Der Kunde muss den Kopf hinhalten

Panama

Panamahüte werden normalerweise in Ecuador von Einheimischen für den Weltmarkt gefertigt, nicht in Panama, wie der Name vermuten lässt. Weil die Hüte früher über eine Zollstation in Panama nach Amerika und in die Welt verschickt werden mussten, sind sie aber unter dem Namen Panamahut bekannt. Nicht alle werden freilich in Ecuador hergestellt. „Wir haben die Produktion unserer Panamahüte von ihrem Ursprungsland nach Deutschland verlegt, vor allem, um flexibler zu werden“, erklärt Thomas Hipp, der Leiter der Hutwerkstatt Panama Hat & Co. aus Kitzingen.

„Die Geschäftsidee ist uns, meiner in Ecuador geborenen Frau und mir, vor zwölf Jahren gekommen, da die originalen Panamahüte in der Umgebung meiner Schwiegereltern, in der Region Cañar, geflochten werden“, sagt Hipp. Anfangs wurden die Hüte komplett in Ecuador gefertigt. Doch Hipp hat sich dazu entschieden, nur noch die einfachen Rohlinge in Ecuador einzukaufen, denn die Zusammenarbeit mit den ecuadorianischen Exporteuren erwies sich als schwierig. Wegen der hohen Luftfrachtkosten ist der Versand über Container geläufig, doch der beansprucht viel Zeit. Und dem deutschen Pünktlichkeitsdrang kommt oft die südamerikanische Mentalität in die Quere. „Wenn ich jetzt beispielsweise in China fünf Container mit Hüten bestellen würde, dann wüsste ich, in zwei Wochen stehen wirklich fünf Container mit Hüten vor meiner Werkstatt, jedoch leider nicht in der hochwertigen Qualität der Originale. In Ecuador läuft das alles ganz anders“, sagt Hipp. Denn dort ist der Panamahut kein Massenprodukt. „Vor sechs Jahren bin ich im Januar nach Ecuador geflogen, um die Endkontrolle meiner bestellten Rohlinge zu machen. Als ich nach 30 Stunden Anreise endlich dort war, sagten mir die Verantwortlichen der Exportfirma, dass sie mit der Produktion gerade erst angefangen haben, obwohl sie seit drei Monaten wussten, dass ich Mitte Januar komme. Aber aus solchen Erfahrungen wird man natürlich klüger.“ Deshalb entschied sich der Unternehmer vor zwei Jahren, einen Großteil der Produktion in seinen Kitzinger Betrieb zu verlagern.

Das Flechten eines Standardmodells dauert etwa einen Tag, abhängig von den Fähigkeiten des Flechters. Diese Heimarbeit ist oft nur ein Zusatzverdienst für ecuadorianische Familien. Die Stückzahl kann somit von den Abnehmern nur geschätzt werden. Für Hipp ist das kein Problem: „Seit wir unsere Werkstatt in Deutschland haben, ist es nicht so schlimm, wenn wir uns um ein paar Rohlinge verschätzen. Ich weiß ja, dass ich die Hüte selbst herstellen kann, wenn ich noch mehr benötige, oder überflüssige umarbeiten kann.“ Durch die Verlagerung der Produktion nach Deutschland entstehen für Hipp kaum Mehrkosten, denn seit der amerikanische Dollar in Ecuador eingeführt wurde, ist die Produktion dort auch nicht mehr so günstig.

Der Einkaufspreis der Rohlinge ist abhängig von der Flechtart. Er liegt laut Hipp zwischen 10 Euro für eine grobe Flechtung und 700 Euro für einen feinen Montecristi. „Die Einkaufspreise haben sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht“, klagt der Firmenleiter. „Im Jahr 2011 gab es eine Preissteigerung von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ Außer der steigenden Nachfrage sieht Hipp den Grund in schlechter Planung. Die Einkaufszeit der Rohlinge beschränkt sich auf die Monate Januar bis August; wenn Unternehmen außerhalb dieser Zeit ordern, treiben sie die Preise in die Höhe.

