Wenn Menschen jubeln, dass Häuser brennen

Was lange währt ist noch nicht gut. Gewalt gegen Migranten ist auch heute noch ein Thema mit Diskussionsbedarf.
 
22. August 1992. Im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen eskalieren die Spannungen zwischen den hier angesiedelten Asylbewerbern und den Bewohnen in der näheren Umgebung. Hier in der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber des Landes Mecklenburg-Vorpommern ist kein Platz mehr für die zahlreich eintreffenden Flüchtlinge. Mehrtägige Registrierungsverfahren zwingen sie vor dem Plattenbau zu campieren und an Hauswände und unter Balkone zu kriechen. Von Mitleid jedoch keine Spur: die Anwohner Lichtenhagens beschweren sich ausgiebig über den Dreck, fühlen sich belästigt und schimpfen über die Zustände, für die nach ihrer Meinung nur die jeweiligen Personen vor ihren Häusern verantwortlich sein können.
Schlägereien beginnen und in der Nacht rücken zahlreiche Anwohner, überwiegend Jugendliche, an, bewerfen Asylanten mit Steinen, rufen ausländerfeindliche Parolen und zertrümmern Fensterscheiben. Die Polizei scheint machtlos und als schließlich der Plattenbau Feuer fängt, breitet sich unter den mittlerweile ca. 3000 Personen vor dem Asylbewerberheim eine Stimmung aus, die einem Volksfest gleich kommt. Es wird geklatscht und gejubelt, unzählige Neonazis stürmen bewaffnet das Haus, ein bizarrer Anblick, der erst endet, als einige junge Antifaschisten die Krawallmacher in die Flucht schlagen. Es ist einer der größten rassistischen Ausschreitungen in der deutschen Nachkriegsgeschichte und bietet Szenen, die auch heute noch immer Gesprächsstoff bieten.
Gewalt gegen Migranten ist schon seit je her ein hoch diskutiertes Thema, doch trotz der unzähligen  ausländerfeindlichen Vorfälle der letzten Jahrzehnte, flammt das Entsetzen über rassistische Taten nur für kurze Zeit in den Köpfen der Menschen auf, um dann wieder Platz für Vorurteile und frühe Verurteilungen gegenüber Ausländern zu machen. Umso mehr kommt die Vermutung auf, dass einhergehend mit dem derzeitigen Fall der Zwickauer Terrorzelle ein erneutes Toleranzbewusstsein der Deutschen entsteht.
Auch Polizeigewalt gegen Migranten scheint keine absolute Ausnahme mehr zu sein. So ist immer häufiger zu beobachten, wie sie schnell Opfer unrechtmäßiger Gewalteinsätze werden und  Polizeischüler sich antisemitisch oder rassistisch äußern. Nicht nur zahlreiche Amateur Videos im Internet zerstören dabei das schöne Bild vom „Freund und Helfer“, auch die Menschenrechtsorganisation und die Menschenrechtsgremien des Europarates beobachteten viele einzelne Fälle und machen der Bundesregierung Druck, die Augen nicht vor offensichtlicher Gewalt zu verschließen. Zwar sind Todesfälle wie der des Asylbewerbers Oury Jalloh in Dessau von 2005 eher seltene Vorfälle, die schnell an die Öffentlichkeit geraten, doch bleiben viele Fälle ungeklärt, da die Ermittlungen in diesem Bereich oft eingestellt werden und die Opfer aus Angst vor hohen Verfahrenskosten oder wegen fehlender Rechtskenntnisse auf eine Anzeige verzichten, was die Angabe einer genauen Zahl von Betroffenen erschwert.
In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen vom 7. Dezember 2011 heißt es unter anderem, dass „Research Schools“ bei Ausländern immer beliebter und deren Zahlen mittlerweile auf 50% der Doktoranden gestiegen seien, welche vor allem aus Europa, China und Indien stammten. Sehr qualifizierte Ausländer sind also geschätzt in Deutschland, denn es mangelt fast überall an gut ausgebildeten Kräften. Seit 1997 durften Asylbewerber jedoch gar nicht in Deutschland arbeiten. Dieses Verbot ist zwar bis heute gelockert worden, doch besteht das Recht für sie auf einen Arbeitsplatz erst nach einem Aufenthaltsjahr in Deutschland und das auch nur, wenn sich kein EU-Bürger für diese Leerstelle zur Verfügung stellt, somit ist auch der Vorwurf der breiten Masse, Asylbewerber würden in Deutschland auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung leben, komplett unsinnig. Diese Regelung ist zudem für Personen mit einer sogenannten „Duldung“, das sind jene, die aufgrund bestimmter Gründe, wie Krieg im Heimatland, nicht abgeschoben werden dürfen, nochmals verschärft worden, was dazu führt, dass sie die Arbeitserlaubnis von einem Tag zum anderen verlieren könnten und ständig um ihre Existenz bangen müssen.
So sind auch alle anderen Vorurteile gegen Asylbewerber widerlegbar und basieren auf reinen Oberflächlichkeiten.
Bietet ein eventuell durchgeführtes NPD-Verbot nun vielleicht den ersten Schritt für ein größeres Toleranzbewusstsein der Deutschen? Am Fall der Zwickauer Terrorzelle hat die Bundesregierung schon lange zu beißen und er ist noch nicht aufgeklärt, doch könnte dieser möglicherweise der Beginn eines fortgeschritteneren Gleichheitsdenken der Menschen für die Menschen desselben Planeten sein.
 

Wenn Menschen jubeln, dass Häuser brennen

Informationen zum Beitrag

Titel
Wenn Menschen jubeln, dass Häuser brennen
Autor
Josefine Gombert
Schule
Sportgymnasium Neubrandenburg, Neubrandenburg
Klasse
11M1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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