Russland und wieder zurück - Eine Geschichte von der Rückkehr von Russlanddeutschen

Von Daniel Holzer
                    
      Eine Geschichte von der Rückkehr von Russlanddeutschen
Unsere Geschichte beginnt in Wologda in Russland, einer ungefähr 500 km nordöstlich von   Moskau gelegenen größeren  Stadt in der es in Wintermonaten durchschnittlich bis zu minus
 17 Grad kalt werden kann. Die heutige 300.000 Einwohnerstadt hatte 1957 um die 139.000 Einwohner, einer dieser Einwohner war meine Mutter, sie wurde dort im gleichen Jahr geboren.
Meine Mutter und auch ihre Eltern sind Russlanddeutsche. Das bedeutet, dass die Vorfahren meiner Eltern sich vor etlichen Generationen aus meist wirtschaftlichen Gründen dazu entschlossen haben ihr Glück in Russland zu suchen.
Die Eltern meiner Mutter lebten bis zum Zweiten  Weltkrieg in Mannheim, einem von Deutschstämmigen gegründeten Dorf in der Ukraine. Im März 1944 wurden sie von der deutschen Wehrmacht in das Deutsche Reich eingebürgert.
Nach Kriegsende wurden die Eltern meiner Mutter durch die Rote Armee getrennt.
Mein Opa sollte für 25 Jahre in ein Gefängnis kommen, weil er im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht eingezogen wurde. Er wurde jedoch durch eine Amnestie 1955 begnadigt, die einem Besuch Konrad Adenauers nachfolgte.
Meine Oma wurde in ein Arbeitslager in der Nähe von Wologda deportiert und musste dort in der Forstwirtschaft und im Schienenbau arbeiten.
Meine Großeltern sahen sich 1956 seit  Kriegsende zum ersten Mal wieder.
Meine Mutter wurde ein Jahr später darauf als fünftes Kind geboren.
1956 wurde den Deutschen durch ein Gesetz Freizügigkeit gewährt. Dadurch kam meine Mutter mit ihrer Familie auf der Suche nach besseren klimatischen Bedingungen über Duschanbe in Tadschikistan in ein Dorf nahe Tiraspol, das zur Moldauischen Republik der UdSSR gehörte. Dort lebten auch  Verwandte der Familie.
Dort lebte meine Mutter bis zum 17. Lebensjahr und ging dort auch zur Schule. Im Alter von 8 Jahren besuchte meine Mutter die erste von zehn Klassen der einzigen Schulart in Russland. Während den nächsten neun besuchten Klassen kam sie mit dem Kommunismus und den daraus folgenden freiheitlichen Einschränkung in Konflikt.
Ein Beispiel der Beschränkungen war die nicht vorhandene Religionsfreiheit. Es gab weder Religionsunterricht, noch gab es Kirchen in der näheren Umgebung. Aus diesem Grund  sah meine Mutter ihre erste Kirche erst mit 17 Jahren in Deutschland. Diese war für sie anfangs dann sehr befremdlich.
Ein anderes Beispiel war das Salutieren vor dem Denkmal Lenins an dessen Geburtstag.
Ein weiterer negativer Aspekt, der zur Auswanderung beigetragen hat, war die Diskriminierung von Deutschen.
An einen damit zusammenhängenden Vorfall hat meine Mutter noch genaue Erinnerungen.
Als sie mit ihrer Mutter öffentlich deutsch sprach, wurde dies von russischen Jugendlichen bemerkt. Später bewarfen diese meine Mutter mit Steinen und riefen „ Faschist“.
Meine  Mutter hat nur diesen negativen Vorfall in Erinnerung, während ihre Eltern viel mehr negative Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht haben.
1974 erfolgte die Einwanderung nach Deutschland. Für diesen Schritt gab es verschiedene Gründe.
Der wichtigste Grund war die Familienzusammenführung. In der Nähe von Mainz wohnte eine Schwester der Familie.
Weitere wichtige Gründe waren die zu erwartende Religionsfreiheit und keine Diskriminierung. Ebenfalls wichtig war die Meinungsfreiheit und die besseren Lebensverhältnisse.
Um auswandern zu können, mussten Visa eingereicht werden, diese wurden von der Schwester aus Mainz zugesandt.
Nachdem meine Mutter in Frankfurt angekommen war, folgte der Aufenthalt in mehreren Aufnahmelagern und ein achtmonatiger Sprachkurs.
In der Zeit, wo der Sprachkurs absolviert wurde, bestand zum ersten Mal Gelegenheit Land und Leute intensiver kennen zu lernen.
Die Reaktionen der Leute waren freundlich. Es kam aber immer die Frage nach der Herkunft auf, da meine Mutter damals  noch mit starkem Akzent sprach.
Nach dem Sprachkurs machte sie das Abitur in Alzey und zog danach nach Frankenthal, wo die Familie Arbeit gefunden hatte.
Es gab keine Probleme wegen dem Migrationshintergrund Arbeit zu finden. So sollte meine Mutter bei einer großen Bank in Frankfurt wegen ihren Sprachkenntnissen arbeiten, lehnte dies jedoch aus familiären Gründen ab und bewarb sich bei der Deutschen Post, absolvierte dort ihre Ausbildung und wurde Beamtin.
Die Sorgen um die Zukunft, die meine Mutter vor der Einreise nach Deutschland hatte, haben sich nicht erfüllt. Stattdessen gab es positive Überraschungen.  Zu diesen gehörten die vollen Läden, geringe Wartezeiten und die gut ausgebaute Infrastruktur.
Meine Mutter hat sich gut integriert. Ihrer Meinung nach kann dies nur gelingen, wenn die Sprache gut beherrscht wird und eine Berufsausbildung vorhanden ist.
Auf die Frage, ob sie wieder nach Wologda zurück möchte, antwortete sie: „ Nein, denn ich habe mein Leben hier in Frankenthal verbracht.“
 

Russland und wieder zurück - Eine Geschichte von der Rückkehr von Russlanddeutschen

Informationen zum Beitrag

Titel
Russland und wieder zurück - Eine Geschichte von der Rückkehr von Russlanddeutschen
Autor
Daniel Holzer
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium, Frankenthal
Klasse
12 SK1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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