Spätaussiedler – Deutsche oder doch Ausländer ?

Aus den Erzählungen einer Zeitzeugin:

Ursprünglich hat unsere Familie ihre Wurzeln in der Rhein-Mosel Gegend, in der Nähe von Trier. Ausschlaggebend für die Auswanderung nach Transsilvanien ( Siebenbürgen, späteres Rumänien), war das Angebot eines ungarischen Königs im 12 Jahrhundert. Er versprach Land und freie Entfaltung der Auswanderer.
Die deutschen Einwanderer sollten sozusagen als „Entwicklungshelfer“ dienen und gleichzeitig ein Schutzschild gegen die von Osten hereinströmenden Völker (Tataren, Mongolen, Türken etc.) sein.
Im laufe der Jahrhunderte gelang in den deutschen Niederlassungen der Aufbau einer gesunden Infrastruktur: deutsche Schulen, Gewerbe, land- und forstwirtschaftliche Betriebe. Es gab eine fortschrittliche Entwicklung und ein angemessener Wohlstand war zu verzeichnen.
Unsere Familie hatte vor Beginn des zweiten Weltkrieges ein Anwesen mit ca. 40 Hektar Land und 3 Häusern. Man kann sagen, dass es uns richtig gut ging.
Unsere Vorfahren, wir und unsere Kinder hatten die Möglichkeit deutsche Schulen zu besuchen, lernten aber gleichzeitig auch weitere Fremdsprachen wie rumänisch, russisch, französisch, englisch und auch Latein.
Gesprochen wurde bei uns immer deutsch (verschiedene Dialekte, in den öffentlichen Institutionen immer hochdeutsch).
Die Kirchen in unseren Gemeinden waren, wie auch hier in Deutschland, evangelisch und katholisch.
Als der zweite Weltkrieg für die Deutschen verloren war, begann die Unterdrückung und Enteignung der Deutschen in Rumänien. Ein Großteil wurde nach Russland zum Wiederaufbau verschleppt und viele kamen dort ums Leben.

Geschichte nach den Informationen zur politischen Bildung zum Thema Aussiedler 1989:

„In der Bundesrepublik Deutschland kann als Aussiedler grundsätzlich nur anerkannt werden, wer nachweislich entweder deutscher Staatsangehöriger oder Volkszugehöriger (bzw. fremdländischer Ehegatte eines solchen) ist, wobei die Mitaufnahme fremdländischer Ehegatten (keiner sonstigen Angehörigen) aufgrund des vom Grundgesetz gebotenen Schutzes vor Ehe und Familie erfolgt. Aussiedler sind daher, sobald sie in einem noch zu erläuternden Verfahren als solche anerkannt sind, niemals „Polen“, „Russen“ oder „Rumänen“, sondern stets Deutsche.

Spätaussiedler gibt es seit dem Mittelalter bis heute. Sie wanderten in die „Deutsche Ostsiedlung“ (Osteuropa, asiatischer Teil Russland, heutiges Mittel- und Ost- Deutschland) aus.
Mit der Zeit entstanden geschlossene Siedlungsräume wie in Ost- Deutschland Pommern und Schlesien, in der Tschechoslowakei das Sudetenland und in Rumänien Siebenbürgen.

Um 1939 lebten zirka 18 Millionen Deutsche außerhalb der Reichsgrenze in Osteuropa und den deutschen Ostprovinzen (Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern und Ostpreußen).

Jedoch wurde das Zusammenleben der verschiedenen Nationen Mitte des 19. Jahrhunderts durch das Aufkommen der nationalstaatlichen Ideen des Deutschen Staates immer weiter erschwert.

Nach und während dem zweiten Weltkrieg bot Deutschland den „Auslandsdeutschen“ an,  in die „alte Heimat“ zurückzukehren
Ab 1939 schloss Deutschland Umsiedlungsverträge mit den Oststaaten, um die Aussiedler wieder zur Rückkehr zu bewegen.
Nach 1960 wurden Verträge zu ihrer Rücksiedlung nach Deutschland mit den „Ostblock-Staaten“ abgeschlossen. Nun war der Weg für alle Spätaussiedler aus Russland, Rumänien, Polen, Ungarn, Tschechei usw. frei.
Geboten wurden Arbeitplätze, einem gutes Bildungs- und Ausbildungssystem und auch günstige Darlehen, um in eine neue und bessere Zukunft zu starten.

1978 bekamen auch wir die Möglichkeit nach Deutschland zu kommen. Die Umsiedlungsgebühren übernahm der deutsche Staat.
In Deutschland angekommen gab es Sammelstellen für Aussiedler. Hier gelangte man an Infos zu Berufen, Schulen, Niederlassungsmöglichkeiten und auch einen deutschen Ausweis konnte man hier beantragen.
Gleich am zweiten Tag konnte mein Mann seinem erlernten Beruf nachgehen. Er arbeitete zuerst in einer Kesselschmiederei und später bei den Stadtwerken Offenburg.
Ich nahm an einem kaufmännischen Lehrgang teil und habe kurz darauf eine Stelle beim Arbeitsamt in Offenburg bekommen.
Unsere Kinder konnten ohne Unterbrechung vom Honterus-Gymnasium in Kronstadt (Siebenbürgen) das Oken-Gymnasium Offenburg besuchen und hier ihr Abitur absolvieren.
Gewohnt haben wir zuerst in einem Übergangswohnheim und konnten uns in den späteren Jahren ein eigenes Haus bauen, wo wir 1980 mit unserer Familie einzogen.

Probleme, um uns in Deutschland zu integrieren gab es nie, da wir alle eine deutschsprachige Schule in Rumänien besuchten und eine abgeschlossene
Nach dem Zusammenbruch der deutschen Front, kam es zu einer Massenflucht der Deutschen aus dem Osten, da die Rote Armee zunehmend Racheakte vollzog.
berufliche Qualifikation entsprach den Anforderungen.
Ein Großteil unserer Freunde und Bekannten aus Rumänien sind nach und
Bis ins Jahr 1950 erfuhren die im Osten lebenden Deutschen Rechtlosigkeiten, wurden Enteignet und wurden Vertrieben oder Deportiert.
Von Anfangs zirka 18 Millionen ausgewanderten Deutschen im Osten lebten 1960 nur noch 4 Millionen dort.
Seitdem versiegt der Strom an Aussiedlern aus Osteuropa in die Bundesrepublik Deutschland nicht. Berufausbildung oder Abitur besaßen. Das ermöglichte uns sofort den Einstieg in die deutsche Arbeitswelt. Auch unsere
nach ebenfalls nach Deutschland gekommen und haben sich genau so gut in die deutsche Gesellschaft eingelebt.
 

Spätaussiedler – Deutsche oder doch Ausländer ?

Informationen zum Beitrag

Titel
Spätaussiedler – Deutsche oder doch Ausländer ?
Autor
Julian Moser
Schule
Anne-Frank-Gymnasium , Rheinau
Klasse
J2 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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