R(h)ein in ein neues Leben - Schwimmend der Freiheit entgegen

Im Oktober 2011 jährte sich das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei zum 50. Mal. Durch die Medien erfuhr ich von einem ähnlichen Abkommen für Gastarbeiter, welches ab 1968 auch für Jugoslawien galt. Dies warf für mich, Katja Walther, die Frage auf, wie mein Großvater 11 Jahre zuvor seinen Weg von Kroatien nach Deutschland bewältigte. Da es mir nicht mehr möglich ist, ihn persönlich zu fragen, konnte ich nur mit Hilfe meiner Familie  die Teile seiner Geschichte zu einem Ganzen zusammenfügen.

Jozo Serdarušić wurde im November 1930 im ehemaligen Jugoslawien geboren, seine schulische Bildung besteht ausschließlich aus 4 Jahren Grundschule. Schon in seiner Kindheit machte der Sohn einer kroatischen Bauernfamilie Erfahrungen mit dem zweiten Weltkrieg, in welchem Jugoslawien von Deutschland besetzt, daraufhin aufgelöst und aufgeteilt wurde. Im Feld fand Jozo eine Streugranate, die er für Spielzeug hielt. Sie explodierte vor seinen Füßen und er erlitt schwerste Verletzungen. Ein deutscher Arzt rettete  das Leben des damals 14 jährigen Jungen, der aufgrund des schlechten Heilungsprozesses zwei Jahre im Krankenhaus in Mostar verbringen musste.
Nach der Rückkehr in sein Heimatdorf, Raško Polje, arbeitete er ab 1946  als Maurer. Schließlich heiratete Jozo 1953 seine Jugendliebe Mila, im selben Jahr wurden sie Eltern einer Tochter. 3 Jahre später folgte der erste Sohn.  
Hinsichtlich seiner Unzufriedenheit über das politische System fasste Jozo den Entschluss, bald aus seinem Heimatland zu fliehen. Der Antikommunist kämpfte für ein freies Kroatien, seine Rechte und für eine freie Meinungsäußerung. Nicht nur der Eindruck, den der deutsche Arzt bei ihm hinterließ, beeinflusste die Wahl seines Ziels, auch die Aussicht auf eine gut bezahlte Arbeit und eine sichere Rente lockten Jozo nach Deutschland, für ihn das Land mit einer Vielzahl an Möglichkeiten, Rechten und Freiheiten.
Aufgrund des Kommunismus im damaligen Jugoslawien war Jozo oft in Konflikte geraten, er äußerte seine Meinung über ein freies Kroatien und verteilte Flugblätter. Dies führte im Oktober 1956 zur Verhaftung, Jozo musste 6 Monate als Schwerverbrecher im Gefängnis in Dubrovnik verbringen. Am  Abend der Flucht betrachtete er seinen Sohn, in diesem Moment wurde seiner Mutter klar, dass etwas nicht stimmte. Sie verabschiedete sich mit den Worten: „Mein Sohn, ich glaube, meine Augen werden dich lebend nicht mehr wiedersehen.“

Sein Fluchtweg führte ihn nach Slowenien, da es direkt an Italien grenzt. Dort arbeitete er ab Mai 1957 als Maurer unter der Leitung des slowenischen Militärs. Diese Arbeit tarnte seine geplante Flucht. Hier lernte Jozo einen jüngeren Mann kennen, der sich ihm anschloss. Im November 1957 überquerten die beiden Männer nachts die Grenze zu Italien. Ohne Papiere aufgegriffen wurden sie in Triest in ein Gefängnis gebracht und verhört. Nach einem Monat entließ man sie mit der Aufforderung, das Land zu verlassen. Weiterhin fest entschlossen setzten die beiden ihren Weg nach Frankreich  fort. Unter größter Gefahr passierten sie im Schutz der Dunkelheit die französische Grenze. Nach einem starken Gewitter wärmten sich die beiden, nass und unterkühlt, auf einer Weide zwischen Kühen. Jedoch wurden sie auch in Frankreich von der Polizei aufgegriffen und aufgrund der fehlenden Papiere inhaftiert, sehr bald  aber wieder freigelassen.
Daraufhin verbrachten sie mehrere Monate im französischen Nizza, wo sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielten.

Dort planten sie –das Ziel direkt vor Augen- ihren Weg nach Deutschland. Der erste Versuch, den Rhein mit einem Ruderboot zu überqueren scheiterte, sie wurden auf halbem Weg von deutschen Grenzschutzbehörden entdeckt und zurück nach Frankreich gebracht. In der folgenden Nacht versuchten Jozo und sein Freund, den Rhein schwimmend zu überqueren, was aufgrund ihrer völlig fehlenden Schwimmerfahrung lebensgefährlich war. Müde und erschöpft, aber dennoch überglücklich, gelangten sie an das deutsche Ufer. Auch hier wurden sie aufgegriffen und erneut gefangen genommen. Als Flüchtlinge mussten sie sich einen Monat in einem Auffanglager in Kaiserslautern aufhalten. Die politisch verfolgten Männer durften aber im Dezember 1957 zum ersten Mal Freiheit spüren, sie hatten ihr lang ersehntes Ziel erreicht. Danach verloren sich die beiden aus den Augen, den Namen des Fluchtgefährten nannte Jozo niemanden, wie es ihm in Deutschland erging weiß kein Familienmitglied.

R(h)ein in ein neues Leben - Schwimmend der Freiheit entgegen

Jozo Serdarušić arbeitete dann im Wachdienst des amerikanischen Militärs, dann bei einem Bauunternehmen und wurde schlussendlich von dem Chemieunternehmen BASF als Kraftwagenfahrer angeworben und arbeitete dort bis zu seiner Pensionierung.
Die endgültige Zusammenführung der jungen Familie gelang erst 1961 durch eine Hilfsorganisation, da der kommunistische Schwager von Jozo in der Verwaltung in Kroatien arbeitete und die Aushändigung der Papiere drei Jahre lang verweigerte.
Mehrere Jahre bemühte sich Jozo um die deutsche Staatsangehörigkeit. In dieser Zeit wurden 2 weitere Töchter und 2 weitere Söhne geboren. Bis 1969 wohnte die Familie in Frankenthal, danach bezogen sie das selbstgebaute Haus in einem Dorf in der Umgebung.  Im Juli 1975 erfolgte endlich die Einbürgerung der nun achtköpfigen Familie.
Am Tag darauf erreichte Jozo die Nachricht, dass seine Mutter im Sterben liegt. Trotz aller Bemühungen sollte sie Recht behalten, sie sah ihren Sohn nicht wieder. Für einen Abschied war es schon zu spät, Jozo erreichte nur wenige Stunden nach ihrem Tod seinen Heimatort.

Wahrscheinlich hätte ein früheres Anwerbeabkommen den abenteuerlichen und lebensgefährlichen Weg meines Großvaters wesentlich erleichtert. Viele schlechte und prägende Erfahrungen und die illegale Flucht wären ihm erspart geblieben, er hätte als typischer,  zeitlich unbegrenzter Gastarbeiter nach Deutschland kommen können.

Jozo Serdarušić verstarb im Januar 2003.

R(h)ein in ein neues Leben - Schwimmend der Freiheit entgegen

Informationen zum Beitrag

Titel
R(h)ein in ein neues Leben - Schwimmend der Freiheit entgegen
Autor
Carina und Katja
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium, Frankenthal
Klasse
12 SK1 von 2011/2012
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Projektanmeldung

Sie möchten sich für ein medienpädagogisches Projekt der F.A.Z. anmelden? Gleich kostenlos registrieren und das Projektangebot der F.A.Z. nutzen. › Zur kostenlosen Registrierung

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180