Selbstlosigkeit ist ein wertvolles Gut

Asperger

Ein neues Unternehmenskonzept versucht, die besonderen Fähigkeiten von Asperger-Autisten für die Wirtschaft zu nutzen

Heilpflanze oder zähes Unkraut? Der Löwenzahn, das Logo des Unternehmens Specialisterne, soll die Asperger-Autisten symbolisieren. Der Däne Thorkil Sonne hat mit seinem neuen Unternehmenskonzept eine Bewegung in Gang gesetzt, die das Positive am Autismus wirtschaftlich nutzt. Davon können letztlich alle profitieren. „Das erfordert aber neben Toleranz auch eine gezielte Berücksichtigung der Andersartigkeit“, erklärt Matthias Prössl, selbst Vater eines Autisten, der gerade dabei ist, das Konzept hierzulande einzuführen.

„In Deutschland gibt es geschätzt etwa eine halbe Million Autisten“, erklärt Christian Frese, Geschäftsführer des Bundesverbands zur Förderung von Menschen mit Autismus, der mehr als 8000 Mitglieder in 57 Regionalverbänden organisiert. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Selbsthilfeorganisationen. Trotzdem liegt die Gesamtzahl aller organisierten Autisten in Deutschland laut Prössl kaum höher als in Dänemark, einem Land mit nur 5,5 Millionen Einwohnern. Das zeigt, dass dort der Autismus schon stärker in das Bewusstsein der Gesellschaft vorgedrungen ist. Den Erfolg von Specialisterne in Dänemark andernorts zu wiederholen ist nicht leicht, da die Rahmenbedingungen unterschiedlich sind. „In Deutschland beträgt die zu erwartende finanzielle Förderung eines Autisten durch den Staat nur etwa ein Drittel der dänischen Förderung“, berichtet Prössl nach einem Gespräch mit Specialisterne-Gründer Thorkil Sonne.

Asperger-Autismus gilt als Behinderung; die Betroffenen haben Schwierigkeiten, Emotionen richtig einzuordnen. Andererseits sind sie aber auch oft überdurchschnittlich begabt, haben eine exakte Wahrnehmung, ein brillantes Gedächtnis und oft auch eine spezifische Inselbegabung. Nicht selten haben sie ein Informatikstudium absolviert, und es gibt Universitätsprofessoren unter ihnen – etwa Vernon L. Smith, Nobelpreisträger 2002 für Ökonomie. Denn die emotionslose Betrachtung von Fakten und Zusammenhängen kann in Wirtschaft und Technik ein Vorteil sein.

Sonnes Unternehmenskonzept nutzt die besonderen Fähigkeiten: Die Autisten sollen sie in einem auf sie zugeschnittenen IT-Arbeitsumfeld einsetzen. Ihr Tätigkeitsfeld reicht dabei von systemspezifischen Softwareanpassungen und Qualitätssicherung bis hin zur Softwareentwicklung. Einfachere Arbeiten wie die Übertragung von Daten zwischen Informationssystemen profitieren ebenfalls von der fokussierten Arbeitsweise der Autisten. „Datenmigration ist ein allgegenwärtiges Problem, das vielen Firmen Kopfschmerzen bereitet, wegen der vielen kleinen wiederkehrenden Detailfehler, die oft hohe Kosten verursachen“, äußert sich Professor Jakob Rehof, Direktor des Dortmunder Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik (ISST). Ein gutes Beispiel hierfür sind die weltweit unterschiedlichen Namenskonventionen: Was ist weiblicher oder männlicher Vorname, was Nachname oder Zusatz, und was macht man, wenn es keine Nachnamen gibt? Solche Unklarheiten machen es fast unmöglich, automatisch zu entscheiden, wann zwei Datensätze aus unterschiedlichen Quellen zur gleichen Person gehören. „Datenmigration ist neben dem Softwaretesten ein ideales Thema für Spezialisterne, da gerade in diesem Bereich üblicherweise die höchste Mitarbeiterfluktuation herrscht. Normale Menschen können diese für sie sehr eintönige Arbeit nicht gut über einen längeren Zeitraum aushalten. Bei Asperger-Autisten ist das anders. Sie sind dafür bekannt, dass sie stundenlang Texte und Zahlenkolonnen kontrollieren und digitalisieren können, ohne an Präzision zu verlieren“, ergänzt Rehof.

Das dänische Konzept wird derzeit weltweit aufgegriffen und an die lokalen Bedingungen angepasst. Erfolgsentscheidend ist hierbei, neben der Anschubfinanzierung, längerfristig eine gesellschaftliche Integration und Akzeptanz zu erreichen. Das ist nicht leicht: Sozialverhalten müssen Autisten von Grund auf erlernen. „Dabei geht es um die Fähigkeiten, Gestik und Mimik der Mitmenschen zu deuten, Smalltalk zu führen, Blickkontakt zu halten oder Körperkontakt zuzulassen“, erklärt der Vater eines Asperger-Autisten, der Forscher in einem amerikanischen IT-Unternehmen ist. „All das, was für uns ein selbstverständliches Miteinander darstellt, muss von ihnen bewusst gesteuert werden.“ Wo andere einen Gesamtkontext sehen, sehen sie eine Fülle von Details. Diese Details können von ihnen nicht zu einem Kontext verknüpft werden.