Genaue Zahlen über den Gesamtmarkt hat niemand, aber der Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels bezeichnet den hochwertigen Panamahut als Umsatzträger des Sommers 2011. Auch für Panama Hat & Co. ist das vergangene Jahr gut ausgefallen. Es konnten 15000 bis 16000 Panamahüte verkauft werden. Für das Jahr 2012 wird ein Absatz von 20000 Hüten angestrebt. Deshalb will er im kommenden Jahr expandieren: „Wir sind im Moment auf der Suche nach größeren Räumlichkeiten.“

Derzeit verarbeiten nur Thomas Hipp, seine Frau und ein Modist die 30 bis 40 verschiedenen Standardmodelle in unterschiedlichen Farben weiter. Doch wurde vor kurzem die Bundessiegerin der Hutmacher 2011 eingestellt. In der Kitzinger Werkstatt werden die Rohlinge in einer Presse mit Heißdampf geformt, die in Ecuador mit der Hand geflochten wurden. Danach werden die Ränder, verstärkt mit einem Kunststoffdraht, umgenäht und Überstehendes abgeschnitten. Nachdem das Innenband eingenäht ist, folgt eine weitere Pressung. Anschließend das Vernähen eines der vielen verschiedenen Außenbänder und das Einkleben eines Bruchschutzes innen zur Stabilität. Durch die Handarbeit ist jeder Panamahut einzigartig und kann individuell nach Kundenwünschen gestaltet werden. „Wir sind die Einzigen, die in Deutschland die Rohlinge weiterverarbeiten“, sagt Hipp. Diese Hüte der Marke „Vintimilla“ bieten drei Handelsvertreter in Deutschland und Österreich für Hutfachgeschäfte an. Außerdem beliefert Panama Hat & Co. Großhändler in Belgien, Spanien, England, Frankreich, der Schweiz und Ägypten. Zwei Kunden haben ihren Sitz in Australien.

Maria Helsper, Modistin und Besitzerin des „Hutladen“ in Würzburg, ist ebenfalls Kundin. Sie lobt den weichen Griff der Hüte im Vergleich zu Konkurrenzprodukten. Die Nachfrage nach Panamahüten im Hutladen ist ebenfalls gestiegen in den vergangenen Jahren, das sei freilich wetterabhängig. „Ich liebe Panamas“, sagt Helsper, die ihren Kunden, die meist wenig über diese Hüte wissen, gerne weiterhilft. So muss immer wieder das Klischee des „gerollten Panamas“, wie er oft verpackt oder verschenkt wird, ausgeräumt werden. Hochwertige Panamas sollte man nicht rollen, denn sonst verlieren sie ihre Form. Ihre Kunden sehen den leichten Panamahut als optimalen Sonnenhut, sagt Helsper, oder sie nehmen ihn als Geschenk mit.

Der Preis für ein Standardmodell liegt zwischen 50 und 100 Euro. Ganz fein geflochtene Hüte können aber auch 2000 Euro kosten. Panamahüte dieser Art hat Hipp im Jahr 2011 aber nur 12 Stück angeboten. „Diese machen wir nur ganz selten, weil das einfach zu heikel ist. Wenn ich von Deutschland aus welche bestelle, dann kann man sich nie sicher sein, in welcher Qualität die Rohlinge kommen. Da der Einkaufspreis dieser feinen Hüte sehr hoch ist, darf da wirklich nicht mal der kleinste Fehler vorhanden sein. Also muss ich hinfahren und sie selbst aussuchen. Dann muss ich dort direkt bezahlen, und mit so viel Bargeld fühlt man sich in Ecuador nicht so wohl.“ Die Feinen werden nicht im Hochland geflochten, sondern in den Küstenorten.

Alle Rohlinge entstehen aus den Blattfasern einer speziellen Palmenart, Carloduvica Palmata oder Paja Toquilla, die nur in Ecuador wächst. Der Panamahut erregte im Jahr 1855 auf der Pariser Weltausstellung das erste Mal Aufsehen, doch zum weltbekannten Klassiker wurde der Hut erst, als Bilder von Theodore Roosevelt um die Welt gingen, nachdem ihm beim Besuch des Panamakanals ein solcher Hut als Geschenk überreicht wurde. Aber auch andere berühmte Hutträger wie Ernest Hemingway, Winston Churchill, Harry Truman, Humphrey Bogart, Paul Newman, Johnny Depp und Erich Honecker verhalfen dem Panama zu diesem Status.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der Kunde muss den Kopf hinhalten
Autor
Lisa Noack
Schule
Friedrich-Koenig-Gymnasium , Würzburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Projektanmeldung

Sie möchten sich für ein medienpädagogisches Projekt der F.A.Z. anmelden? Gleich kostenlos registrieren und das Projektangebot der F.A.Z. nutzen. › Zur kostenlosen Registrierung