Das Orchester in der Hand haben

Merkel

Der Stock gehört zum guten Ton. Denn der Dirigent gibt damit den Einsatz an. Besonders

gelungene Exemplare passen zu ihrem Besitzer wie der Zauberstab zu Harry Potter.

 

Das ist wahrscheinlich der wichtigste Gegenstand für einen Dirigenten – der Taktstock. Und nicht jeder harmoniert mit jedem. Denn die Verlängerung der Dirigierhand muss zu ihm passen. Die ideale Länge des Taktstocks ohne Griff ergibt sich aus der Entfernung zwischen Ellenbeuge und dem Ansatz des Mittelfingers der Handfläche. Ob er gut in der Hand liegt, muss man einfach ausprobieren. Jeder Künstler hat seine eigene Beschreibung für den besonderen Stab. Hans Zender, Komponist und Dirigent, beschreibt ihn als „magisches und schamanistisches Instrument“, Esa-Pekka Salonen, ebenfalls Dirigent und Komponist, sagt: „Der Taktstock ist ein Stück Holz und hilft beim Organisationsprozess der Hände.“ Im Zeitalter des Barock gab es Taktstöcke, viel größer als die heutigen und manchmal auch prachtvoll verziert. Sie wurden nicht geschwungen, sondern auf den Boden gestampft, um den Takt anzugeben. Der Taktstock in seiner heutigen Form etablierte sich erst um 1870, vordem gab es andere Mittel zum Dirigieren wie Geigenbögen und Notenrollen. Einige Dirigenten entschieden sich früher oder später für den uns bekannten Taktstock, manche beharren auch heute noch auf das Dirigieren ohne Hilfsmittel. Doch warum überhaupt einen Taktstock? Die Entfernung zwischen den Musikern und dem Dirigenten ist oft so groß, dass der Dirigent ein Hilfsmittel braucht, um seine Angaben für den Musiker erkennbarer zu machen.

In Deutschland gibt es nur einen großen Taktstockhersteller. Das Unternehmen Rohema Percussion OHG mit Sitz in Markneukirchen steht unter der Leitung von Matthias und Andreas Hellinger. Rohema stellt unter anderem 19 verschiedene Arten von Taktstöcken, außerdem Trommelstöcke und Schlägel sowie Percussions- und Rhythmusinstrumente her. Der Marktanteil in Deutschland beträgt nach eigenen Angaben 20 bis 35 Prozent, weltweit liegt er unter einem Prozent. Der Familienbetrieb produziert schon in der fünften Generation, und es werden ungefähr 15000 Taktstöcke im Jahr hergestellt. Hinzu kommen Aufträge für Werbeunternehmen, die Taktstöcke als Geschenke verkaufen. Kuriose Aufträge gibt es auch: „Ein großer Software-Konzern hat eine sehr große Menge an Taktstöcken als Präsent für die eigenen Mitarbeiter geordert. Die Menge war im fünfstelligen Bereich“, sagt Maik Hellinger, zuständig für Einkauf, Verkauf und Marketing der Rohema. Insgesamt macht das Unternehmen einen Jahresumsatz im mittleren fünfstelligen Bereich mit Taktstöcken, das sind 5 Prozent vom Gesamtumsatz. „Wir verkaufen über unseren Vertrieb an die Musikalienhändler. Man könnte mit den üblichen Aufschlägen des Groß- und Einzelhandels schätzen, dass mit unseren Taktstöcken etwa 120000 bis 150000 Euro umgesetzt werden. So viel Umsatz machen die Einzelhändler also mit unseren Taktstöcken“, sagt Hellinger.

Die Auswahl ist groß. „Dirigenten haben teilweise sehr hohe Ansprüche an diese Stäbe. Die Balance, die Griffigkeit und das Gewicht sollten den Vorstellungen des Dirigenten gerecht werden. Sicherlich könnte man auch 100 verschiedene Modelle kreieren. Geschmäcker sind verschieden“, meint Hellinger. Die Taktstöcke unterscheiden sich in der Breite und Länge, dem Griff und dem Balance-Punkt. „Wir fertigen Taktstöcke aus Naturholz, Carbon und Glasfiber an, die Griffe können aus Holz, Kork, Ebenholz oder Rosenholz sein“, sagt Kathrin Hellinger, Versandleiterin bei Rohema. Das Gewicht der Taktstöcke reicht von 4 bis 30 Gramm, die Länge von 340 bis 465 Millimeter. „Der niedrigste Preis beträgt 4,40 Euro, der höchste 39 Euro. Wir fertigen aber auch Sondermodelle an. Sie werden von Dirigenten persönlich bestellt und handgefertigt“, sagt Kathrin Hellinger. Sogar berühmte Dirigenten wie Daniel Barenboim und Toshiyuki Shimada kaufen solche Sondermodelle. Die Taktstöcke aus der Serie werden maschinell gefertigt, aber nicht gänzlich. „Die Stäbe und Griffe werden von Hand verschliffen, und die Gewichte werden eingesetzt. Dann wird der Taktstock verleimt, lackiert und bedruckt“, erklärt Maik Hellinger. Die 13 Mitarbeiter von Rohema in der Taktstockfertigung produzieren auch für das Ausland, unter anderem für Japan, Südkorea, die Schweiz, Österreich, Spanien, England, Portugal und Australien. Die Exportquote beträgt derzeit rund 5 Prozent, mit einer steigenden Tendenz. Die Kunden, also die Großhändler, erzielen durch ihren Verkauf an das Ausland pauschal eine Exportquote zwischen 10 und 15 Prozent.

Neben dem marktführenden Unternehmen Rohema gibt es in Deutschland eine Reihe weiterer Taktstockhersteller, die ihre Produkte allerdings ausschließlich handanfertigen. Ralf Seidel, hauptberuflich Fachinformatiker, betreibt die Produktion von Taktstöcken aus Leidenschaft, er hat das Handwerk von seinem Großvater Karl gelernt. Der war Orchesterwart des Augsburger Stadttheaters und berühmt für seine Taktstockunikate. Nun setzt der Enkel diese Arbeit fort. Bekannte Dirigenten wie Bruno Weil und Sung Jun Park werden von Seidel beliefert. Er produziert seine Taktstöcke in einem Kellerzimmer in Diedorf. Auch Seidel liefert ins Ausland, zum Beispiel nach Spanien, Amerika und Australien. Er fertigt seine Taktstöcke nach Wünschen der Dirigenten an, sie werden direkt an die Endkunden verkauft. Im Durchschnitt verlangt Ralf Seidel für ein Exemplar 18 Euro. Ein guter handgefertigter Taktstock müsse leichter sein als ein maschinell hergestellter: „Das wichtigste Kennzeichen meiner Taktstöcke ist zweifellos ihr geringes Gewicht“, sagt er. Ralf Seidel verwendet einen sehr leichten kanadischen Bergahorn. „Es gab schon Fälle, in denen Dirigenten ihren Beruf aufgeben mussten, weil sie nach Jahren wegen zu schwerer Taktstöcke Sehnenscheidenentzündungen bekamen“, erklärt Seidel.

Informationen zum Beitrag

Titel
Das Orchester in der Hand haben
Autor
Julia Wodarz
Schule
Tannenbusch-Gymnasium , Bonn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.05.2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

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