Migration und Fremdsein damals

-Migration und die Einstellung zum „Fremden“ vor der Moderne in Europa und Umgebung-
Migration ist so alt  wie die Menschheit selbst, das ist keine besonders gewagte These. Doch wie ist man vor längerer Zeit, in den frühen Hochkulturen, in der Antike und in der Vormoderne mit Migration und mit Fremden umgegangen? Ist die heutige Gesellschaft im Umgang mit Migration besonders sensibel oder war das immer so? Haben sich die Einstellungen im Laufe der Zeit verändert? Eine kleine Zeitreise.

Ganz am Anfang der Menschheitsgeschichte war Migration der Normalfall. Es ging gar nicht anders. Als der Mensch noch nomadisch lebte, musste man gehen, sobald es am eigenen Aufenthaltsort nichts mehr gab, wovon man leben konnte. Entweder weiterziehen oder sterben, das war die Devise. Über diesen Prozess weitete sich das menschliche Siedlungsgebiet von Afrika auf alle anderen Kontinente aus. Auf längere Zeit sesshaft zu werden –gar über mehrere Generationen – das kannte und konnte man einfach nicht. Wissen und Mittel fehlten. Die Natur regierte den Menschen vollkommen und er zog ihr hinterher. Dementsprechend konnte Migration gar kein Problem sein, denn alle taten es. Migration wird erst dann zum Problem gemacht, wenn es längerfristige Besitzansprüche auf ein Gebiet gibt. Wenn es denjenigen gibt, dem das Land „gehört“ - den Besitzer, den Sesshaften, und wenn es denjenigen gibt, der versucht sich dazu zu gesellen – den Fremden, der als potentielle Gefahr für das eigene System gesehen wird. Unter diesen Voraussetzungen teilen sich die Menschen fast automatisch in diese zwei Klassen, den Sesshaften und den Eindringling, den „Alten“ und den „Neuen“. Die „Neuen“ stehen dabei in den meisten Fällen auf der unteren Ebene und sind der misstrauischen Prüfung der „Alten“ ausgesetzt.

Sesshaft wurden unsere Vorfahren erst im Zuge der Neolithischen Revolution im 10. Jahrtausend v.Chr. Aus Jägern und Sammlern waren Ackerbauern und Viehzüchter geworden. Man begann mit der Natur zu arbeiten und sie soweit zu beherrschen, dass man nicht von ihr hin und her gescheucht wurde. Von nun an war es möglich, über mehrere Generationen hinweg an einem Ort zu bleiben, sofern es gute Böden gab und das Klima vorteilhaft war. Ein entscheidender Punkt der kulturellen Evolution war erreicht. Von nun an kam die kulturelle Entwicklung und Differenzierung so richtig in Gang. Die Bevölkerungszahl war bis 8000 v.Chr. weltweit auf ca. 30 Millionen angewachsen. Von Region zu Region wurden die Lebensgewohnheiten, Sitten und Bräuche aus verschiedenen Gründen immer unterschiedlicher. Es gab nicht überall alles, erste Handelswege zwischen verschiedenen Siedlungsbereichen entstanden. Und die ersten Mauern wurden errichtet. Die wohl ältesten bekannten Mauern fand man in der Siedlung Jericho, erbaut um 7000 v.Chr. und immerhin 6 Meter hoch. Doch wie sah es mit den sogenannten „Mauern in den Köpfen“ aus?  War Migration damals zur Zeit der frühen Hochkulturen und der frühen Antike ein größeres Problem? War sie geduldet? Gar erwünscht? Wie ging man mit Fremden um? Recht umfangreiche Quellen dazu findet man aus der Zeit des Alten Ägyptens, der großen Hochkultur von ca. 4000 bis 332 v.Chr. Im alten Ägypten wurde Fremdheit vor allem über die religiöse Weltanschauung, die Ma’at (Wahrheit, Weltordnung) definiert. Entweder man war ein der Ma’at loyal gesinnter, kultivierter Mensch oder ein Illoyaler, Unzivilisierter, Wilder. Es galt die Ma’at zu schützen. Und die nicht Ma’at-treuen galten als eine potentielle Bedrohung für die Stabilität des Systems. In der späteren Zeit im 2. Jahrtausend v.Chr. liberalisierte sich jedoch diese Haltung im Zuge einer anderen religiösen Auffassung. Der religiöse Sonnenkult mit einer großen Gott-Mensch-Differenz war zu dieser Zeit im gesamten Vorderen Orient verbreitet. Es gab eine gewisse Internationalität, ein Zusammengehörigkeitsgefühl über verschiedene Staaten und Reiche hinweg. Wirtschaftliche und politische Kontakte wurden gepflegt,  es fand ein reger kultureller Austausch statt, Auslandsaufenthalte und Zuwanderung Fremder war sozusagen alltäglich. Es wurden alle Menschen als prinzipiell gleichartig gesehen, da alle vom Urgott geschaffen seien. Jedoch seien die  Ägypter das Volk mit Vorrang. So waren auch verschiedene Stereotypen verbreitet, z.B. dass Nubier unzuverlässig und hinterhältig seien.  Dennoch war Fremdheit nicht gleich Feindschaft. Als Feindschaft galt eine aktive Ablehnung der Ma’at, nur ein sich auflehnender Fremder galt als feindlich.  Daraus zu schließen ist, dass man Migration an sich nicht im Wege stand, sofern die Fremden sich nicht als feindliche „Chaosbringer“ offenbarten.     

Einige Jahrhunderte später, ca. ein halbes Jahrhundert v.Chr. betrachteten die Alten Griechen Menschen anderer Kulturen eher mit Skepsis, es sei denn, sie hatten besondere Fähigkeiten. So genossen z.B. thrakische Ammen höchstes Ansehen; vielleicht eine Art antikes „brain-gain“. Generell galten jedoch die Nichtgriechen, bzw. diejenigen, die nicht der griechischen Sprache mächtig waren als unzivilisierte Barbaren. Die Hellenen waren jedoch selbst ein Volk, das fleißig emigrierte. So gab es Migrationswellen in die Kolonien an der heutigen Westküste der Türkei und in Richtung des Schwarzen Meeres. Weiterhin breiteten sich die Griechen zur Zeit des Hellenismus nach den von Alexander dem Großen durchgeführten Expansionen nahezu über das gesamte Alexandrische Reich aus.

Während Alexander den Osten eroberte, hatte sich bereits im heutigen Italien eine neue zukünftige Großmacht gebildet. Das Römische Reich. Wenige Jahrhunderte später hatte es gewaltige Dimensionen angenommen. Die Ein- und Auswanderung ins Römische Reich dürfte nicht allzu problematisch gewesen sein, auch wenn die Menschen damals wohl kaum Motivation gehabt haben dürften, aus dem Reich auszuwandern, denn die Bedingungen dort waren recht gut und der Saat war exzellent organisiert. Generell galten alle Fremden und auch die gesamte Provinzbevölkerung in den eroberten Gebieten als Peregrine, „Fremde“. Sie konnten recht unbehelligt leben, ihre eigene Kultur und Religion ausüben, sie konnten sogar zum römischen Bürger werden, sofern sie z.B. 25 Jahre Armeedienst leisteten. Die Nachkommen waren dann auch römische Bürger. „Barbarus“ war nicht zwangsläufig ein Schimpfwort. Viele verschiedene Volksgruppen, Ethnien und Religionen lebten nebeneinander unter dem „römischen Dach“ ohne große Konflikte. Teilweise wurden bewährte Erzeugnisse anderer kultureller Gruppen einfach übernommen. So z.B. war die gesamte Armeeausrüstung eine Mischung verschiedener Gegenstände unterschiedlicher Herkunft. Woher es kam, war egal, Hauptsache es funktionierte. Im Prinzip war das Römische Reich ein Paradebeispiel für „Multikulti“. Und als man in Rom am 21. April 248 n.Chr. die Tausendjahrfeier der Stadt zelebrierte, war der Kaiser Phillippus Arabs. Er war ursprünglich Araber, wahrscheinlich Sohn eines Scheichs.

Doch wenig später, um 350 bis 400 wird eine Migrationswelle in Gang gesetzt, die mit zum Ende des Römischen Reiches beigetragen, wenn nicht sogar dazu geführt hat, wie einige behaupten. Die Völkerwanderung beginnt. Die Hunnen kamen, besiegten die Ostgoten und bewegten die Westgoten dazu auf die andere Seite der Donau, in römischen Schutz zu flüchten. Der neue oströmische Kaiser Theodosius gestattete den Goten unter eigener Führung zu leben. In einer Art Reich im Reich. Doch schon bald wurden die Goten, auch ob der ansonsten gotenfeindlichen Politik unzufrieden und strebten in Richtung Italien. 410 wurde Rom erobert und geplündert. Sie zogen jedoch weiter, bis sie endlich 418 vom Weströmischen Kaiser die Erlaubnis erhielten, in Südfrankreich zu siedeln. Die Goten sahen sich jedoch stets als Teil des Römischen Reiches, als Einwanderer.  Und sie waren nicht die einzigen Flüchtenden vor den Hunnen. Auch die Vandalen, die Alanen, die Langobarden, die Franken, die Angeln, Jüten und Sachsen drängten ins Reich. Ganz Europa war ein Flickenteppich verschiedener Migrationsströme. Parallelreiche entstanden, die römische Herrschaft zerbrach langsam aber sicher daran. Das Christentum, speziell der Katholizismus  verdrängte die heidnischen Stammesreligionen und formten in Europa eine religiöse Einheit. Die Zeit des Mittelalters brach an.

Auch wenn generell 90% der mittelalterlichen Bevölkerung -meist minder- oder unfreie Bauern- nach wie vor auf dem Land lebte, so begann im 11.-12. Jahrhundert als wichtige Migrationsbewegung die Umsiedlung vom Land in die Stadt. Diese Entwicklung der Urbanisierung hält bekanntermaßen bis heute an. Die Stadt bot trotz der unhygienischen und geradezu lebensfeindlichen Bedingungen eine Reihe von Vorteilen, der vielleicht wichtigste: Schutz. Jedoch konnte man nicht einfach so in das urbane Umfeld umziehen. Man musste einen Bürgereid leisten, Bürgergeld zahlen und andere von Stadt zu Stadt unterschiedliche Nachweise erbringen, dass man sich einbürgern, integrieren wollte. Für spezialisierte Fachkräfte wie z.B. Schreiber oder Ärzte wurde dieser Prozess vereinfacht. Im Prinzip wurde also auch schon damals „brain-gain“ gefördert. Als weitere Besonderheit kam hinzu, dass man anfing in Bürgerbüchern Bürger und Neubürger schriftlich festzuhalten. Der Begriff „integratio in commune“ wurde zu ersten Mal benutzt. Jedoch wurde nicht alle gleich behandelt. Besonders die Juden hatten es schwer, denn oft wurde ihnen das Bürgerrecht aberkannt. Sie wurden stigmatisiert und ausgegrenzt. Generell sollten Nichtchristen, also damals „Nichtgläubige“ dazu gebracht werden zum Christentum zu konvertieren. Laut dem damaligen Theologen Thomas von Aquin dürfe man sie aber nicht zum Glauben zwingen. Ob es aber nicht doch gängige Praxis war, bleibt fraglich, zumal jede Gotteslästerung, oder was man als solche interpretierte, hart bestraft wurde. Wie man sieht ist hier die Religion das Maß aller Migrationsproblematik. Nichtchristliche Einwanderer die z.B. aus dem Vorderen Orient nach Europa kamen, dürften es schwer gehabt haben. Die Christen dagegen genossen in den arabischen Gebieten weitgehende Religionsfreiheit. Man brauchte ihre Fähigkeiten, z.B. auf dem Gebiet der Medizin. Im nahen Osten und Vorderen Orient entstanden blühende Multi-Kulti-Metropolen. Allgemein kann man jedoch behaupten, dass interkulturelle Migration im Mittelalter eher auf Einzelfälle beschränkt war. Größere Migrationswellen gab es hauptsächlich durch kriegerische Auseinandersetzungen innerhalb der einzelnen Kultur-/Religionsräume. So z.B. nach dem dreißigjährigen Krieg, als das praktisch entvölkerte Südwestdeutschland von Schweizern besiedelt wurde, um nur ein kleines Beispiel zu nennen. Auch siedelten sich in durch Krieg gewonnenen Gebieten im Zuge expansiver Politik Angehörige der Siegermacht an. Der christliche Einflussbereich weitete sich besonders in den Osten in die ursprünglich Slawischen Gebiete aus. Die Devise war zunächst im 12. und 13. Jahrhundert „siedeln statt erobern“. Besonders die deutschen Fürsten wollten sich via „Landesausbau“ neue Einflussbereiche sichern. Locatoren warben in allen Landstrichen Siedler und priesen die hervorragenden Bedingungen im Osten. Die Slawen in den neu besiedelten Gebieten leisteten ob ihrer geringen Zahl keinen Widerstand. Sie und die Neusiedler pflegten ein nahezu gleichberechtigt-freundschaftliches Verhältnis. Das enge Zusammenleben war durchaus produktiv. Die Slawen lernten von den Siedlern neue landwirtschaftliche Technologien kennen. Die Lebensgewohnheiten glichen sich nach und nach an. Verbunden damit war auch die Christianisierung der Slawen. Natürlich gab es auch Auseinandersetzungen zwischen Slawen und Deutschen, allerdings nur, wenn diese versuchten das slawische Land gewaltsam zu erobern. Lies man den Slawen ihre Rechte, so entwickelte sich das Zusammenleben meist friedlich. Durch gezielte Migration wurden der Einflussbereich des Christentums und der der christlichen Fürsten bemerkenswerterweise ohne Gewalt ausgeweitet.

Mit dem Ende des Mittelalters um ca. 1500  endete auch die Zeit der Vormoderne in Europa. Bis zu diesem Zeitpunkt traten schon sehr viele Formen von Migration und Einstellungen dazu auf. Fremde wurden je nach eigener Kultur unterschiedlich behandelt. Zu bemerken ist jedoch, dass das Fremdsein an sich häufig über die eigene Religion bzw. Weltanschauung definiert wurde. Doch im Prinzip hat sich bis heute ja nicht viel daran geändert, auch wenn heute zumindest in Europa weniger die Religion, als die Weltanschauung und Einstellung ausschlaggebend ist.  Qualifizierte Einwanderer wurden übrigens schon in allen Zeiten gerne angenommen, so Neudeutsch der Begriff sein mag, “brain-gain“ gab es schon immer. Auch die Motive zur Migration sind immer dieselben geblieben. Wirtschaftliche Gründe; Migration einfach um zu überleben, wie zu Urzeiten; Flucht, meistens vor Krieg und damit verbundene Schutzsuche; die Hoffnung auf eine bessere Welt, ein besseres Leben.  Man kann über all die vielen Epochen hinweg immer wieder die gleichen Muster erkennen. Migration wird nicht aussterben, glücklicherweise sollte man sagen, denn wie wir in der Geschichte sehen, waren multikulturelle Gesellschaften äußerst fortschrittlich, man sieht es z.B. am alten Römischen Reich. Man muss sich natürlich mit Migration beschäftigen, man sollte sich vielleicht auch die Ursachen von fluchtartiger, also unfreier Migration ansehen, besonders natürlich Gewalt und Krieg, anstatt die Migration selbst zum Problem zu machen. Friedliche Migration an sich ist weder schädlich noch gefährlich, wenn man ihr nicht so begegnet, als wäre sie schädlich und gefährlich. Migration ist menschlich.
 

Migration und Fremdsein damals

Informationen zum Beitrag

Titel
Migration und Fremdsein damals
Autor
Gerda Czoske
Schule
Sportgymnasium Neubrandenburg, Neubrandenburg
Klasse
11M1 von 2011/2012
Quelle
Frankurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180