8300 km bis zur Glückseligkeit

 8300 km bis zur Glückseligkeit

Wussten sie schon…
…dass Deutschland mit einer Gemeinde
von 40.000 Koreaner eine der größten in Europa ist, sie umfasst unteranderem ehemalige Krankenschwestern…
 „Mein erster Eindruck von Deutschland  war  ganz schlimm " erinnert sich die zierliche, fast schüchtern wirkende Frau. „Denn durch das typische Februar Wetter war es dunkel, kalt und matschig. Es waren keine Menschen auf den Straßen zusehen. Doch dann… für einen Moment fühlte ich mich wie in einem Bilderbuch, von draußen konnte ich all die funkelnden Lichter sehen und all die glücklichen Familien in ihren Häusern.“
Am 07.02.1973 trafen 150 Männer und Frauen aus Südkorea in Frankfurt ein. Darunter war Yvonne, ihr Name wurde eingedeutscht. Ihr richtiger Name lautet Young- Soon, doch die Behörden hier konnten ihn zwischen männlich und weiblich nicht unterscheiden, deshalb musste sie ihren wunderschönen Namen, der so viel  wie „ die aufgehende Sonne“ bedeutet, aufgeben
Yvonne, so wie sie heute alle  nennen, wurde am 27.02.1950 in einer kleinen Provinz in Südkorea geboren. Als dritt jüngste von 10 Geschwistern hatte sie es nicht leicht, ihr einziger Halt war die Schule. Doch die musste sie leider schon mit 13 Jahren verlassen, da ihre Eltern zu wenig Geld für ihren Schulbesuch hatten. „ Meinen Traum Lehrerin zu werden ist damit geplatzt“ sagte Yvonne mit gesenktem Kopf und trauriger Stimme.  
Wussten sie schon…
…dass Deutschland wegen seiner besonderen klassischen Musik und Literatur hohes Ansehen in Korea genießt...
Stattdessen musste Yvonne den Haushalt führen. Sie zog sich immer mehr zurück, bis sie dann 1972 an einem Aushang las, dass im fernen Deutschland Gastarbeiterinnen in der Krankenpflege gebraucht werden. Fest entschlossen nach Deutschland zu gehen machte sie innerhalb eines Jahres eine Ausbildung zur Krankenpflegehelferin und lernte in nur vier Wochen Deutsch. So kam Yvonne in das ihr völlig unbekannte Deutschland.
Für Yvonne jedoch ging es zunächst mit acht anderen Frauen in ein Schwesternwohnheim in Hamburgs Osten, dort wo sie dann auch im Krankenhaus arbeitete. „Leider anders als ich es mir vorgestellt hatte, denn meine Hauptaufgabe dort war das Wienern der Böden“ stellte sie entsetzt fest.
Die Frauen arbeiteten viel, für einen Lohn von gerademal 700 DM von dem sie einen Teil auch noch ihren Familien  im fernen zuhause schickten.
„Ich hatte oft Heimweh,  als 23 jähriges Mädchen allein in einem fremden Land so weit weg von der Familie das war nicht einfach für mich“ sagte Yvonne mit einem leichten zittern in der Stimme.
3 Jahre arbeitete sie als sie erfuhr, dass ihre Mutter verstorben war. „Sie war mein ein und alles und ohne meine Mutter wollte ich nicht mehr zurück nach Süd Korea“ sagte Yvonne. 2 weitere Jahre arbeitete sie dann als Dauernachtwache in dem Krankenhaus. Nachts arbeiten und tagsüber an der Volkshochschule Deutsch lernen stand nun auf ihrem Programm.
Im Hamburger Marienkrankenhaus, dem neuen Arbeitsplatz von Yvonne hat man  ihre Arbeit gewürdigt und sie durfte endlich ihrem Beruf als Krankenpflegehelferin nachgehen. Zwar hat sie auch dort sehr viel gearbeitet, doch das hat sie gerne gemacht, denn nur unter Menschen konnte sie ihr Erlerntes anwenden. Denn damals wie heute ist es ihr Ziel, weiter zukommen im Leben und das geht nur, wenn sie die deutsche Sprache beherrscht.
Wussten sie schon….
…dass beide Länder im 20. Jahrhundert aufgrund eines tragischen Geschichtlichen Ereignisses geteilt wurden...
Bald darauf lernte sie ihren Mann kennen. Er zeigte ihr, dass es auch etwas anders gibt als nur zu arbeiten. „Eine ganze andere Welt offenbarte sich mir und zum ersten Mal konnte ich meine Sorgen und Ängste hinter mir lassen“ sagte Yvonne mit einem Strahlen in den Augen. Die beiden heirateten und bekamen zwei Kinder. Um sich um die beiden Mädchen kümmern zu können gab sie ihre Arbeit auf.
Da sie ihrem Mann bei dem Aufbau einer eigenen Firma helfen wollte, machte sie innerhalb eines Jahres erst ihren Hauptschulabschluss und dann den Realschulabschluss. Leider lief alles etwas anders als erwünscht und es kam zur Scheidung.
Yvonne war jetzt wieder auf sich allein gestellt und musste auch noch ihre Kinder ernähren.
Wussten sie schon….
..dass 70% der zweiten Generation von Koreanern in Deutschland min. ein Abitur oder einen höheren Bildungsabschluss haben- das ist im Verhältnis  mehr als doppelt so viel wie in der übrigen Bevölkerung…    
Mit 44 Jahren machte sie deshalb eine Ausbildung zur Krankenschwester. „Die Berufsschule war die Hölle für mich, denn trotz aller Bemühungen wurde ich von meinen Mitschülern ausgeschlossen“ sagte sie, immer noch wütend, über diese Situation. Weil Yvonne so viel praktische Erfahrung hatte, musste sie nur zwei Jahre lernen, was die anderen doch sehr neidisch machte. Trotzdem hat sie ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und fand nach langen Suchen auch einen neuen Arbeitsplatz  in der Endo- Klinik. Dort hat sie bis zu ihrer Rente letztes Jahr gearbeitet.
Da sie selbst ihren Traum Lehrerin zu werden aufgeben musste, hat Yvonne immer versucht ihren Kindern alles zu ermöglichen. Denn sie weiß wie frustrierend es sein kann, wenn man davon abgehalten wird,  ein Ziel zu erreichen.
„ Ich bin sehr glücklich und mehr als dankbar dass ich hier leben darf, ich habe und werde meine Entscheidung nie bereuen“ sagte Yvonne mit Nachdruck. Heute macht Yvonne ihr Abitur und will danach vielleicht noch Studieren. Denn jetzt hat sie die Zeit und die Geduld, endlich das zu machen, was sie will ohne Rücksicht auf andere zu nehmen.

Ach ja…Yvonne fand nicht nur zu sich selbst sondern auch noch einmal zu ihrem Mann.



Quelle: Interview mit Yvonne A. am 15.11.11 um 10:00 Uhr,

http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/leander/leanderinfos/KoreaRepublik/Bilateralnode.html#doc38022bodyText3 , September 2011
www.walterkohl.de, 17.12.11,  22:00 Uhr
www.wikipedia.org/wiki/koreaner_in_Deutschland, 17.12.11, 22:30 Uhr
http://www.luftlinie.org/Seoul_Hamburg-Deutschland, 17.12.11, 23:00 Uhr


Ein Artikel von Vivien Petri/ FOS 1
                                                                             
 

 8300 km bis zur Glückseligkeit

Informationen zum Beitrag

Titel
8300 km bis zur Glückseligkeit
Autor
Vivien Petri
Schule
Staatliche Schule Gesundheitspflege W1, Hamburg
Klasse
FOS 11-1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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