Ausland hier und Heimat in der Ferne?

Stellen Sie sich vor: Sie wandern in ein fremdes Land aus, dessen Sprache Sie nicht sprechen und in dem für Sie alles neu ist. Dann treffen Sie auf Menschen, die in der gleichen Situation sind wie Sie und die womöglich noch aus demselben Land kommen. Was würden Sie dann tun? Würden Sie mühsam versuchen, sich in dem fremden Land irgendwie durchzuschlagen, auf sich allein gestellt und ohne jegliche Kulturkenntnisse oder würden Sie sich mit ihren Landesgenossen zusammentun, in deren Gesellschaft Sie sich aufgehoben, akzeptiert und vor allem beheimatet fühlen? Wahrscheinlich würden auch Sie das Letztere wählen. Und die Folgen solcher menschlichen Bedürfnisse nach Vertrautheit sind einzelne Stadtbezirke, die der Kultur der dort ansässigen Migranten schon weitaus näher sind als der Kultur des Landes, in dem sie sich befinden. Doch wie kann es sein, dass sich eine Kultur so fernab des Ursprungslandes in solchem Maß ausbreitet?
Nehmen wir zur Veranschaulichung doch einmal die Chinatowns. 1848 begannen die ersten Chinesen in die USA zu immigrieren, nach San Francisco genauer gesagt, wo die ersten Chinatowns entstanden. Die Chinesen kamen, um während des Goldrausches zu arbeiten, ohne Familie. Die einzige Verbindung zu dem neuen Land war also nur die Arbeit, sie hatten keine vertraute Umgebung um sich. Dazu kam noch die Fremdenfeindlichkeit, die sie täglich zu spüren bekamen. Kein Wunder also, dass sich Chinatowns bildeten, die einer Metropole Chinas mit all den Restaurants und sonstigen typischen Merkmalen in Nichts nachstehen. Ein Stückchen Heimat eben.
Heutzutage ist der Bezirk Chinatown in New York City, der mittlerweile als eine der vielen Sehenswürdigkeiten der Stadt gilt, wohl das bekannteste Beispiel für dieses Phänomen, doch bei Weitem nicht das einzige. Gelangt man in diesen, so scheint es, als ließe man Amerika hinter sich und betrete sogleich das „Reich der Mitte“.
Weltweit sind Chinatowns verbreitet: So befindet sich in Paris z.B. die größte Chinatown Europas und in Amsterdam die älteste.
Natürlich bilden sich auch Stadtviertel mit anderen Kulturen heraus. Dies führt dazu, dass man sich oft im Ausland beheimateter als im eigenen Land fühlt. Doch ist diese Entwicklung wirklich so bedenklich?
Einige Menschen finden dies augenscheinlich schon. Wie sonst ist es zu erklären, dass Rufe nach Regelungen im Umgang mit Migranten laut werden? Eines der aktuellsten Beispiele für eine Eindämmung der Migrantenzahl aus Angst vor Überbevölkerung ist der Vorgang in einem Kleingartenverein in Norderstedt. Dort wurde beschlossen, eine Obergrenze für Migranten festzulegen. So dürfen höchstens neun von 73 Vereinsmitgliedern Migranten sein, von denen wiederum nur 25 Prozent Türken oder Araber und weitere 25 Prozent Osteuropäer sein dürfen. Die Begründung: Die Migranten würden sich nicht genug integrieren und so die Gemeinschaft des Kleingartenvereins gefährden. Zudem wären ihre Feiern zu laut. Aufgrund heftiger Kritik liegt die Aufhebung der Regelung nahe, doch ein schaler Nachgeschmack bleibt. Erinnert man sich zudem an die einige Zeit zurückliegenden Debatten, die sich mit der Frage beschäftigten, ob den muslimischen Migranten in Frankfurt/Main der Neubau einer Moschee gewährt werden sollte, wogegen sich viele Bürger vehement wehrten, dann kommt die Frage auf, ob mit Migration nicht viel zu rassistisch umgegangen wird. Doch darf man nicht den Zwiespalt vergessen, in dem jedes Einwandererland steckt. Zwischen dem Versuch, jegliche Form von Rassismus zu unterbinden und doch die eigene Kultur vor einem zu großen Einfluss oder gar einer Verdrängung durch andere Kulturen zu schützen, wird ein Weg gesucht, um mit Migration umzugehen. Dass dies nicht gerade leicht ist, bleibt wohl unumstritten.

Um auch die positiven Aspekte von Migration zu erwähnen, darf man nicht vergessen, dass eine große Vielfalt an unterschiedlichsten Kulturen  auch immer eine Bereicherung bedeutet. Wenn man nur ein kleines bisschen Interesse für andere Weltauffassungen und Denkweisen entwickelt und sich die Kulturen einander öffnen, dann bietet es allen die Möglichkeit, sich miteinander vertraut zu machen und voneinander zu lernen. Dies ist ein sehr wichtiger Aspekt in der heutigen Zeit der Globalisierung, in der Menschen aus aller Welt kommunizieren müssen, ohne sich ständig vor unüberwindbaren Hürden aus Sprach- und Kulturunkenntnissen und damit vielen kulturellen Fettnäpfchen ausgesetzt zu sehen.
Dennoch haben viele Migranten anfangs Probleme in ihrer neuen Heimat anerkannt zu werden, da entweder die Migranten oder aber auch die Einheimischen keinen Schritt auf den anderen zu gehen und keiner sich - im schlimmsten Fall - anpassen möchte. Dabei ist es egal, ob der Migrant aus China, Japan oder nur einem anderen Teil von Deutschland kommt. Die Bereitschaft zur Integration muss von beiden Seiten vorhanden sein, erst dann kann sie gelingen.
Abschließend darf eines nicht vergessen werden: Durch Migration haben wir zusammen mit der Kulturen- auch noch eine Traditionsvielfalt in unserem Land, wodurch wir zum Beispiel die Gelegenheit haben, die typischen Speisen anderer Gegenden zu genießen. Und Hand auf’s Herz: Wer von uns geht nicht gerne zum Italiener, Griechen oder Asiaten?


Kopernikus Gymnasium Bargteheide, 11a,
Malina Wrobel, Miriam Diedrichsen, Sandra Goersch

Informationen zum Beitrag

Titel
Ausland hier und Heimat in der Ferne?
Autor
Malina Wrobel, Miriam Diedrichsen, Sandra Goersch
Schule
Kopernikus Gymnasium, Bargteheide
Klasse
11a von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180