Aufschneiderei kann sich auszahlen

Müllsack

Der Schlitzomat zeigt, wie man Müll aufreißt

Die BRT Recycling Technologie GmbH in Ibbenbüren beschäftigt sich seit knapp 20 Jahren erfolgreich mit Müll. Der Mann hinter dem Erfolg ist Geschäftsführer Manfred Bayer, Maschinenbauer, Ingenieur und Tüftler. Bayer ist der Erfinder des Schlitzomats, eines Systems zum Öffnen und Entleeren von Kunststoffsäcken mit Müll. „Den ersten Prototyp der Maschine mussten wir bereits kurz nach dem Test verschrotten“, erinnert sich Bayer. Die zündende Idee kam ihm erst, als durch Zufall die Konstruktionszeichnung an der Magnetleiste verrutschte. „Der Fehler lag in der Anordnung der Hauptbauteile der Maschine. Das Drehen der Konstruktion löste das Problem.“ Heute hängt diese Zeichnung an der Wand im Büro des Geschäftsführers – schräg, versteht sich. Bayer bezeichnet das gern als ein typisches Beispiel für „innovation by accident“.

Inzwischen ist das System patentiert. Der Schlitzomat-Sacköffner wird auf der ganzen Welt von Branchenexperten als Nummer eins unter allen Lösungen für diese Anwendung bezeichnet. „Mit einer Länge von bis zu 15 Metern sowie einer Höhe und Breite von bis zu 3 Metern kann der Riese ein Gewicht von 20 Tonnen erreichen“, beschreibt André Berlage, verantwortlicher Mitarbeiter im Vertrieb von BRT, das Flaggschiff des Unternehmens. Der Apparat kann Kunststoffsäcke vollständig öffnen und dabei den Inhalt kaum berühren. Würde der Müll beim Öffnen der Säcke bereits zerkleinert, wäre es nahezu unmöglich, die Materialien zu sortieren. Außerdem besteht bei einer Zerkleinerung die Gefahr, dass feuchtes und trockenes Material vermischt werden. Wertvolle Folien, Kunststoffe oder Papier würden dann so verschmutzt, dass eine Wiederverwertung schwierig wäre. Sogar Materialien in kleineren Säcken, die sich wiederum in größeren Säcken befinden, werden vom Schlitzomat freigelegt. Befüllt wird die Maschine mit einem Radlader oder Greiferbagger. Das komplexe Zusammenspiel der Finger auf der Aufreißtrommel und den Anpressarmen, die das Material hydraulisch gegen die Trommel drücken, ermöglicht ein schonendes Öffnen der Säcke. Die Aufreißfinger reißen die Säcke auf, als ob man mit den Zeigefingern beider Hände in den Sack sticht und dann das entstandene Loch auseinanderzieht.

Trotz ihrer mächtigen Dimensionen geht die Maschine behutsam mit den wertvollen Inhaltsstoffen um. „Wir nennen den Schlitzomat unseren sanften Riesen“, bemerkt Berlage und erzählt eine kuriose Geschichte. So hatte sich vor einigen Jahren die 55 Jahre alte Schildkröte Tom aus Cardiff auf eine unfreiwillige Reise durch den Schlitzomat begeben. Tom lebte im Haushalt der in England bekannten Schauspielerin Ruth Jones. Eines Tages kletterte er in den Hausmüll und wurde als Inhalt des Müllsacks zur örtlichen Sortieranlage gebracht. Dort kam er in den Schlitzomat. Der Sack wurde geöffnet, und mit dem Inhalt fiel auch Tom aufs Förderband. Das Sortierpersonal staunte nicht schlecht über seinen Fund. Und die Schauspielerin war erleichtert, ihre Schildkröte unversehrt wiederzusehen.

„Wir haben ein System entwickelt, das robust genug, aber zugleich auch so schonend eingestellt werden kann, dass kompakte Körper wie der einer Schildkröte nicht beschädigt werden“, erläutert Berlage. Ob Verpackungsmaterial, schwerer Hausmüll, Mischmaterial mit großen Pappen oder Bioabfall – der Maschine sind kaum Grenzen gesetzt. Seit 1995 hat BRT mehr als 380 Schlitzomaten verkauft, im Jahr 2011 waren es etwa 20.

Kleine Exemplare können 3 Tonnen, große sogar bis zu 50 Tonnen Hausmüll in der Stunde verarbeiten. Bayer erklärt die Bedeutung seiner Erfindung: „Die größten deutschen Sortieranlagen des Dualen Systems verarbeiten über 100 Kubikmeter Material je Stunde und Anlagenbereich.“ Mehr als die Hälfte des Materials, das in den Sortieranlagen ankommt, befindet sich in Säcken. Wollte man diese Säcke von Hand aufreißen, wären vier bis sechs Sortierkräfte je Schicht dafür notwendig. Der Sortierbetrieb müsste bis zu 6 Euro je verarbeitete Tonne Material aufwenden, nur um diesen Teil der Arbeit zu erledigen. Einige Sortierbetriebe schreddern daher den gesamten Müll. Dabei werden zwar auch die Säcke geöffnet, allerdings werden die Inhaltsstoffe vermischt. Die zerkleinerten Materialien können dann kaum noch sortiert werden. Folie wird in Metalldosen gequetscht, Pappen werden zerrissen, saubere Kunststoffe oder das Zeitungspapier werden durch Windeln verschmutzt. Die Kosten für die Verarbeitung einer Tonne Müll liegen mit Zerkleinerern bei mindestens 2 Euro, also bei einem Drittel der Kosten für die Variante der Handsortierung. Beim Schlitzomat hingegen kostet es in Mitteleuropa nur etwa 10 bis 15 Cent, eine Tonne Material zu verarbeiten. Einige Maschinen sind inzwischen seit mehr als zehn Jahren im mehrschichtigen Einsatz. Von besonderer Bedeutung aber ist, dass auf diese Weise die Sortierergebnisse stark verbessert werden. Die Trennung der Wertstoffe wird erleichtert und damit auch preiswerter.

Den Schlitzomat-Sacköffner gibt es in neun verschiedenen Varianten. Kunden sind Entsorgungsunternehmen, Kommunen oder Anlagenbauer. Nach Erschließung des europäischen Marktes konzentriert man sich bei BRT nun auf Amerika, Russland, Asien und den Nahen Osten. Der Schlitzomat steht inzwischen in Bagdad, Beirut, Atlanta und Kaliningrad. Zukünftig sollen Maschinen auch nach Afrika und Südamerika verkauft werden.

Bayer erinnert sich an den ersten Auftrag in den Libanon. Die Anfrage nach zwei Schlitzomat-Sacköffnern war so kurzfristig, dass die Maschinen mit einem Jumbo der Lufthansa in den Nahen Osten geflogen wurden. Durch den Seetransport hätte man drei Wochen verloren. Der Kunde besitzt inzwischen sieben Sacköff-

ner von BRT. Etwa 95 Prozent des Hausmülls von Beirut werden über die Schlitzomat-Sacköffner verarbeitet.

Die Exportquote von BRT beträgt etwa 90 Prozent. Der Preis eines Schlitzomat-Sacköffners liegt zwischen 100000 und 200000 Euro. Die Geschäfte mit dieser Maschine machen etwa die Hälfte des Umsatzes aus. Inzwischen wurde dem Schlitzomat ein kleiner Bruder an die Seite gestellt, der Crackomat. Er kümmert sich um die kleinen Beutel und Säcke mit Biomüll. Eine weitere Variante des Schlitzomats ist in der Lage, nicht nur Säcke aufzureißen, sondern auch zu Ballen gepressten Müll aufzulockern. Die Produktpalette von BRT ist stark gewachsen. Separatoren, Siebe, Bunker und Fördertechnik ergänzen das Angebot. Schildkröten von Prominenten wurden in diesen Maschinen nicht wieder gesichtet.

Informationen zum Beitrag

Titel
Aufschneiderei kann sich auszahlen
Autor
Alina Simonsen
Schule
Johann-Conrad-Schlaun-Gymnasium , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 4. Oktober 2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance