Die Pfeife bringt frischen Wind ins Spiel

Schiri

Der größte Ausrüster für Unparteiische ist b+d-Allzweck-Sportartikel. Seit 1978 ist das Unternehmen Hauptlieferant aller Welt- und Europameisterschaften im Fußball. In der Haut des Schiedsrichters möchten nicht viele stecken. Da ist es gut, wenn er sich auf sein Equipment verlassen kann. Als Winfried Baaser in den siebziger Jahren bei einem Pokalspiel als Schiedsrichter seine Ausrüstung vergessen hatte, bastelte er sich zwei neue Karten und borgte sich eine schlechte Pfeife aus. Die Leistung des damaligen Geschäftsführers einer Sanitär-Großhandlung fiel „dementsprechend schlecht“ aus, und dies brachte ihn auf eine neue Idee. Er entwickelte eine Mappe, „in der alles drin ist, was ein Schiedsrichter zur Spielleitung braucht.“ Sie beinhaltet unter anderem die Pfeife, eine rote und eine gelbe Karte und die Spielnotizkarten. Baaser produzierte gleich eine hohe Stückzahl dieser Schiedsrichter-Sets – ein Risiko, denn die Kosten lagen bei mehreren hunderttausend D-Mark. Um die Sets an den Kunden zu bringen, legte er damals ein Werbeblatt der DFB-Schiedsrichter-Zeitung bei. Das zeigte seine Wirkung, denn nahezu jeder Leser war ein potentieller Kunde. 30000 Sets wurden gleich im ersten Jahr abgesetzt. „Der Bedarf war damals sehr groß“, sagt Baaser. Inzwischen verkauft er jährlich 15000 Exemplare zum Preis von 22,50 Euro. Besonders achtet Baaser, der selbst in der Oberliga aktiv war und auch in der Bundesliga assistierte, dabei auf die Details wie abgerundete Ecken der Karten. Die ganze Autorität eines Schiedsrichters steht auf dem Spiel, wenn er einem Kicker die Karte zeigen will und sie sich dann aufgrund spitzer Kanten in der Tasche verfängt. Eine weitere Idee Baasers war die neonfarbene Assistenten-Fahne, die ihm später seinen internationalen Durchbruch bescherte. Der Firmenchef stellte nämlich einige Monate vor der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien das neue Produkt der Fifa vor. Die war anschließend so angetan von den Fahnen, dass sie gleich 200 Stück nach Argentinien orderte. Dieses Ereignis nennt Baaser das „Sprungbrett für seine Firma“. Heute beschäftigt er 30 Mitarbeiter in seinem Betrieb in Trechtingshausen.

Baaser entwickelt ständig neue Ideen. So war er Anfang der achtziger Jahre der erste Anbieter von schwarzen Schiedsrichtertrikots mit farbigen Kragen. Damals galt so etwas als unkonventionell. „Diese Trikots wollte anfangs keiner haben.“ Gerade einmal 200 Stück im Jahr verschickten Baaser, was sich jedoch nach der WM 1994, als Adidas farbige Hemden auf den Markt brachte, schlagartig änderte. Danach verkaufte Baaser 16000 farbige Trikots jährlich. Eine der heutigen Innovationen ist der Spintso PDA, der die Spielnotizkarte ersetzen soll. Derzeit kostet der PDA 300 Euro, er wird schon im schwedischen Profifußball eingesetzt.

Wie Verkaufsleiter Andreas Klee berichtet, verkauft man in jeder Saison neben den 250000 gelben und roten Karten für je 55 Cent auch etwa 1,5 Millionen Spielnotizkarten, 50 Stück für 5 Euro. Der Gesamtumsatz beträgt rund 5 Millionen Euro jährlich. Von den mehr als 1000 Artikeln, die mittlerweile in die ganze Welt verschickt werden, sind rund 15 Prozent in Trechtingshausen hergestellt. Etwa die Hälfte der Produkte wird im Ausland hergestellt. Die rund 7 Euro teuren Fox-Pfeifen, die meistgenutzten Sportpfeifen weltweit, kommen zum Beispiel aus Kanada und Spanien, während die Funkfahnen-Systeme aus der Schweiz stammen. „Die Textilien werden auch im Ausland, in Polen, zusammengenäht, aber der Stoff kommt aus Deutschland“, erklärt Baaser. „Wir haben eine Marktnische gefunden.“ Einen Nachahmer habe es zwar gegeben, aber der sei nach einiger Zeit wieder vom Markt verschwunden. „Der hat ja nicht mal gewusst, dass abgerundete Kanten bei den Karten viel praktischer sind.“