„Es gibt verschiedene Therapiemöglichkeiten, in denen Autisten soziale Regeln lernen und Unterstützung für die Alltagsbewältigung bekommen“, berichtet Heidi Baden, Leiterin des Autismus-Therapie-Zentrums in Dortmund. „Es sind ehrliche, direkte Menschen, denen nicht bewusst ist, dass Worte verletzen können, weswegen sie oft rücksichtslos wirken. Genauso können sie selbst verbale Attacken nicht als solche erkennen“, sagt die Frau des IT-Forschers. Autisten können nur schwer mit Veränderungen umgehen. Das vertraute Umfeld gibt ihnen Sicherheit und Ruhe. Specialisterne funktioniert daher intern wie eine Familie, wodurch auch im Berufsalltag die Geborgenheit entsteht, die den Autisten ein stressfreies Arbeiten ermöglicht.

Vor dem Berufseinstieg absolvieren die Autisten ein mehrmonatiges Trainingsprogramm, in dem sie Übungsaufgaben und unvorhersehbaren Situationen ausgesetzt werden. „Danach können sie im Unternehmen aufgenommen werden, wo sie direkt mit echten Aufgaben konfrontiert werden“, erklärt Prössl. Das ist kostspielig, aber nicht so teuer wie ein Leben in Abhängigkeit von der Sozialhilfe.

Das 2004 in Kopenhagen gegründete Specialisterne gehört der Specialist People Foundation, einem gemeinnützigen Verein, dessen Ziel es ist, in den nächsten Jahren weltweit eine Million Arbeitsplätze für Autisten zu schaffen. Das Unternehmen hat 55 Vollzeitmitarbeiter, von denen etwa 40 Asperger-Autisten sind. Jährlich entstehen Ableger; bisher gibt es sie in Amerika, Schottland, Island, Österreich, der Schweiz und dank der Initiative Prössls bald auch in Deutschland.

Unterstützt wird sein Projekt unter anderem vom Arbeitsamt und Integrationsunternehmen. Das Specialisterne-Konzept soll sich in etwa drei Jahren mit 40 bis 50 Asperger-Autisten und einem Jahresumsatz von 2 bis 4 Millionen Euro selbst tragen können. Die Vermarktung des Konzepts erweist sich dabei laut Prössl als nicht einfach: „Die sozialen Defizite der Autisten erschweren den Verkauf ihrer Leistungen. Dabei sind sie in vieler Hinsicht ideale Mitarbeiter. Sie sind pünktlich, da sonst ihr eigener Tagesablauf durcheinandergeraten würde, und sie arbeiten konstant auf dem höchsten Präzisionslevel. Dass sie das üblicherweise nur etwa über 60 bis 70 Prozent der normalen Arbeitszeit durchhalten, kann problemlos in einem Vertrag berücksichtigt werden.“

Da Prössls Projekt noch in den Startlöchern steckt, gibt es für Deutschland keine konkreten Zahlen. Aber in der Schweiz arbeitet Specialisterne unter ähnlichen Rahmenbedingungen seit dem vergangenen Jahr. Die Specialisterne Schweiz AG finanziert die Dienstleistungen zunächst über die Invalidenversicherung der Betroffenen. Im Einzelfall wird über die Unterstützung des Trainingsprogramms und über einen Einarbeitungszuschuss entschieden. Diese Einzelprüfung soll im Sommer 2013 durch einen Pauschalvertrag mit den Invalidenversicherungen ersetzt werden. Die Stundensätze liegen je nach Kompetenz der Mitarbeiter zwischen 30 Schweizer Franken (25 Euro) und 140 Franken (117 Euro). „Ein voll ausgebildeter Mitarbeiter, der 70 Prozent arbeitet, kann so bis zu 6000 Franken verdienen“, erklärt Unternehmensgründer Thomas van der Stad. „Wichtig ist, dass die Preise marktkonform sind, um die Tragbarkeit des Geschäftsmodells zu gewährleisten.“

Das Unternehmen soll sich schließlich hauptsächlich aus dem Differenzbetrag zwischen verrechenbaren Leistungen (bis zu 14000 Euro im Monat) und dem Gehalt der Mitarbeiter finanzieren. Der schweizerische Businessplan sieht ein Budget von 1,8 Millionen Franken (1,5 Millionen Euro) bis Ende 2013 vor. Davon sollen 500000 für das Pilotprojekt staatlich finanziert werden und 550000 Franken durch Eigenleistungen und Einnahmen am Markt verdient werden. Der Rest von gut 750000 Franken soll über Stiftungen eingenommen werden. Von 2013 an soll Specialisterne sich in der Schweiz mit etwa 35 Asperger-Vollzeitmitarbeitern selbst tragen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Selbstlosigkeit ist ein wertvolles Gut
Autor
Barbara Steffen
Schule
Mallinckrodt-Gymnasium , Dortmund
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 13. September 2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance