Übersetzen ist leichter gesat als getan

Getriebe

Vor gut 25 Jahren hat Bernhard Rohloff in einer kleinen Werkstatt in einem Hinterhof in Kassel all seine Hoffnung nicht an, sondern auf die Kette gelegt: jene Kette, die zum Antrieb eines Fahrrads gehört. Heute ist die Rohloff AG aus Fuldatal eine bekannte Größe im Spezialzubehörmarkt für Fahrräder. Als Rohloff mit der Fertigung von hochwertigen Fahrradketten begann, wollte er seine Leidenschaft fürs Radfahren mit seinem Ingenieurberuf und dem Traum vom selbständigen Unternehmertum verbinden. Ab den neunziger Jahren begleitete Rohloff die Teams und Teammechaniker der Tour de France. Die 1988 entwickelte Schaltungskette hatte sich dabei erfolgreich bewährt. So wurde die Tour de France 1990 von Greg LeMond und später von Miguel Indurain gewonnen, deren Rennräder mit Rohloff-Ketten ausgestattet waren. Das Besondere dieser Kette bestand darin, dass sie auf den unterschiedlichen Ritzeln und Antrieben der international renommierten Fahrradhersteller einsetzbar war.

Später wurde bei einer Radtour am Atlantik eine verrückte Idee geboren: Rohloff wollte mountainbiken, direkt am Strand. Doch sein Hinterrad hing bereits nach wenigen Hundert Metern im nassen Sand fest. Und die Kettenschaltung, die ein Herunterschalten im Stand nicht gestattet, war hier am Ende ihrer Möglichkeiten. Die Brandung hatte das Rennen gewonnen, aber die Vorstellung, dass die Wellen unter dem fahrenden Rad auslaufen, lies Rohloff nicht mehr los. Er tüftelte drei Jahre, dann hatte er für die erste Version seiner Nabenschaltung eine Lösung gefunden. Auf der Fahrradmesse 1996 wurde der Prototyp der 14-Gang-Getriebenabe Speedhub vorgestellt. Zwar waren die Mitbewerber Shimano und Sachs zu diesem Zeitpunkt durchaus auch in der Lage, eine solche Nabe auf den Markt zu bringen. Die Eigenschaften, die das Rohloff-Getriebe so klein und leicht machten (1700 Gramm), konnten sie aber nicht erreichen. Rohloffs Getriebenabe besteht aus drei in Reihe geschalteten Planetengetrieben. In jedem befinden sich das zentrale Sonnenrad sowie ein Hohlrad. Zwischen diesen bewegen sich mehrere Planetenräder, die zwischen Sonnenrad und Hohlrad abrollen. Zwei Getriebe sind dabei baugleich, das dritte ist spiegelbildlich angelegt. Sieben Gänge werden von den beiden ersten Getrieben erzeugt. Das dritte verdoppelt durch Zuschaltung auf 14 Gänge.

Von der Speedhub 500/14 werden heutzutage jährlich rund 20000 Stück hergestellt. Diese 14-Gang-Schaltung, die denselben Wirkungsgrad wie eine 27-Gang-Schaltung erreicht, wird in Handarbeit zusammengebaut. Die Einzelteile bezieht man deutschlandweit von vielen verschiedenen Zulieferern. Der Preis der Speedhub liegt, je nach Ausführung, zwischen 800 und 1200 Euro. Nabenschaltungen gehören zu den werthaltigsten, die es auf dem Markt gibt. Mit ein wenig Stolz verweisen Rohloff und sein Team darauf, dass bisher noch kein einziger Getriebeschaden durch Verschleiß an seiner Speedhub 500/14 bekanntgeworden ist.

Die Verwendung der Naben reicht vom Freizeit- und Hollandrad bis zur Hightech-Rennmaschine aus dem Mountainbike-Radsport. Rohloffs Kunden sind in der Regel Enthusiasten. Zu diesen Vielfahrern pflegt Rohloff einen intensiven Kontakt, um deren Erfahrungen in die Qualitätsverbesserung einfließen lassen zu können. So besteht nach Ansicht einiger Nutzer beispielsweise Verbesserungsbedarf wegen nachlassender Schaltgenauigkeit nach mehreren Zehntausend Kilometern sowie für eine Verlängerung der Ölwechselintervalle. Auch die dem Verschleiß unterliegende Ansteuerung der Schaltung über Bowdenzüge ist verbesserungsfähig.

Bis zur Einführung der Speedhub bewegte sich der Jahresumsatz relativ konstant um etwa 500 000 Euro. Mit Aufnahme der Serienproduktion wurde dann auch wirtschaftlich mehrere Gänge höhergeschaltet. Im Jahr 2004 lag der Umsatz bei 4 Millionen Euro, heute erzielen die 40 Mitarbeiter etwa 10 Millionen Euro. Es ist nicht das Ziel von Bernhard Rohloff, Expansion um jeden Preis zu betreiben. Vielmehr möchte er weiter mit Qualität überzeugen und den Großen ein Stück vom Kuchen abnehmen. In Deutschland und Österreich werden rund 7000 Einzelhändler direkt beliefert, weltweit etwa 100 Fahrradhersteller, in 31 Ländern jeweils über einen Importeur.

Rohloff pflegt eine besondere Verantwortung und Fürsorge für seine Belegschaft. Das fällt dem Besucher in Form eines Schwimmbades ins Auge, das sich auf dem Gelände des 2004 neu bezogenen Firmendomizils in Fuldatal befindet. Dieses können die Mitarbeiter neben Fitnessgeräten nutzen, da laut Rohloff nur mit motivierten und zufriedenen Mitarbeitern langfristig Qualität zu produzieren ist. Im Firmenlogo findet sich ein Rabe. Dessen Verhaltensweise dient laut Rohloff als Leitbild für das Handeln und Denken im Unternehmen. Raben sind intelligente Tiere, die für ihr vorwitziges Verhalten bekannt sind, Neues zu erkunden, jedoch auch für ihre Vorsicht. Mit Leben erfüllt wurde das Firmenlogo 1994. Damals hatte ein Lehrling eine aus dem Nest gefallene Rabenkrähe zum Aufpäppeln in den Betrieb gebracht. Die Belegschaft fand so viel Freude an der Fürsorge, dass bis heute regelmäßig aus dem Nest gefallene Rabenkinder aus dem Raum Kassel bei Rohloff von den Mitarbeitern aufgezogen werden. Auf die Frage nach zukünftigen Zielen huscht ein Lächeln über die Gesichter von Barbara und Bernhard Rohloff. Stillstand ist Rückschritt, sagen sie.

Informationen zum Beitrag

Titel
Übersetzen ist leichter gesat als getan
Autor
Maximilian Franz
Schule
Engelsburg-Gymnasium , Kassel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.05.2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance