Er will mehr verdienen und sie ein sicheres Umfeld

Sportgymnasium Neubrandenburg (Musisches Haus)
Klasse 12 M1
Alma Sterrmann, Lisa Reinke

Immer mehr Deutsche schimpfen auf die Besetzung finanziell attraktiver Arbeitsplätze durch die zunehmende Immigration. Jedoch bedenken sie nicht, dass diese als Motor für die Globalisierung stehen, welche eine verstärkende Rolle in unserer Gesellschaft eingenommen hat und das heutige Wirtschaftsbild bedeutend prägt.
Nicht nur beim morgendlichen Weg in der U-Bahn zur Arbeit prallen die verschiedensten Kulturen und Sprachen aufeinander, auch beim täglichen Umgang mit seinen Mitmenschen.
Sei es der Arbeitskollege mit dem man ein Projekt durchführt, die nette Nachbarin, die sich im Urlaub um die Blumen kümmert oder die Kassiererin vom Discounter Markt,  in dem sie immer ihren Wocheneinkauf machen. Wir begegnen ihnen täglich- helfen ihnen, kritisieren sie oder befreunden uns. Doch haben sie sich einmal gefragt, warum diese Menschen nun in ‚ihrer Stadt‘ leben? Was sie bewegt hat, nach Deutschland auszuwandern und ihrer Heimat den Rücken zu kehren?
Es gibt viele Gründe zu immigrieren. Manche sind schwerwiegender als andere. So hatte sie einfach nur den Wunsch, ein Land zu verlassen, in dem eine niedrige Lebensqualität herrscht und  die Sicherheit keinen hohen Status hat. Er hingegen wollte mit seinem erworbenen Studium lediglich  ein höheres Einkommen beziehen.
Dani ist 23 und kam vor 14 Monaten aus Ungarn nach Deutschland. Dort studierte er Medizin und erhielt sein Diplom. Heute lebt er mit seiner ungarischen Freundin in Mecklenburg-Vorpommern. Trotz der vielen Vorurteile, die über das schwere Kontakte knüpfen im Norden bestehen sollten, entschied er sich für eine Stelle als Anästhesist in einem Klinikum und wurde positiv überrascht. Der junge Arzt erhielt nicht nur die Unterstützung seiner Arbeitskollegen, sondern auch die seiner Familie. Sie befürworteten die Auswanderung, aufgrund der geringen Bezahlung von 300-350 €/mtl. für qualifizierte Ärzte, und sahen so eine bessere Zukunft in Deutschland für ihren Sohn. „Deutschland ist ja nicht so weit weg von Ungarn, sind ja nur 1200 km.“ erwiderte er auf die Frage, ob er sich nicht nach seinem gewohnten Umfeld zurücksehne. Im Gegensatz zu ihr hatte er keine weiteren Probleme in Deutschland tätig zu werden. Sein Studium und Diplom wurden ihm widerspruchslos anerkannt und er besaß bereits deutsche Sprachkenntnisse durch jahrelangen Unterricht.
Ganz so leicht erging es Elli allerdings nicht. Sie kam vor 17 Jahren als junge Frau mit ihrer Familie von Kirgisien nach Deutschland.  Von Wittstock ausgehend bis nach Berlin (Marzahn) besuchte sie vier verschiedene Asylbewerberheime. Auch nach unzähligen Behördengängen wurde sie stets  nach §8 der Einwanderungsbestimmungen behandelt, der ihre Anwesenheit lediglich aufgrund humanitäre Gründe zuließ. Mehr wurde ihr jedoch nicht zugestanden. Ihr Schulabschluss sowie ihre Ausbildungsnachweise zur Rettungsassistentin wurden nicht anerkannt. Ebenso wenig das Recht auf eine Tätigkeit und individuelles Wohnen. Sie selbst beschreibt diesen Umgang als Behördenschikane, „auch wenn nicht alle im Verhalten mir so gegenüber waren. Es gab auch nette Beamte, aber auch viele,  denen es egal war“, denn wegen ihrer schlechten Sprachkenntnisse wurde sie wegen vieler Vorurteile nicht akzeptiert. Als sie der Mut schon fast verlassen hatte, bezweckte eine erneute Antragsstellung jedoch, dass sie unter dem §4 der Einwanderungsbestimmungen behandelt wurde und somit ihr Abitur offiziell - mithilfe der Belegung eines Sprachkurses -in Deutschland absolvieren konnte, um im Anschluss endlich Medizin studieren zu dürfen. Bevor sie überhaupt ihr Studium  beendet hatte, fand sie in Folge von mehreren Praktika an einem Klinikum eine Festanstellung zur Anästhesistin und lebt heute mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Mecklenburg-Vorpommern. Sie selbst sagt, dass Deutschland ‚ihre Heimat geworden ist‘ und erzieht auch ihre Tochter so. Nur die russische Sprache und einige Geschichten aus Kirgisien vermittelt sie ihrem kleinen Sprössling. „Auch wenn ich es damals nicht gedacht hätte, war es das Beste was mir je passieren konnte mit meiner Mutter nach Deutschland kommen zu müssen. Ich war jung und naiv und dachte, dass meine begonnene Ausbildung gereicht hätte. Aber anhaltende Unruhen, das geringe Ansehen der medizinischen Tätigkeit, immense Studiengebühren und fehlende staatliche Unterstützung wären nicht der beste Ausgangspunkt gewesen, sich seine Zukunft aufzubauen.“
Natürlich ist es nicht selbstverständlich, dass man die Geschichten aller Immigranten kennt. Doch sollten wir uns nicht vielleicht mehr dafür interessieren, wer die Menschen sind, die unsere Wirtschaftswelt und unser Soziales Leben so sehr unterstützen?
 Sowohl Dani als auch Elli antworteten recht zügig auf die Frage: „Würden sie aus heutiger Sicht wieder in ihr Geburtsland zurück kehren?“ mit Nein. Sie sind beide der Meinung, dass sie erst wiederkehren würden, wenn sich etwas grundlegend in der Infrastruktur ändert.
Fehlende Beschäftigungs- oder Studienchancen, geringe Bezahlung und das Traumbild der westlichen Welt vom Wohlstand treiben  viele Menschen in unser Land. Wir werben die qualifizierten Arbeitskräfte aus ihren Heimatländern ab, um bei ‚uns’ den Bedarf daran zu decken. Damit berauben wir allerdings den vernachlässigten Ländern ihrer Chancen sich weiter zu entwickeln und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre ‚Humanpotenziale‘ zurück zu gewinnen. ‚ Humanpotenziale‘ die benötigt werden, um das nötige Fundament in ihren Heimaten zu festigen und den zunehmenden Braindrain*1  zu verhindern!

Anmerkungen:
§ 8 besagt, dass die Einwanderung unter dem Aspekt verläuft, keine deutsche Herkunft zu besitzen und eine Prüfung zum Aufenthalt erst erfolgen muss.
§4 besagt, dass eine Einwanderung mit deutscher Herkunft ohne weiteres erfolgen kann.
*1 Abzug von Humanpotenzialen, die zur Entnahme der Entwicklungsgrundlagen führt
 

Er will mehr verdienen und sie ein sicheres Umfeld

Informationen zum Beitrag

Titel
Er will mehr verdienen und sie ein sicheres Umfeld
Autor
Alma Sterrmann, Lisa Reinke
Schule
Sportgymnasium Neubrandenburg, Neubrandenburg
Klasse
11M1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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