen stimmen zu, allerdings haben sie die Erfahrung noch nicht so oft erlebt. Das Gespräch wendet sich nun anderen Themen zu, bis schließlich eine Gruppe Jugendlicher vorbeikommt, die auf sie aufmerksam geworden ist und herüber schreit: „ Hey, ihr Türken sucht euch mal Arbeit!“
„Warum wird man dauernd von solchen Leuten angemacht, die einfach nur die Aufmerksamkeit und Bewunderung ihrer Freunde wollen“, meint Achmed, der solche Anschuldigungen schon öfter gehört hat. Die anderen stimmen kopfnickend zu und Hakan sagt: „Es ist echt nicht fair, nur weil man Türke ist sofort mit Asozialen in einen Topf geworfen zu werden und alle denken, dass man nur das Sozialsystem ausnutzen will, das es hier in Deutschland gibt.“

Diese Sprüche nerven die drei jungen Männer, da sie oft mit Vorurteilen über Migranten konfrontiert werden und Mohammed meint: „Wir wissen, dass sehr viel mehr Türken oder Migranten aus unserem Land arbeitslos sind als Deutsche. Aber die schlechte Meinung haben die meisten Leute sowieso nur aus den Medien, in denen wir Ausländer als die großen Betrüger und Schläger dargestellt werden und es heißt, dass wir schleunigst in den Knast gehören.“  Die Erwerbslosigkeit bei Migranten (14%) ist allerdings doppelt so hoch wie der deutschlandweite Durchschnitt, der bei 7,1 % liegt. Diese Tatsache allein ist aber noch kein Grund, zu behaupten, dass die meisten Ausländer nur hierher kommen um auf  Kosten des Staates zu leben. Das bestätigt auch eine Bamberger Studie. Tatsächlich kommen viele türkische Einwanderer mit der Hoffnung auf hohe Aufstiegsziele, auch für ihre Kinder, nach Deutschland. Dabei haben sie sehr hohe Erwartungen an das deutsche Bildungssystem. Da viele sich im deutschen Schulsystem nicht so gut auskennen, beschränkt sich ihre Wahrnehmung eher darauf, ob ihre Kinder gern zur Schule gehen und lernen oder nicht. Verstärkt wird diese Unwissenheit auch durch einen geringen Integrationsgrad. Dieser wird nochmals verstärkt, wenn Ehen mit ebenfalls ausländischen Partnern geschlossen werden. Da heißt, je besser die Eltern integriert sind, desto seltener haben sie unrealistische Bildungsvorstellung.

Die anfangs erwähnte Pöbelei der deutschen Jugendlichen gegen die Migranten ist ein Beispiel dafür, dass wir unser Selbstwertgefühl steigern wollen, indem wir die Gruppe, der wir angehören, positiver darstellen, als andere, sodass man denkt, man gehört zu den Besseren. Wenn man z.B. der Fan einer Mannschaft ist und diese gerade gewonnen hat, so sagt man „Wir haben gewonnen!“, um sich dazugehörig zu zeigen. Hat diese Mannschaft aber verloren, kann man oft „Sie haben verloren“, hören, um sich diesmal von der Verlierer- Gruppe zu distanzieren. Der Mensch neigt im Allgemeinen dazu, alle Personen einer Gruppe als gleich zu bewerten, was zu einer Vereinheitlichung aller Gruppenmitglieder führt, sodass keine Unterschiede mehr wahrgenommen werden. Dieses hat zur Folge, dass diese Gruppen dann stärker diskriminiert werden als andere. Der Mensch neigt auch dazu, seine eigene Gruppe aufzuwerten, was er oft auf Kosten einer Fremdgruppe tut. Er will damit ein positives Selbstbild erreichen oder aufrecht erhalten. Dies passiert öfter solchen Menschen, deren Selbstwertgefühl gering ist. Umgekehrt sind Personen toleranter, je sicherer ihre soziale Stellung ist. Allerdings muss nicht die soziale Identifikation bedroht sein, um andere zu diskriminieren. Auch kann die bloße Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu Vorurteilen führen. Bestärkt werden Vorurteile noch durch selektive Wahrnehmung, da der Mensch nur das wahrnimmt, was er wahrhaben will.


Quellen:www.bpb.de; www.statista.de; www.spiegelonline.de; www.studiengesellschaft-friedensforschung.de; www.springer.com; www.dfjw.org
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Hey, ihr Türken, arbeitet mal!
Autor
Torben von Borstel
Schule
Gymnasium Andreanum, Hildesheim
Klasse
10E2 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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