Lügen haben lange Beine

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Wer unentdeckt fremdgehen will und dabei nicht ins Fettnäpfchen treten möchte, sucht sich die Seitensprung-Agentur seines Vertrauens – und bleibt ihr treu. Das Leben ist kurz. Gönn’ dir eine Affäre. So lautet der Werbespruch des weltweit größten Fremdgehportals. Vor elf Jahren wurde ahsleymadison.com gegründet – eine Plattform zur Vermittlung von Seitensprüngen, die inzwischen dem 40 Jahre alten Kanadier Noel Biderman gehört. Seit knapp zwei Jahren werden auch die Deutschen zu außerehelichen Affären verleitet. „Im letzten Jahr haben wir 8 Millionen Dollar Umsatz in Deutschland gemacht, weltweit 60 Millionen. Deutschland ist einer unserer wichtigsten Märkte“, sagt Christoph Kraemer, Europa-Chef von Ashley Madison. Laut singleboersen-vergleich.de ist das Unternehmen in „Married Dating“ weltweit Marktführer. In Deutschland gibt es auch andere Anbieter wie lovepoint.de oder meet2cheat.de. Mit 1,8 Millionen Mitgliedern ist c-date.de hierzulande Marktführer.

Immer mehr Männer und Frauen kommen bei der Suche nach Gleichgesinnten auf ihre Kosten. Die Anbieter beweisen Fingerspitzengefühl bei der Aufmachung ihrer Portale und vermeiden eine ungehobelt anmutende Optik, die oftmals gerade bei Frauen Missfallen auslöst. So verzichtet Ashley Madison, stets in Pink gehalten, auf anstößige Bilder und wirbt für Diskretion.

Viele suchen eine Affäre im Freundeskreis oder auf der Arbeit. Laut Kraemer führt das immer zu Problemen. „Wir sagen: Wenn du einen Seitensprung brauchst, dann tu es mit Ashley Madison, richtig und diskret.“ So landen keine verräterischen Nachrichten in der privaten Mail, und auf Wunsch wird das Mitgliedsprofil vollständig gelöscht. Das Geschäft mit dem unmoralischen Angebot stößt zwar bei potentiellen Werbekunden mitunter auf Ablehnung, vor allem auf internationaler Ebene. „In Deutschland ist es allerdings so, dass unsere Werbung bei den meisten TV-Sendern schon angenommen wird. Es gibt bisher nur einen, der abgesagt hat“, berichtet Kraemer. Die Botschaft ist klar: Wer nicht erwischt werden will, nutzt Ashley Madison. „Obwohl unser Spot im Vergleich zu jedweder Parfum-Werbung eigentlich sehr viel langweiliger ist, wird er aufgrund des Themas an sich eher in die Nacht-Schiene geschoben.“ Mittlerweile sei man in 18 Ländern vertreten und habe knapp 16 Millionen Mitglieder auf der ganzen Welt. In Deutschland sind es angeblich etwa eine Viertelmillion. Kraemer macht den Erfolg des Geschäftsmodells nicht nur am Pioniergeist Bidermans fest: „Alle wissenschaftlichen Studien sagen, dass die Monogamie in unserer DNA eigentlich nicht enthalten ist, dass sie nicht natürlich für den Menschen ist.“

Im Bischöflichen Generalvikariat Trier sieht man die Sache naturgemäß anders. „Schon die Vielfalt im Erscheinungsbild zeigt, dass Vielfalt genetisches Programm ist. Die Abweichung ist das Normale“, erklärt Pastoralreferent Aloys Perling. Monogamie sei ein komplexes soziales Konstrukt, das je nach gesellschaftlichem Kontext variiere. „Legt man diesen Unterschied zugrunde, das eine ist biologische Basis, das andere ein soziales Konzept, so ist die These, dass die Monogamie nicht in der DNA enthalten ist, ebenso aussagekräftig wie der Hinweis, dass Birnenkuchen nicht an Birnenbäumen wächst.“ Betrachte man das Tierreich, so zeige sich dort, dass Monogamie dann auftritt, wenn der Nachwuchs sehr aufwendige Pflege beider Elternteile erfordert. „Beim Menschen ist es aber ebenfalls so, dass die Pflege des Nachwuchses einen sehr intensiven Einsatz beider Elternteile im optimalen Fall erfordert“, sagt Perling. Zweifelsohne hat Ashley Madison die Untreue nicht erfunden. „Wir vermitteln ja an sich keine Affäre, sondern wir bieten eine sichere und diskrete Kommunikationsplattform für Menschen, die einen Seitensprung suchen. Keine TV-Werbung von Ashley Madison wird jemals jemanden davon überzeugen, untreu zu werden“, betont Kraemer. Aus Sicht der Kirchenvertreter ist das Geschäft mit dem Seitensprung gleichwohl verwerflich. „Die Kommerzialisierung einer so wesentlichen Lebensdimension wie gelingender Partnerschaft und sexueller Intimität zeigt sehr deutlich, wie Menschen und ihr unbedingter Wert Profitinteressen untergeordnet werden“, erklärt Andreas Zimmer, Leiter der Abteilung „Erziehung und Beratung“ des Bischöflichen Generalvikariats Trier. Dem hält Kraemer entgegen, dass Ashley Madison eine Beziehung rettet, statt sie in Gefahr zu bringen. Die Suche nach einem Seitensprung hilft den Betroffenen oft, das Feuer in ihrer Beziehung neu zu entfachen. „Wir haben verschiedene Menschen, die verschiedene unserer Bedürfnisse erfüllen“, meint Kraemer. Dass eine Person dem Partner zu 100 Prozent das gibt, was er braucht, hält er für fraglich. Aus Sicht der Kirchenvertreter stellen die Seitensprung-Vermittler die mangelnde sexuelle Erfüllung als Symptom einer unbefriedigenden Partnerschaft dar. „Zu behaupten, man würde durch das Behandeln von Symptomen das Problem lösen, ist aber entweder naiv oder dreist“, meint Perling.

Die Anmeldung und die Suche nach anderen Profilen sind bei der Seitensprungagentur kostenlos. Voraussetzung ist die Vollendung des 18. Lebensjahres. Die Dienstleister bieten keine Flatrates oder Monatsabonnements an, sie unterbreiten ihren Kunden sogenannte „credit packages“. Ein Basispaket kostet 49 Euro. Und jede Aktion kostet Credits. Um beispielsweise mit einer Frau in Kontakt zu treten, werden 5 Credits vom Konto des Mannes abgebucht. Auch im Netz finden nette Gesten wie das Verschicken virtueller Blumensträuße Anklang beim Gegenüber. Solche Geschenke kostet, dann schon 20 bis 50 Credits. Neben dem Basispaket gibt es andere Pakete: Für 79 Euro erhält man 100 Credits, für 149 Euro 500. Ein Paket mit 1000 Credits kostet 249 Euro. Obwohl in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen klar formuliert ist, dass das Anbieten professioneller Dienste über Ashley Madison nicht toleriert wird, stellt das Herausfiltern eine Herausforderung dar. Einerseits setzen die Affären-Vermittler Vertrauen in ihre Kunden, die ihren Verdacht beim telefonischen Kundenservice melden können. Außerdem ist eine Abteilung mit 50 Mitarbeitern damit beschäftigt, verdächtige Profile zu beobachten und schließlich zu sperren. „Unser Technikteam muss erst mal jedes Profil freigeben. Dadurch fallen 90 Prozent der Fälle raus, in denen jemand versucht, sich unlauter einzuschleichen“, versichert Kraemer. Der Europa-Chef hat sogar ein genaues Bild des deutschen Fremdgehers. Der typische männliche Fremdgeher ist 42 Jahre alt. 83 Prozent von ihnen sind verheiratet oder in einer Beziehung und haben zwischen einem und zwei Kinder. 43 Prozent suchen einen Seitensprung mit einer Frau, die etwas jünger ist, zwischen 29 und 35 Jahren. Das weibliche Pendant dazu ist 34 Jahre alt, 60 Prozent von ihnen sind verheiratet oder in einer Beziehung und haben mindestens ein Kind. 41 Prozent suchen eine Affäre mit einem Mann, der etwas älter ist als sie. Maximal 45 Jahre alt sollte er sein.

Die Anbieter erwarten für die Zukunft auch einen Anstieg des Frauenanteils im „Casual-Dating-Sektor“. Das Geschäft mit den Affären brummt. „Für 2012 erhoffen wir uns 80 Millionen Dollar Umsatz weltweit“, sagt Kraemer. Biderman selbst ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Dienste seiner Agentur nahm er bisher nicht in Anspruch, heißt es.

Informationen zum Beitrag

Titel
Lügen haben lange Beine
Autor
Carmen Grünheid
Schule
Gymnasium , Konz
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 4. Oktober 2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance