Wie ich herkam und lebte - eine persönliche Geschichte und eine persönliche Meinung

Teil 1

Am 24.März 1988 betrat mein Vater das erste Mal in seinem Leben deutschen Boden. Der Bambusvorhang, wie ihn die westlichen Ländern genannt haben, lichtete sich. China öffnete sich zunehmend und die Reise in das Ausland war endlich wieder möglich. Ein Jahr zuvor durfte meine Tante nach Deutschland gehen, um dort zu studieren. Sie empfahl meinen Vater ein Restaurant in Deutschland und er sagte zu. Was zu der Zeit die vielen Chinesen bewegte, dieses Fernweh zu spüren, kann ich nicht sagen. Vielleicht war es die Möglichkeit an den weltberühmten Universitäten zu studieren, oder einfach die Neugier. Das damals unbekannte Europa, die nur in Erzählungen beschriebenen USA. Und dieser Wunsch nach Neuen und vor allem nach Erfahrung trieb meinem Vater nach Deutschland.
Das China von damals ist nicht mit heute zu vergleichen. Weder die wirtschaftliche Stärke noch die Infrastruktur konnten ansatzweise mit Europa verglichen werden. So war es nur logisch, dass Deutschland in China als großartige Möglichkeit dargestellt wurde. Der Lohn war wesentlich höher, die Infrastruktur besser und das Leben angenehmer. Doch trotzdem reichte der Lebensstandard meines Vaters anfangs keinesfalls an die der Deutschen an. Die Arbeitsbedingungen waren schwierig, und der Lohn gering, obwohl er den in China um ein Vielfaches überstieg. Es war anstrengend, doch trotzdem eine Erfahrung wert und die Möglichkeit den Horizont zu erweitern war unbezahlbar. Dazu muss man sagen, dass das Leben in China viel weniger Luxus bot. Vielleicht war er es einfach gewohnt.
Später wurde mein Vater nach Berlin versetzt. Die 3 Jahre im fremden Land neigten sich dem Ende zu, doch durch Zufall wurde in Berlin ein Sondergesetz beschlossen. So durften alle Ausländer, die im Landkreis einer Arbeit nachgingen, weiterhin in Deutschland bleiben. Und so blieb auch mein Vater hier.
1991 lernte er meine Mutter kenne. Sie war Ärztin eines Unternehmens und beaufsichtigte Tausende Personen. Eine andere Schwester meines Vaters und die Freundin meiner Mutter waren Klassenkameradinnen und so wurden meine Eltern „verkuppelt“. Auf die altmodische Art Briefe zu schreiben, lernten sie sich kennen. Sie hatten sich noch nie gesehen, nicht einmal am Telefon gehört. Doch die  Briefe zwischen ihnen waren eine besondere Art der Romanze. Nach acht Monaten seit dem ersten Schreiben flog mein Vater in die Heimat. Im Mai 1992 soll Gerüchten zu Folge mein Vater beim ersten Anblick meiner Mutter ihr einen Heiratsantrag gemacht haben. Im Winter dann schließlich gaben sie sich da Ja-Wort.
Zusammen flogen sie nach Deutschland, dabei hatte meine Mutter drei Monate mit ihrem Besuchervisum Zeit Deutschland kennen zu lernen. Nach einem Monat bekam sie die unerwartete Nachricht, dass ich auf dem Weg war. Wieder einem deutschen Gesetz verdankend, konnte auch sie hier für unbegrenzte Zeit bleiben. Und auch sie entschied sich dafür. Zuerst arbeitet sie auch im Restaurant, da Arbeitskräfte benötigt waren. Sie lernte Deutsch an einer Fachhochschule, doch zunehmend lernte sie auch das Kellnern. Schließlich arbeiteten beide in Neubrandenburg in einem chinesischen Restaurant. Die Arbeit war hart und mühsam, und teilweise hatten sie keine Zeit für mich. In China war es normal, dass Kinder bei ihren Großeltern aufwuchsen. So verbrachte ich meine ersten fünf Jahre in China.
Mit sechs Jahren wurde ich wieder nach Deutschland geholt. Theoretisch durfte ich nur sechs Monate im Ausland bleiben, sonst dürfte ich nicht mehr nach Deutschland zurück, doch wieder einmal durch Glück wurde meine Abreise nicht registriert. Und so bin ich hier.

Teil 2

Wenn ich heute meinen Vater frage, ob er seine Entscheidung bereue, verneint er. Doch könnte er sich noch einmal entscheiden, so wäre er vielleicht in China geblieben. Mein Vater sagt immer: „Man kann die Vergangenheit nicht mehr ändern, nur die Zukunft“ und dafür, für diese Gelassenheit und Ruhe im Leben bewundere ich ihn.

Es war nur selbstverständlich für die jungen Menschen dort ins Ausland gehen zu wollen. Sie waren fleißig und begabt und warum sollten sie dort nicht ein Vielfaches ihres Lohnes verdienen. Einige sagen Macht und Geld treibt sie an. Natürlich stimmt das auch, doch dies wäre auch mit einem besseren Leben beschrieben. Der Mensch sucht nun mal sein Glück, und wenn dieses entfernt ist, hält ihn nur die Heimat zurück. Es gibt Weltenbummler, die sich überall wohl fühlen. Es gibt Menschen, die ihr Dorf der Stadt vorziehen. Und alles nur, um glücklich zu sein. Streben, das wollen alle Migranten. Ob von Stadt zu Stadt oder Kontinent zu Kontinent. Die Frage nach dem Recht dazu ist umstritten und wird hier nicht diskutiert. Aber die Gründe dazu sind pure Vernunft und nachfühlbar.

Wenn ich damals zurück blicke oder Geschichten höre, so war die Zeit für meine Eltern keine Angenehme gewesen. Natürlich im Vergleich zu heute, als Durchschnittsbürger in Deutschland. Ihre Arbeit war hart und dauerte oft in die Nacht. Dabei war sie keineswegs gut bezahlt. Mein Vater sagte einmal: „Die erste Generation der Migranten hat es am Schwersten, die zweite hat auch Mühe und Not. Erst die Dritte hat sich integriert und führt ein Leben, wie alle anderen.“ Und dieser Aussage kann ich nur zustimmen.

Ich selbst spüre die Folgen. Es sind dabei nur Kleinigkeiten in meiner Umgebung, oder aber große Einflüsse. Mein Vater sagt, mir stehen alle Türe offen. Und das stimmt. Was mich von der übrigen Bevölkerung unterscheidet ist die Hautfarbe. Ich habe mich, und dafür bin ich sehr dankbar, integriert. Doch das bedeutet nicht, dass ich die gleichen Chancen hatte. Ich nehme nicht die extremen Beispiele der sozialen Vernachlässigung, die es leider gibt, doch für mich gab es Hindernisse, trotz großartiger Eltern. In der Grundschule sagte meine Lehrerin einmal, wir könnten unsere Eltern fragen, wenn wir die Hausaufgaben nicht verstünden. Mir war dieser Gedanke nie gekommen, da dies kein Nutzen gebracht hätte. Sie halfen mir, so gut sie konnten, doch es war nicht viel. Die Aufgaben habe ich immer selbst gemacht, Briefe an meine Eltern gingen an mich. Nach und nach ist die Papierarbeit, die mit dem Restaurant anfiel, dann meine geworden. Lange vor meinem 18. Geburtstag habe ich angefangen mit der Arbeit. Eigentlich war das nur zeitraubend. Nervenraubend war die Sache mit uns insgesamt. Da bekam ich als Jugendlicher Steuerbescheide und Mietverträge in die Hände. Ich musste mich durchkämpfen und Briefe schreiben, Telefonate führen und irgendwo mit hingehen. Was mich jedoch sehr geprägt hat, war das Wissen, um die finanzielle Lage von uns und im Gegensatz dazu der Arbeitspensum meiner Eltern. Bei all den Schreiben und Tabellen war ich miteinbezogen, ich trage seit meiner Kindheit den Druck mit.
Eine andere Sache sind die Kleinigkeiten. Während unserem Ausflug nach Frankreich wurden meine Papiere ungefähr 5 mal so lange kontrolliert. Obwohl ich in einer Gruppe aus 14-Jährigen war. Genauso konnte ich nicht für eine Petition unterschreiben, die ich nur zu gern befürwortet hätte. Der größte Stress deswegen brachte mir die Klassenfahrt nach England mit sich. Die falsche Information kam bei mir an, dass ich extra noch ein Visum beantragen müsste. So brach ich in Hektik, eine Woche vor der Fahrt, auf nach Berlin, nur um mir sagen zu lassen, unser Rathaus hat sich geirrt. Die Sache ging gut aus und die Fahrt war großartig, zum Glück.


Meine Eltern mussten fast jeden Tag arbeiten, um die Unterhaltskosten zu decken. Ich erinnere mich, wie jeden Montag an meiner Schule über die Geschehnisse am Wochenende berichtet wurde. Ich traute mich nie, die Hand zu heben, und hoffte, dass ich nicht ran kommen würde. Ich hatte nur selten etwas zu erzählen.

Meine Eltern, beide kluge Menschen, müssen im Restaurant arbeiten. Nein, es ist undenkbar, dass sie im Vorstand irgendwo tätig sind, doch insgesamt haben sie weniger Chancen gehabt. Weniger Möglichkeiten im Leben. Da sehe ich meine Mutter mit einer ärztlichen Ausbildung (in China gab es so etwas), die heute kellnert. Ich fragte sie, warum sie sich damals nicht auf die Sprachkurse konzentriert hat, um dann eventuell sogar studieren gehen zu können. Ihr war das nie bewusst geworden. Die Möglichkeiten kannte man nicht. Da stand erstens die Sprachbarriere dazwischen. Auskunft zu erfragen, war schwierig genug, geschweige denn diverse Bürokratie zu überstehen, um das eigentliche Ziel zu erreichen. Es war möglich, keine Frage, doch dazu kam noch die Arbeit. Für uns war es unvorstellbar Hilfe vom Staat anzunehmen. Das bedeutete jedoch die einzige Geldquelle, die Arbeitskraft, günstig zu verkaufen. Wir mussten überleben.

Das Glück hier und Zufall dort. Wenn ich mir Geschichten von meinen Eltern anhöre, ist es lustig, doch auch traurig zu erfahren, wie wenig man getan hatte. Doch am Ende geht es uns gut. Was ich aber sagen wollte: Mir ist das beste passiert, was man sich vorstellen kann, ich habe gute Freunde in einer wunderbaren Umgebung gefunden.

Der Mensch ist seines Glückes Schmied. Doch was für Werkzeuge er hat, wird nicht genannt, denn jeder hat dabei andere. Während einige alles in Perfektion haben, fehlt einem der Hammer. Es ist noch möglich „das Glück“ zu schmieden, doch wesentlich anstrengender. Und bei demjenigen, der nichts hat, ist es unmöglich. Ich selbst habe alle Werkzeuge, auch wenn es Wind gab, der mein Feuer verlöschen wollte. Meine Eltern hatten wenige Werkzeuge, doch, das kann ich sagen, uns geht es heute gut. Und jetzt wünsche ich mir für meine Kinder alle Möglichkeiten. Bei diesen Gedanken überlege ich, ob meine Eltern vielleicht nur wegen mir hier geblieben sind.

Als ich eines Tages im Restaurant den Hörer abnahm und eine Reservierung aufnahm, wollte mir der Kunde nicht glauben, dass er richtig verbunden war. So im Nebenbei bemerkte er, dass Deutsche in einem chinesischen Restaurant arbeiten. In diesem Moment wusste ich nichts zu sagen, außer „Einen schönen Tag noch“.

Ich habe vor einigen Monaten die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Die Entscheidung fiel so leicht wie keine. Vielmehr stand sie schon fest. Ich wurde hier geboren und bin hier aufgewachsen. Meine Eltern befürworteten diese Aktion. Was für uns zählte, war nicht die Zugehörigkeit zu einem Staat, vielmehr die Person selbst. Doch wenn ich nun sage, ich bin Deutscher, wie viele Menschen würden mir nicht glauben? Bei meinen Freuden ist es umgekehrt. Sie konnten gar nicht glauben, dass ich eigentlich die chinesische Staatsbürgerschaft habe. Doch als ich in Österreich war (ja, es war zur Touristenzeit) waren viele verwirrt, als ich im perfekten Deutsch das Essen bestellt habe.
Als ich noch klein war und mit meiner Mutter einkaufen war, habe ich immer versucht zu verbergen, dass ich die Sprache kann. Es war sehr amüsant, als ich am Ende sie überrascht habe. Vielleicht weil viele Menschen einfach das Bild des Ausländers haben, der kein Deutsch kann oder nur gebrochen diese Sprache beherrscht. Keinesfalls alle, den wir leben in einer Welt der Globalisierung. Und keinesfalls sollte man es Übel nehmen. Ich tue es nicht.

Der erste Tag im Kindergarten begann mit dem Mittagessen. Besser gesagt mit dem Beten. Ich, der nicht einmal wusste, dass er im evangelischen Kindergarten war, musste nun meine Hände auf eine komische Weise zusammen halten. An dieser Stelle sei gesagt, dass auch meine Mutter erst Jahre später erfahren hatte, dass man mich ein Jahr lang christlich erzogen hatte. Genauso wäre ich fast in einer evangelischen Grundschule gelandet und man hat mich bei einer Gesamtschule angemeldet. Glücklicherweise kam davon nichts zu Stande, unter anderem weil meine Eltern sich einfach mit den Briefen und den Schreiben nicht klargekommen sind. Aber eigentlich wollte ich auf die Kultur zu sprechen kommen.

Es ist schön mit zwei Kulturen aufgewachsen zu sein. Was ich jetzt schon anmerke, ist, dass jede Kultur Nützliches und weniger Erstrebenswertes hat. Das Beste ist daraus zu lernen und , (wenn überhaupt möglich) objektiv zu entscheiden. Dabei darf man nichts verurteilen, vielmehr sollte man sich diesen Gesichtspunkt zu Herzen nehmen. Was jedoch immer ein Vorteil ist, ist das Lernen von Neuem.
Ich mochte die Menschen in China nicht, als ich zehn Jahre alt war. Die Städte waren voll und die Menschen unhöflich. Dazu kam ihr Schmatzen, dass ich verabscheute. Komischerweise wurde mir genau das am ersten Tag im Kindergarten ausgeredet. Heute gehe ich noch einmal an diese Sache heran. Ich würde niemals in Deutschland schmatzen. Sogar zu Hause kommen keine Laute aus meinem Mund. Doch nicht etwas, weil ich dafür bin, sondern weil es unhöflich ist. In China lasse ich es mir schmecken. Was man einfach ausprobieren muss, das Essen schmeckt wirklich besser. Die Erkenntnis daraus ist großartig. Nicht nur die Vorteile und Nachteile werden erkannt, ich habe Verständnis dafür. Verständnis für all die Unterschiede zwischen Menschen. Persönlich bin ich trotzdem gegen einige chinesische Werte oder Denkweisen, genauso widerstreben mir einige deutsche Angewohnheiten. Ich bin nur froh beide zu kennen und zu verstehen, um eine bessere Meinung zu bilden. Die Achtung der Familie in China zum Beispiel wird hoch angesehen. Bis heute versuche ich ein deutsches Wort zu finden, dass eine Person beschreibt, die sich rührend um Eltern kümmern und ihnen immer behilflich ist. Genauso bewundere ich die Genauigkeit der Deutschen. Es gibt Gründe, warum Maschinen hier weltweit gefragt sind. Und aus dem Pool von Kultur und Tradition kann ich nun meine Person bauen. Und ich habe das, hoffentlich, gut gemacht.
 

Wie ich herkam und lebte - eine persönliche Geschichte und eine persönliche Meinung

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie ich herkam und lebte - eine persönliche Geschichte und eine persönliche Meinung
Autor
Toni Feng
Schule
Sportgymnasium Neubrandenburg, Neubrandenburg
Klasse
11M1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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