Das oberste Gebot: Du sollst dir viel bieten lassen

Rubel

Rasend rattert der Auktionator die Zahlen herunter: 1000, 1050, 1100. Er sitzt an einem langen Tisch in einem großen Saal eines edlen Hotels. Neben ihm zwei Protokollantinnen. Unter den rund einhundert Bietern verschiedener Nationen herrscht höchste Konzentration. Bei Interesse heben sie ihre Schilder, auf denen ihre Bieternummer steht. An der Seite des Saals hebt eine Frau ihr Schild. Vor ihr ein Laptop. Ein Telefon in der Hand. Auf ihrem Schild steht statt einer Nummer ein „T“. T für Telefon. Ein Mann aus China ist an einer Münze interessiert und lässt über eine Mitarbeiterin des Auktionshauses Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG mitbieten.

Während im Auktionsraum ein Zahlengewirr ausbricht, herrscht im Nebenraum Stille. Hier können Interessierte die Münzen genau unter die Lupe nehmen. „So können unsere Kunden die Qualität der einzelnen Münzen, die sie vorher in unserem Katalog gesehen haben, begutachten“, erklärt Julia Finster von der Marketingabteilung. Schönheitsfehler wie Abnutzungs- oder Putzspuren sowie Rand- und Stempelfehler führen zum Wertverlust. Eine Münze ist von großem Wert, wenn sie besonders selten und besonders gut erhalten ist.

Seit 1971 hat sich Künker mit Hauptsitz in Osnabrück und Filialen in Berlin und München sowie Repräsentanzen in Hamburg, Konstanz, Zürich, Znojmo und Moskau zu dem nach eigenen Angaben umsatzstärksten Münzversteigerer Europas entwickelt. Mit seiner achtsprachigen Kundenbetreuung bedient Künker Käufer aus aller Welt. Der Umsatz ist von 28,6 Millionen Euro im Jahr 2008 auf 42,9 Millionen Euro im vergangenen Jahr gestiegen. Jährlich werden zwischen 20000 und 22000 Exponate versteigert, die Zuschlagsummen liegen zwischen 100 und 650000 Euro, wobei der Schwerpunkt bei 1200 bis 1800 Euro liegt. Jährlich drei Mal in Osnabrück und ein Mal in Berlin führt das 40 Mitarbeiter umfassende Künker-Team Versteigerungen mit hauseigenen Auktionatoren und Numismatikern durch, die die Sammlerstücke aus Antike, Mittelalter und Neuzeit fachgerecht bearbeiten. Und selbst die D-Mark ist schon versteigerungswürdig. Denn die ersten vier 5-Mark-Gedenkmünzen haben eine verhältnismäßig geringe Auflage, ebenso die 5-Mark-Stücke aus dem Jahr 1958 mit der Münzstätte J oder die 50-Pfennig-Stücke aus dem Jahr 1950 mit dem Aufdruck „Bank deutscher Länder“.

Rund 12000 Kunden, darunter viele Stammkunden, nehmen an den fünftägigen Auktionsveranstaltungen teil. Die meisten Münzsammler sind männlich und zwischen 40 und 90 Jahre alt. Künker bietet auch sogenannte elive Auctions an, bei denen sich Kunden ihre Lieblingsstücke im Internet ersteigern können. Außerdem kann man im täglich aktualisierten Onlineshop Münzen zum Festpreis kaufen. „So unterstützt das Internet uns, statt unser Geschäft zu behindern“, sagt Finster. „Der Markt ist in so guter Verfassung wie nie zuvor“, meint Geschäftsführer Ulrich Künker. Die Gründe für den Aufschwung sieht er im generellen Drang nach Sachwerten im Zuge der Finanzkrise, im Euro-Start nach der Jahrtausendwende und in einer starken Nachfrage nach Stücken aus Schwellenländern.

Vor jeder Auktion veröffentlicht Künker umfangreiche Münzkataloge, die inzwischen zu beliebten Nachschlage- und Zitierwerken geworden sind. In ihnen wird nicht nur der Schätzwert und Zustand der zu versteigernden Münzen dokumentiert, sondern auch ihre Geschichte erzählt. Die Auktionsteilnehmer erhalten den jeweiligen Katalog sechs Wochen vor Auktionsbeginn. Um jährlich mehr als 20 000 Auktionslose zu bearbeiten, damit diese rechtzeitig zum Druck des Katalogs fertig sind, bedarf es des Fleißes und der Fachkenntnisse zahlreicher Numismatiker. Sie prüfen die Münzen auf Echtheit und Mängel. Als Mitglied im deutschen und internationalen Münzhändlerverband unterliegt das Auktionshaus Künker strengen Sorgfaltsregeln. „Haben wir eine interessante Sammlung entdeckt, besuchen wir unseren Kunden gerne auch zu Hause. Dann fliegt Herr Künker schon mal nach Amerika“, erläutert Finster.

In der auktionsfreien Zeit suchen die Mitarbeiter von Künker nach Münzen. Sie besuchen auch selbst Auktionen, um Münzen zu ersteigern. „Sammler verkaufen ihre Sammlung oft nicht selbst, sondern vererben sie an ihre Nächsten, und diese verkaufen sie dann oder lassen sie durch uns versteigern. Manchmal ist es aber auch so, dass ein Sammler seine Stücke noch zu Lebzeiten in einem hochwertigen Katalog verfasst sehen möchte, oft auch mit seinem Namen dabei, wenn er bereits weiß, dass seine Erben die Sammlung nicht weiterführen wollen“, sagt Finster.

Warum manche Menschen so viel Geld für eine einzige Münze ausgeben, kann nicht jeder verstehen. Aber es kann auch nicht jeder an solch einer Auktion teilnehmen. „Wir möchten dann schon Referenzen sehen“, erklärt Julia Finster. So werden Neukunden zum Beispiel um Vorkasse gebeten, um Nachweise von bisherigen Teilnahmen an Auktionen oder um Informationen der Bank. Ist alles abgesichert, wird der neue Kunde von Künker zu einer Münzversteigerung eingeladen und kann sich vom Zahlengewirr in den Bann ziehen lassen. Als Kapitalanlage ist eine Münzsammlung weniger geeignet. Der Kunde muss 15 Prozent als Aufgeld der Zuschlagsumme beim Ersteigern und dann weitere 20 Prozent als Abgeld beim Versteigern an das Münzhaus zahlen, zuzüglich jeweils 7 Prozent Mehrwertsteuer. „Es ist ein Sammlermarkt und kein Anlagemarkt“, sagt Finster. „Niemand weiß, wie sich die Lage entwickeln wird und ob der Markt in den nächsten Jahren noch genauso stabil ist wie zurzeit.“

„4800, 4900, 5000“, zählt der Auktionator. Spannung ist zu spüren, und jeder im Saal richtet seinen Blick konzentriert nach vorne auf ihn. Plötzlich ertönt der Gong. Die Münze ist verkauft. Die teuerste Münze, die von Künker bisher versteigert wurde, kam für 650.000 Euro am 2. Februar 2012 in Berlin im Rahmen der weltgrößten Münzenmesse World Money Fair unter den Hammer. Es handelte sich um den ersten der fünf Familienrubel des Zaren Nikolaus I. Der Schätzwert lag bei 150.000 Euro.

Informationen zum Beitrag

Titel
Das oberste Gebot: Du sollst dir viel bieten lassen
Autor
Eva Cziráky
Schule
Ursulaschule , Osnabrück
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.05.2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance