Das verkaufte Leben

Blinkende Lichter. Immer lächeln und mit den Haaren spielen. Ein kurzer Minirock, Stiefel  mit Pfennigabsätzen, auf welchen man sich kaum halten kann. Und das selbst bei diesen kalten Temperaturen, wie sie im Moment herrschen. Außerdem fremde Männer. Alte, Junge, Kranke, Furchteinflössende. Alle wollen sie nur das Eine. Und dann muss auch noch über den Preis verhandelt werden.
Das ist das Schicksal von Silvana, einer Migrantin aus der Ukraine, die in Berlin als  „Bordsteinschwalbe“ arbeitet. So habe sie sich ihr Leben nicht vorgestellt, sie war der Annahme, in Deutschland würde man mehr verdienen und die Arbeitsbedingungen seien besser. Man höre doch immer von deutschen Unternehmen, die Mitarbeiter dürften mehr mitbestimmen. Dies gilt allerdings nicht für die Sexindustrie, das wisse sie jetzt.
Für ihre Einreise habe sie 8.000€ an vier deutsche Männer bezahlt, die sie in ihrer Heimat Luhansk, im Süden der Ukraine, während deren Badeurlaub kennen gelernt hatte und die ihr so eine Möglichkeit baten, als allein erziehende Mutter ihre vier Kinder zu ernähren.
Silvanas Schicksal teilen noch viele andere Frauen in Deutschland.
Das Zuwanderungsgesetz Deutschlands erschwert es diesen Frauen einen legalen Aufenthaltstatus zu erlangen, daher sind etliche unter ihnen illegal eingewandert und noch abhängiger von ihrer Arbeit und dem Einkommen. So wie Silvana schicken 80% der sogenannten „Sexmigrantinnen“ ihr Einkommen an ihre Familie, um ihren Kindern den Schulbesuch mit den benötigten Schulsachen zu ermöglichen.
Diese Frauen jedoch, leben ständig in Gefahr. Übergriffe ihrer Freier sind nicht selten, vor allem wenn die Frauen auf eigene Faust arbeiten oder für Zuhälter, von denen sie ausgebeutet werden. Meistens sind jene Sexmigrantinnen aufgrund der teueren Einreise bei ihren Vermittlungspartnern in hoher Schuld und auch hier kommt es oft zu tätlichen Übergriffen und Drohungen.
Nach Hause könne Silvana auf keinen Fall. Natürlich vermisse sie ihre Kinder, aber ohne ihre Arbeit, könnten ihr Töchter nicht zur Schule gehen. Ihre Kinder und ihre Mutter, die sich solange Silvana in Deutschland ist, um sie kümmert, wüssten nicht, dass sie als Prostituierte arbeitet. Sie habe erzählt, in einer Tanzschule zu unterrichten. Denn tanzen konnte Silvana schon immer. Wenn sie gelegentlich Zeit habe, stelle sie sich vor, in ihrer Wohnung, zu Hause in Luhansk mit ihren Kindern zu tanzen und sie in der Luft herum zu wirbeln und die ganzen Probleme zu vergessen.
Irgendwann werde sie es schaffen, wieder zurück zu ihren Kindern zu gehen. Aufgeben, das wollte Silvana noch nie.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Das verkaufte Leben
Autor
Rebecca Günther
Schule
Georg-Büchner-Gymnasium, Rheinfelden
Klasse
G KII von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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