Deutschland als Vorbild

Sie ist eine hoch gebildete Frau mittleren Alters, von Beruf Lehrerin an einem Gymnasium, hat drei bereits erwachsene Kinder großgezogen und lebt nun mit Ihrem Mann in einem kleinen Haus. Sie ist eine ganz normale Frau und dennoch kann man ihr auf den ersten Blick ansehen, dass sie keine gebürtige Deutsche ist. Denn Elvira hat einen Migrationshintergrund, sie stammt aus Italien. Seit 30 Jahren lebt Elvira jetzt in Deutschland und hat auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Wir haben ihr einige Fragen zu ihrer Migrationsgeschichte gestellt.
                                                                                                             

Interviewer: War es Ihre eigene, freiwillige Entscheidung nach Deutschland zu kommen?                   
Elvira: Ja, das war richtig meine freiwillige Entscheidung. Ich wurde nicht gezwungen meine Heimat zu verlassen, sondern  tat es aus eigenem Willen.                                                                                 

Interviewer: Was hat sie dazu veranlasst, über eine Auswanderung nach Deutschland nachzudenken?                                                                                                                                                                   
Elvira: Das war das Studium. Wobei ich hier ein bisschen differenzieren muss. Der wahre Grund, der tiefere Grund war, dass ich einfach von zu Hause weggehen wollte. Doch das war damals in Genua für junge Mädchen so nicht üblich, dass man nach dem Abitur einfach von zu Hause auszieht. Erst nach der Heirat hat man das Elternhaus verlassen. Ich fand diese Regelung nicht gut und hatte den starken Wunsch, einmal für mich alleine zu sein, die Möglichkeit zu haben, meine Maßstäbe in Frage zu stellen und neue Dinge zu sehen und zu lernen. Ich hatte damals aber wenig Mut, meiner Familie das so zu sagen, denn ich bin sicher, sie hätten mich nicht verstanden. Es gehörte sich damals eben einfach nicht. Und dann habe ich gedacht, dass es das Beste ist, wegen dem Studium nach Deutschland zu gehen.  So bin ich dann auch nach Freiburg gekommen.

Interviewer: Warum sind Sie gerade nach Deutschland ausgewandert?                                                     
Elvira: Da spielt tatsächlich meine Erziehung eine große Rolle. Ich wurde sehr von einem enormen Respekt gegenüber Deutschland geprägt. Mein Vater lobte die Deutschen immer besonders und hat gesagt, dass die besten Wissenschaftler und Philosophen auf jeden Fall die Deutschen sind. Er hat immer einen gewissen Respekt für das deutsche Denken gehabt. Auch die deutsche Sprache hielt er für die beste. In diesem Punkt war ich mit meinem Vater einverstanden. Ich finde selber die deutsche Sprache sehr schön und somit habe ich aufgrund meiner Kindheit und Jugend gegenüber  den Deutschen immer eine sehr große Sympathie gehabt. Für mich war es normal, dass ich ein solch großes Land besser kennen lerne.

Interviewer: Wurden Ihre Erwartungen bestätigt?                                                                                            
Elvira: Ich habe meine Auswanderung nach Deutschland bis heute nicht bereut. Die Worte meines Vaters kann ich auf keinen Fall als unwahr bezeichnen. Ich war auch in Frankreich und in England, aber ich muss sagen, am wohlsten fühle ich  mich in Deutschland.

Interviewer: Haben Sie persönlich anfangs Probleme mit Ihrer Integration erleben müssen?               
Elvira: Nein, keineswegs. Aber ich möchte damit auch nicht sagen, dass es mir sehr gut gegangen ist. Ich weiß, dass ganz viele Leute Probleme haben sich zu integrieren. Ich denke, das liegt auch sehr an der Geschichte, ob man gezwungen war nach Deutschland zu kommen oder nicht. Ich habe mich sehr wohl gefühlt und habe auch sehr selten das Gefühl gehabt, diskriminiert zu werden. Ich kam wie gesagt wegen dem Studium, wohnte also in einem Studentenheim und habe dort die Erfahrung gemacht, dass mir alle helfen wollten. Ich habe mich sogar wesentlich besser gefühlt als in meiner Heimat Genua, wo ich immer sehr von meiner Familie behütet worden bin. In Deutschland hingegen hatte ich das Gefühl, man kann auf seine Familie verzichten. Man hat sehr viele Freunde und Leute, die einem helfen und das war gerade das, was ich erwartet hatte. Soweit habe ich mich nie unwohl gefühlt. Dazu muss ich noch sagen, unter den Studenten habe ich mich nicht diskriminiert gefühlt, auch nicht von den Professoren an der Universität. Im Gegenteil habe ich dort einen Ausländerbonus wahrgenommen. Situationen, in denen ich mich unter meiner eigenen Würde behandelt gefühlt habe, traten eher gegenüber normalen Leuten auf, die wahrscheinlich von ihren Erfahrungen ausgingen. Zum Beispiel ist es mir schon oft passiert, auch jetzt noch, wo ich die deutsche Sprache gut beherrsche, dass man meine Tasche kontrollieren möchte, wenn ich in einem Geschäft bin. Das ist eine Sache, mit der ich nicht rechne, dass eine Verkäuferin auf mich zukommt und einen Blick in meine Tasche werfen möchte, weil sie vermutet, dass ich etwas mitnehme. Ich denke, wenn ich deutsch aussähe oder ohne Akzent spräche, würden mir solche Sachen nicht passieren. Und so hatte ich auch den Eindruck, als einmal die Maurer bei mir waren, dass sie mich etwas schlecht behandelten, denn sie haben solche Kommentare gemacht, wie „Hier sieht’s ja aus wie in Italien.“, weil im Zimmer einiges kaputt war. Sie haben sich gleich auf ihre Vorurteile berufen. Aber nicht auf eine sympathische Art, sondern eher abwertend. So etwas passierte mir aber  nur in einer gewissen Schicht, die ich auch verstehen kann. Denn jeder Mensch geht von seinen Erfahrungen aus und soweit kann ich auch die Verkäuferin verstehen. Diese Leute haben vielleicht schlechte Erfahrungen mit Ausländern gemacht  und können es deshalb nicht differenzieren, wer es gut mit ihnen meint und wer schlecht.

Interviewer: Nehmen Sie unterschiedliche Verhaltensweisen der Einheimischen gegenüber den verschiedenen Migrantengruppen(Türken, Russen, etc.) wahr? Werden diese anders integriert als Sie als Italienerin?                                                                                                                                                  
Elvira: Ja, ich habe durch meine Erfahrungen den Eindruck, dass die Türken beispielsweise deutlich schlechter dastehen. Ihnen stehen die Vorurteile gegenüber, sie seien gewalttätig und kriminell. Dadurch werden sie oftmals schlechter behandelt und die Leute werfen schnell alles in einen Topf. Bei den Italienern habe ich ein bisschen den Eindruck, dass diese besser behandelt werden. Den Türken stehen einfach große Vorurteile im Weg. So habe ich den Eindruck, dass auch Italiener, den  Türken nachsagen, diese seien gewalttätig.



Miriam Blüthgen, Anna Neumann

Quelle: Interview, durchgeführt am Donnerstag, 15.12.2011

Informationen zum Beitrag

Titel
Deutschland als Vorbild
Autor
Miriam Blüthgen, Anna Neumann
Schule
Gymnasium Andreanum, Hildesheim
Klasse
10E2 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

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