Markt und Multikulti: Aufleben einer alten Unternehmensphilosophie

Ein Kommentar von Dennis Müller, Leonhard Schwinn, und Meltem Yildiz.

Sie hätten keine produktive Funktion, außer für Obst- und Gemüsehandel, so schätzte Dr. Thilo Sarrazin, Berliner Senator a.D., den Mehrwert der türkisch-deutschen Bevölkerung in Berlin bei einem Interview vor zwei Jahren ein.

Das Erscheinungsdatum seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ liegt nun über ein Jahr zurück und die Kritik an seinem Werk ist weitgehend abgeklungen. Die Frage, wie ernsthaft und zu welchem Zweck er seine Äußerung ins mediale Rampenlicht katapultierte, bleibt dennoch offen. Beim Besuch des lokalen Einzelhandels zeigt sich jedoch: Im wirtschaftsstarken Rhein-Neckar-Raum wird augenscheinlich gut ein Drittel des Einzelhandels von Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit Migrationshintergrund geführt. Deshalb sollte man die Frage stellen, warum gerade diese bestehen und zahlreiche  heimische Traditionsgeschäfte schließen müssen.

Aus Sarrazins Perspektive bedeutet das: „Was haben die, was wir nicht haben?“. Ein Angestellter des türkischen Supermarktes „Davud“ aus Frankenthal erklärt: Sein Käuferklientel besteht aus zwei Gruppen. Sein türkischer Bekanntenkreis stützt  maßgeblich das Geschäft, dennoch ist gut die Hälfte des Umsatzes auf deutsche Käufer ohne Migrationshintergrund zurückzuführen. Die oft propagierte „Parallelgesellschaft“ gleicht hier eher einer alten heimischen Dorfgemeinschaft: Man grüßt auf der Straße, plaudert über die Lebenssituation und findet Angestellte als Bekannte mit offenen Ohren – vielmehr eine profitversprechende Unternehmensphilosophie als eine Unterwanderung des Staatssystems.

Doch der multikulturelle Markt bietet mehr als das, worauf Sarrazin ihn reduziert: Handyladenbesitzer Nuri Düz  erläutert, dass bei ihm vor allem deutschstämmige Senioren einkaufen. Während er sich für ihre Lebensgeschichte interessiere, stehe er ihnen gleichzeitig als Gesprächsperson zur Seite und  ermuntere zum Erlernen der Handybedienung. Er sieht seine Arbeit als einen pädagogischen Prozess an: Indem er auf die persönlichen Erfolge seiner Kunden verweise, schaffe er das nötige Selbstbewusstsein, das als Basis für die Eroberung des Lebensraums „mobile Kommunikation“ älteren Menschen dient.
Im Gespräch hebt ein 53 jähriger Stammkunde des „Jolly Travel Reisebüro“ in Worms die Beweggründe hervor: Die Kombination aus deutscher Tugend und südländischer Nähe zieht Kunden an, die in ihrem Geschäftspartner einen Menschen erleben möchten. Die Nachhaltigkeit dieser Kundenbeziehungen ist eine wichtige Basis seines Geschäftsmodells, erklärt der Inhaber des Reisebüros Ayhan Erbug. Im stetigen Anonymisierungsprozess, vorangetrieben durch das Internet und die Urbanisierung nehmen solche persönlichen Beziehungen eine Ankerrolle ein, sie binden Kunden an Geschäfte indem sie ihre sozialen Bedürfnisse erfüllen.

Auf diesem Bild basierend stellen sich die Fragen: Füllt der „türkische Einzelhändler von nebenan“, sei er Gemüsehändler, Internetcafébesitzer oder Handyverkäufer, nicht zu Recht die Nische, die unprofitable Geschäftsmodelle deutschstämmiger Inhaber öffnen? Und kann dieser „alternative“ Einzelhandel im demographischen Wandel nicht eine Schlüsselrolle einnehmen? Von diesem Blickpunkt aus sollte nicht alleine der menschliche Umgang honoriert werden. Ein zentral gelegener Gemüseladen kann für ältere Menschen oft die Ohnmacht der Altersimmobilität verringern.
 

Markt und Multikulti: Aufleben einer alten Unternehmensphilosophie

Informationen zum Beitrag

Titel
Markt und Multikulti: Aufleben einer alten Unternehmensphilosophie
Autor
Dennis Müller, Leonhard Schwinn, Meltem Yildiz.
Schule
Albert-Einstein-Gymnasium, Frankenthal
Klasse
12 SK1 von 2011/2012
Quelle
Frankurter Allgemeine Zeitung
Projekt
Die Welt in Bewegung - Migration
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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