b+d verkauft jedoch nicht nur Zubehör für Schiedsrichter, mit dem es rund die Hälfte seines Gesamtumsatzes erzielt, sondern „quasi alles, was mit Fußball zu tun“ hat, und ist seit 1978 Hauptlieferant aller Welt- und Europameisterschaften. Zur WM 1982 steuerte das Unternehmen erstmals neongelbe Eckfahnen bei, und auch seine elektronischen Auswechseltafeln hatten hier ihren ersten großen Auftritt. Zur Europameisterschaft 1988 in Deutschland lieferte Baaser erstmals die Tore. Auch bei den folgenden großen Turnieren war man immer dabei. Für die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine hat die Uefa das erste Mal einen Ausrüstungsauftrag ausgestellt, und b+d hat sich gegen 15 andere Unternehmen durchsetzen können. „Da mussten wir seitenweise Kataloge ausfüllen und viele Bedingungen erfüllen“, sagt Klee. Die Uefa verlange eine Übersicht über alle Materialkosten sowie die Präsentation eines bereits erarbeiteten logistischen Konzeptes. Der Auftrag umfasst rund 400000 Euro. „Unsere Aufgabe ist die Lieferung von Trainings- und Spielmaterial wie Tore, Netze, Eckfahnen, Trainings- und Massagebänke, Freistoßmauern und Trainingshütchen“, sagt Klee. Wichtig sei dabei, dass alle Utensilien in allen Stadien und auf allen Trainingsplätzen einheitlich sind und den Standards der Uefa entsprechen. Als Beispiel für die strikten Standards nennt er die vorgegebene Farbe Weiß der Tornetze, deren Maschen zudem groß genug sein sollen, um die Sicht der Zuschauer nicht zu beeinträchtigen.

„Wir waren im Oktober letzten Jahres mit einer Delegation der Uefa für 14 Tage in Polen und der Ukraine. Wir haben bei über 50 Sportstätten nachgeschaut, was noch fehlt“, sagt Klee. „Alle Stadien und Trainingsplätze werden ausschließlich von uns beliefert.“ Größere Probleme gibt es laut Klee vor allem in der Logistik, denn die Autobahnnetze seien in beiden Ländern nicht so gut ausgebaut wie zum Beispiel in Deutschland. „Bei der EM 2008 ist ein paar Tage vor dem Eröffnungsspiel ein Tor kaputtgegangen, wir haben sofort eins nachgeliefert. Dieses Mal wird das schwerer zu bewältigen sein.“ Zudem liegen die Spielorte weit voneinander entfernt.

Winfried Baaser verfolgt die EM zuhause vor dem Fernseher. Dabei achtet er nicht nur auf die Spieler und den Ball, sondern auch auf seine Produkte. So wie er es während der WM 1990 in Italien tat, als der kamerunische Stürmer Roger Milla seine Tore bei einer b+d Eckfahne mit einem Tänzchen bejubelte. Ein anderes Highlight spielte sich vier Jahre vorher bei der WM 1986 in Mexiko ab, als Diego Maradona aus Frust die Eckfahne vom Boden riss. „Das Fernsehen war voll dabei, richtete die Kamera darauf, und unser Firmenzeichen war so gut zu sehen. Und das ging ja minutenlang, das war für mich etwas, da ging das Herz auf“, erinnert sich Baaser.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Pfeife bringt frischen Wind ins Spiel
Autor
Hedayat Hemat
Schule
Tannenbusch-Gymnasium , Bonn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.06.2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance