Als junges Mädchen allein in die große weite Welt

Ich war 21 Jahre alt und hatte meine Ausbildung zur Köchin abgeschlossen. Im Anschluss daran konnte ich mich durch Saisonarbeit über Wasser halten und merkte schnell meine Unzufriedenheit. Das Fernweh wurde immer stärker und so entschloss ich mich, für eine unbestimmte Zeit auszuwandern. Ganz ohne Schutz und Halt wollte ich aber nicht in ein fremdes Land gehen und so begann ich eine Aupair Familie über das Internet zu suchen. Dieses klappte auch sehr schnell und ich halte einige Wochen Kontakt mit einer sehr interessanten Familie. Leider bekam ich dann aber eine Absage, da die derzeitige Aupair gerne noch länger bleiben wollte. Sehr enttäuscht habe ich den Gedanken des Auswanderns dann wieder verworfen. Kurze Zeit später bekam ich eine E-Mail mit dem Angebot dieser Familie, doch zu kommen, aber nur unter der Bedingung, dass ich in spätestens drei Wochen da sein könne. Ich kündigte meine Arbeit und die Wohnung, packte meine wichtigsten Sachen und sagte meiner Familie und Freunden Lebewohl.

Das Flugzeug hob ab und ich flog geradewegs in ein neues Leben und eine ganz andere Welt. Mein Ziel war La Linea de la Concepción, ein kleiner Ort in der Nähe von Gibraltar. Das erste Problem kam schon am Flughafen in Malaga. Welcher Bus ist der richtige? Deutsch oder Englisch sprach dort kein Busfahrer und auch am Busbahnhofsschalter in Marbella wusste ich nicht, was man von mir wollte, denn ich sprach nur zwei Sätze, „Yo no hablo español“ (ich spreche kein spanisch), „Me llamo Martina, soy de Allemania“ (ich heiße Martina und komme aus Deutschland). Ich weiß nur, dass alle sehr nett waren und versuchten mir zu helfen und ich kam tatsächlich ohne Umwege an mein Ziel.

Nun war ich unter dem Schutz einer deutschen Familie, die schon bereits seit vier Jahren in Spanien lebte. Als Aupair arbeitete ich für diese Familie und kümmerte mich um das fünfjährige Kind, den Haushalt, den Einkauf und die Hausaufgaben der Kleinen. Einmal in der Woche setzte ich mich auf den Roller und fuhr in die Stadt, um eine Sprachschule zu besuchen. Schon nach wenigen Wochen konnte ich ein paar Sätze sprechen und wenn ich Samira in die Schule brachte, wurde ich immer öfter von den spanischen Müttern der anderen Kinder integriert, anfangs nur mit                                              Fragen nach dem Wetter und wie es mir geht, später waren es dann sogar schon kleine Gespräche. Auch ganz einfache Dinge wie das Einkaufengehen veränderten sich zunehmend. Zu Beginn scheiterte ich schon an der Kasse, als die Verkäuferin mich höflich fragte: „¿quieres una bolsa?“ (möchtest du eine Tüte?) und ich verlegen da stand und mein altbewährtes  „yo no hablo español“ auspackte, bis sie mir die Tüte vor die Nase hielt und frech grinste.  

Auch andere Kunden fragten mich, wo sie denn die Eier, die Butter oder Ähnliches finden. Nach etwa einem halben Jahr dann meine ersten richtigen Erfolgserlebnisse, ich konnte selbst anderen im Supermarkt helfen, Dinge zu finden.
Samira tanzte mir bei der täglichen Vokabelabfrage und den Hausaufgaben nicht mehr auf der Nase herum, denn am Anfang wusste ich die Begriffe für die Bilder nur, weil sie darunter standen, wenn nun aber die Kleine behauptete der fragliche Begriff sei auch richtig, das geht beides, konnte ich nicht widersprechen. Auch Mathe und kleine Lernspiele musste ich ihr auf spanisch beibringen, da Samira in eine spanische Klasse ging. Eine perfekte Gelegenheit, um gleich mitzulernen und spielerisch den Wortschatz zu erweitern. Natürlich gab es auch mal Missverständnisse, die nicht ohne Folgen blieben. So bekam meine Aupair Mutter an einem Nachmittag einmal einen ganz entsetzten Anruf von der Lehrerin von Samira. Sie habe starke Bauchschmerzen und wieso ich ihr denn zum Frühstück eine ganze Tafel Schokolade geben könne? Hinterher stellte sich dann heraus, dass Samira nicht wusste, wie sie eine „Schüssel mit Schokocornflakes“ ausdrücken sollte und der Ärger verrauchte sehr schnell.

Aber auch die Kultur und Religion waren eine neue Erfahrung für mich. Ob nun Umzüge der katholischen Kirche, Feria (Jahrmarkt) oder Silvester, alles war sehr interessant und sehenswert. Ein wenig gespenstisch fand ich die Wagen vom Umzug mit Jesus oder Maria, wo die Menschenmassen an der Straße standen, die Wagen vorsichtig berührten und sich dann bekreuzten. Ferias hingegen ließen meine Augen leuchten, die vielen Lichter! Samira, die unbedingt „patos“ angeln wollte (kleine gelbe Enten), die aufwändig gearbeiteten Kleider der jungen Mädchen und die beeindruckende  Wahl der „Feriareina“ (Kirmeskönigin) für den jeweiligen Ort. Der Höhepunkt war dann die Einladung zum Essen einer befreundeten spanischen Familie und die Tradition, um Mitternacht zu jedem Glockenschlag eine Weintraube zu schlucken, bei Gelingen gab es eine Ladung Glück für das nächste Jahr. Die Mutter meiner Aupair Familie, ganz geschickt, hat ihrem Mann all die kleinen Weintrauben heimlich weggenommen und ihm ihre großen untergeschoben. Das nennt man dann, seinem Glück auf die Sprünge helfen.

Alles in allem habe ich mich in Spanien sehr wohl gefühlt und Sonne, Strand und Meer sehr genossen. Ich habe festgestellt, dass wenn man offen und freundlich auf die Menschen zugeht, man nur Hilfe und Aufgeschlossenheit erntet und zu jeder Zeit überall willkommen ist. Nun versuche ich jedes Jahr meine deutsch-spanische Aupair Familie und die vielen spanischen Freunde zu besuchen und meine Sprachkenntnisse auch in Deutschland zu pflegen und auszubauen.
 

Als junges Mädchen allein in die große weite Welt

Informationen zum Beitrag

Titel
Als junges Mädchen allein in die große weite Welt
Autor
Martina Meyer
Schule
BBS 1 Aurich, Aurich
Klasse
Kollegkurs von 2011/2012
Quelle
Frankurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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