Damit der Fan sesshaft wird

Stuhl

Wenn man einmal von den Nerven der Fans, Trainer und Spieler absieht, leidet kaum etwas anderes während eines Fußballspiels so sehr wie ein Stadionsitz. Fans, die sich auf und ab setzen. Die auf den Stühlen stehen. Die ihrer Wut freien Lauf lassen. Dazu kommt noch die Belastung durch das Wetter. Dass dennoch nicht nach jedem Derby die komplette Stadionbestuhlung ausgewechselt werden muss, ist modernen Verarbeitungsmethoden zu verdanken.

Die Stechert Stahlrohrmöbel GmbH aus Wilhermsdorf fertigt solche Sitze. Als der derzeitige Geschäftsführer Franz Stegner das Geschäft 1976 mit 20 Mitarbeitern übernahm, stellte man noch Zierleisten für die Autoindustrie her. Erst mit der Zeit stieg man auf Großraumbestuhlung um. „Heute sind im Unternehmen 200 Mitarbeiter in vier Werken tätig“, sagt Stegner über die derzeitige Lage. „Jährlich erwirtschaften wir einen Umsatz von 26 Millionen Euro und sind damit Weltmarktführer.“ In Stecherts Referenzliste reihen sich prestigeträchtige deutsche Stadien und internationale Arenen aneinander. Besucher der Bundesligen sitzen in elf Stadien auf Stühlen von Stechert.

Dazu zählt das Olympiastadion in Berlin, wo das Endspiel der WM 2006 stattfand. Joachim Thomas, Geschäftsführer der Olympiastadion Berlin GmbH und Vorstandsvorsitzender der Vereinigung deutscher Stadionbetreiber, erklärt: „Die normalen Plätze sind alle komplett von Stechert ausgestattet, der VIP-Bereich aber von einer anderen Firma.“ In dieser Branche ist dies keine Seltenheit.

„Für die EM 2012 fand in Polen ein strenges Ausschreibungsverfahren statt“, berichtet Thomas. Am Ende bekam das polnische Unternehmen Forum Seating aus Krakau den Zuschlag für alle polnischen Stadien. „Wir entschieden uns für Stechert, da wir vor allem auf Nachhaltigkeit und Langlebigkeit setzen“, erläutert Thomas. „Nach jeder Veranstaltung sind nur ungefähr fünf bis zehn Stühle beschädigt; um dies zu kompensieren, haben wir rund 300 Stühle in Reserve.“

Auch bei der WM 2010 war Stechert gut vertreten. „In fünf der zehn Stadien saß man auf Stechert-Stühlen“, sagt Stegner. In bester Erinnerung für die deutschen Fans dürfte das Moses-Mabhida-Stadion in Durban sein, wo die Nationalmannschaft ihr erstes Vorrundenspiel gegen Australien gewann. Dazu lieferte Stechert 58400 Sitze aus drei Kategorien. So groß wie die Palette der angebotenen Stühle, so groß ist auch die Preisspanne. Sie reicht von 10 bis 20 Euro mit Montage für einen einfachen Plastikstuhl über Klappstühle für 40 Euro bis hin zu fast 200 Euro für einen VIP-Sessel.

Stechert stellt nicht nur Sitze für Stadien her. „Stadionbestuhlung hat einen Anteil von 40 bis 50 Prozent am Gesamtumsatz“, erklärt Stegner. Produkte von Stechert stehen unter anderem auch im Deutschen Bundestag.

Von einem Nachfrageschub wurde die Branche als Folge der Weltmeisterschaft 2006 getroffen. „Die Neubauwelle hält noch an und beeinflusst damit auch die Auftragslage in der Bestuhlungsbranche“, sagt Ingo Partecke, Chefredakteur des Online-Magazins „Stadionwelt“. Das Magazin setzt sich mit allem auseinander, was mit Stadien zu tun hat. „In den letzten Jahren ist die Branche stetig gewachsen“, sagt Partecke. „Zudem haben die Verbände ihre Anforderungen für den Stadionbau erhöht.“ Daher rentiert sich oft eher ein Neu- als ein Umbau. So geben Uefa, Fifa und DFL jeweils eine Mindesthöhe der Rückenlehne von 30 Zentimetern vor. Des Weiteren muss der Stuhl mindestens einen halben Meter breit sein. Wie viele Stühle in einem Sektor plaziert werden dürfen, ist in der Versammlungsstättenverordnung geregelt, die von Land zu Land verschieden ist.

„Die Herstellung geschieht heutzutage automatisiert mit modernster Lasertechnik“, sagt Stegner. „Alle unsere Werke sind auf deutschem Boden, alle unsere Produkte in Deutschland hergestellt, und alle Zulieferer von uns kommen aus Deutschland“, erklärt Stegner. „Wir expandieren. Das nächste Ziel ist Brasilien, dort haben wir schon einige große Aufträge erhalten. Dadurch werden wir in diesem Jahr voraussichtlich knapp 350000 Stühle ausliefern.“ Auf jedes Produkt aus dem Hause Stechert gibt es eine fünfjährige Garantie.

Die Uefa teilt die Stadien in Kategorien ein. Dadurch wird festgelegt, für welche Veranstaltungen sie genutzt werden dürfen. So sind schon in den Qualifikationsrunden der internationalen Wettbewerbe keine Stehplätze mehr erlaubt. Dass man trotzdem samstags in der Bundesliga dort Stehplätze sieht, wo sich am Mittwoch in der Championsleague noch Sitzschalen befanden, ist einer schlauen Idee zu verdanken. „Es gibt in einigen großen Stadien Deutschlands inzwischen Stehsitzplätze, unter anderem in der Allianz-Arena in München“, erklärt Stegner. Das sind sogenannte Vario Seats, die knapp 70 Euro kosten. Wenn Stehplätze gebraucht werden, befinden sich die Sitze unter den Tribünen-Stufen.

Damit ist die Entwicklung noch lange nicht beendet. „Inzwischen arbeiten wir daran, einen Sitz herzustellen, der in sehr warmen Ländern Abkühlung verschafft“, sagt Stegner.

Informationen zum Beitrag

Titel
Damit der Fan sesshaft wird
Autor
Michael Richter
Schule
Wentzinger-Gymnasium , Freiburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.06.2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance