Den Gästen einen Korb geben

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Er ist stabil gebaut, hat eine hohe Lebenserwartung und trägt gerne kariert oder gestreift. Obwohl er sich mittlerweile vermehrt in Gärten oder Hotels aufhält, ist seine ursprüngliche Heimat der Norden Deutschlands, genauer gesagt die Ost- und Nordseeküste. Den Strandkorb hat der Hofkorbmacher Wilhelm Bartelmann im Jahr 1882 für eine Dame namens Friederike Maltzahn erfunden. Sie war an Rheuma erkrankt und wünschte sich eine Sitzgelegenheit für den Strand mit Schutz vor Wind und Sonne. Spötter nannten den Einsitzer „aufrecht stehender Wäschekorb“, doch bereits im Folgejahr – nach der Weiterentwicklung zum Zweisitzer – war die Begeisterung so groß, dass die Frau des Korbmachers, Elisabeth Bartelmann, die erste Strandkorb-Vermietung eröffnete. Und bis heute ist das deutsche Outdoor-Möbelstück nicht mehr von den Stränden unseres Landes wegzudenken.

„In Deutschland werden jährlich etwa 30000 Strandkörbe hergestellt und verkauft“, vermutet Lars Eggers, Geschäftsführer der Eggers Strandkorbfabrik OHG in Mölln. Genaue Zahlen der Branche sind nicht bekannt. „Die Anzahl der Strandkörbe, die wir verkaufen, hängt unter anderem davon ab, wie viele Erneuerungen am Strand fällig sind und wie viel Geld den Kurverwaltungen zur Verfügung steht.“ Mit 3000 bis 4000 verkauften Strandkörben im Jahr gehört das Unternehmen zu den größten Strandkorbmanufakturen Deutschlands. „Dieses Jahr verkaufen wir etwas mehr als 2009, weshalb wir vor kurzem vier neue Mitarbeiter einstellen konnten und nun 24 Festangestellte haben.“ Der kontinuierlich steigende Jahresumsatz liegt bei 1,7 bis 1,8 Millionen Euro.

Auch bei der Korb GmbH Seebad Heringsdorf & Co. KG, der ältesten Strandkorbmanufaktur der Welt, läuft die Produktion auf der Insel Usedom zurzeit auf Hochtouren. Das Unternehmen wurde 1925 gegründet und nach der Zeit der DDR wieder privatwirtschaftlich weitergeführt. Heute beschäftigt es 39 Mitarbeiter und verkaufte im Jahr 2009 rund 4500 Strandkörbe, zuvor waren es 4300. Dass der Umsatz des Unternehmens trotzdem von 3,4 auf 3 Millionen Euro gesunken ist, liegt am geringeren Teil kostenintensiver Sonderanfertigungen; stattdessen haben viele Großkunden bestellt.

Bekannt ist das Unternehmen für die besonders ausgefallenen Strandkörbe. „Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, dass wir jeden Kundenwunsch umsetzen, sofern er sich technisch realisieren lässt“, behauptet Geschäftsführer Jan Müller. Es gibt Strandkörbe mit Sitzheizung, Massageeinheit, CD-Radio, USB- oder iPod-Anschluss und integrierter Beleuchtung. Aber auch Modelle mit Kühlschrank, einem Flachbildschirm und DVD-Player hat das Unternehmen schon verkauft. „Ein besonderes Highlight war die Fertigung des größten Strandkorbs der Welt, in dem zehn Staats- und Regierungschefs beim G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm Platz nehmen konnten. Die dort entstandenen Bilder gingen um die Welt“, erzählt Müller. Danach wurde der 6,5 Meter breite und 2,2 Meter hohe Strandkorb für eine Million Euro zugunsten der Aktion „Ein Herz für Kinder“ versteigert. Zum Sortiment der Korb Seebad Heringsdorf gehört außerdem der Klappkorb. „Die Kundengruppen sind sehr verschieden, von der Eventagentur, die diese Strandkörbe platzsparend lagert und transportieren kann, bis zum Campingfreund, der sich ein Stück Entspannung aus der Heimat mit an das Mittelmeer nimmt“, sagt Müller. Das für rund 500 Euro erhältliche Modell wird seit dem vergangenen Jahr verkauft. Für Strandkorbliebhaber aus der Gastronomie hat das Unternehmen die „Muschel“ entwickelt, eine Sitzgelegenheit für bis zu sechs Personen mit integrierter Beleuchtung und Heizung. „Der Preis beginnt je nach Ausstattung und Ausführung bei etwa 5000 Euro“, verrät Müller. Außerdem sind Verkaufsstände in Strandkorboptik im Programm. Sie werden nach Kundenwunsch mit Küche, Schanktechnik oder Grill ausgestattet.

Bei den klassischen Modellen unterscheidet man zwischen der geraden und eckigen Nordsee-Form und der eher weichen und geschwungenen Ostsee-Form – das ist die Ursprungsform, die auch heute noch den Markt dominiert. „Die Nordsee-Form stellen wir nur für den gewerblichen Bereich her. Hier verkaufen wir rund 300 bis 500 Exemplare im Jahr“, berichtet Eggers. Das Modell hat ein Korbflechter Ende der vierziger Jahre für die Nordsee hergestellt.

„Seit der Erfindung des Strandkorbs haben sich die Unternehmen zwar viel einfallen lassen, um ihre Kunden ständig mit Neuheiten zu begeistern, doch äußerlich hat sich der Strandkorb kaum verändert“, erklärt Eggers, der als Geschäftsführer eines Familienunternehmens auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. In der 1772 gegründeten Manufaktur wurden zunächst Korbmöbel hergestellt. 1948 kamen Strandkörbe dazu, auf die man sich später spezialisiert hat.

Müller stellt Ähnliches fest: „Der moderne Strandkorb unterscheidet sich zwar optisch nicht wesentlich von den vor 100 Jahren hergestellten Modellen, doch es sind viele Details in die Produktion eingeflossen. So konnten im Lauf der Jahre die Lebensdauer, Qualität, Vielseitigkeit, Bequemlichkeit und Individualität verbessert werden.“ Als eine der wichtigsten Veränderungen sieht Müller die Verstellbarkeit des Oberteils an, denn bis etwa 1930 gab es nur Sitzkörbe. Später folgten Liegestrandkörbe, die Rückholmechanik, höhenverstellbare Fußstützen. „Viele dieser Details wurden dadurch vorangetrieben, dass immer mehr Kunden die Strandkörbe in den heimischen Garten stellen und dort ein Plus an Ausstattung und Individualität erwarten“, bemerkt Müller. Richtig los ging der Verkauf an private Kunden, als die Strandkörbe 1980 erstmals über den Möbelhandel angeboten wurden. Die Gruppe der Privatkunden ist, laut Eggers, bunt gemischt. „Meistens kaufen Ehepaare ab etwa 35 Jahren bei uns ein, wobei die Frau gerne die Farbauswahl trifft.“ Während bei der Strandkorbfabrik OHG der Anteil gewerblicher Kunden mit 80 Prozent deutlich überwiegt, geht bei der Korb Seebad Heringsdorf die Hälfte an Privatkunden.

Die Insel Sylt Tourismus-Service GmbH vermietet seit hundert Jahren Strandkörbe. Karl-Heinrich Andresen, Leiter der Strandkorbvermietung in Westerland, berichtet: „Unser Jahresumsatz ist stark wetterabhängig und liegt im Moment im siebenstelligen Bereich.“ Die 3100 Strandkörbe in Westerland und 700 in Rantum kann der Urlauber im Internet, telefonisch oder direkt am Ort buchen. Doch das Geschäft geht zurück. Andresen erklärt sich das mit dem steigenden Angebot für Touristen. „Deshalb ist der Service nun noch wichtiger als früher, und wir bemühen uns sehr, unseren Kunden, zu denen vor allem Familien und Senioren zählen, jeden Wunsch zu erfüllen.“ Auch die K-Strandkorbvermietung, die in Cuxhaven 450 Strandkörbe anbietet, lässt sich für ihre Kunden viel einfallen: „In unseren Körben kann man es sich nicht nur am Strand bequem machen. Zu einem Tagespreis von 30 Euro (inklusive Transport) bringen wir die Strandkörbe zu Gartenpartys oder ähnlichen Veranstaltungen, bei denen Strandfeeling und ein besonderer Sitzkomfort erwünscht sind“, informiert Günther Schulz, der als ehrenamtlicher Mitarbeiter in dem Unternehmen tätig ist. „Gästewohnungen mieten einen solchen Leihkorb auch mal für eine ganze Saison (Ostern bis Oktober), wofür sie 290 Euro bezahlen.“ Er fügt hinzu: „Ohne unentgeltliche Familienhilfe müsste der Betrieb jedoch schon aufgegeben werden.“ Um die Strandkörbe aufstellen zu dürfen, muss die K-Strandkorbvermietung jährlich eine Gebühr von 20000 Euro an die Stadt Cuxhaven abführen. Der Umsatz lag 2008 bei 70000 Euro, er ist 2009 leicht gestiegen. „Aufgrund des extrem kalten Frühjahrswetters und der spürbaren Zurückhaltung der Gäste wird der Umsatz 2010 wahrscheinlich eher rückläufig sein“, vermutet Schulz. Die Mietpreise beider Anbieter liegen zwischen 5 und 9 Euro am Tag.

Ob der Strandkorb später mal am Strand oder im Garten stehen soll, merkt man den Kundenwünschen meist an. „Zwar sind die Grundkonstruktion und die qualitative Verarbeitung immer gleich, doch die Unterschiede für den Privatgebrauch entstehen bei der individuellen Ausstattung und der Materialauswahl“, meint Müller. So ziehen private Kunden für ihren Garten einen Markisenstoff vor, der angenehmer zum Sitzen ist. Am Strand wird der Fokus auf die Pflegeleichtigkeit gelegt und der Stoff deshalb mit einer leicht abwischbaren Plastikfolie versehen. „Jährlich tauschen wir etwa 20 Körbe komplett aus, weitere 200 müssen repariert werden“, erklärt Schulz. Alle Strandkörbe der Strandkorbvermietung in Cuxhaven überwintern in einer Lagerhalle. Die Sylt Tourismus sortiert jedes Jahr ein Zehntel der Körbe aus, die dann für 150 Euro an Privatleute verkauft werden. Die Schäden in der Rahmenkonstruktion entstehen meist durch Feuchtigkeit. Und für kaputte Gitter, Geflechte oder Hauben ist Vandalismus verantwortlich. Deshalb wird am Strand auf schnell zerstörbare Extras verzichtet und meist Kiefernholz als Grundkonstruktion gewählt. Derzeit ist pflegeleichter Kunststoff in Naturgeflechtoptik gefragt. Die private Kundschaft sucht sich gerne Edelhölzer aus, die ihrem Gartenmöbelstück eine schöne Optik verleihen.

In allen Bereichen ist Handarbeit angesagt: von der Fertigung und Montage der Holzgestelle über die Geflechte bis hin zu den Näharbeiten. „Für die aufwendigen Flechtarbeiten gibt es überhaupt keine Maschinen“, sagt Eggers. „Unsere Strandkörbe sind 100 Prozent Made in Germany. Das ist heutzutage eine Besonderheit, auf die wir stolz sind.“ Der Preis beginnt bei rund 900 Euro. Verkaufsstrandkörbe mit Gastronomieausstattung können schon einmal 30000 Euro kosten. Die Strandkorbfabrik OHG bietet den billigsten Strandkorb ab 600 bis 700 Euro an. Für das teuerste Produkt muss man 1700 Euro auf den Tisch legen.

Das typisch deutsche Outdoormöbelstück ist im Ausland bis heute wenig bekannt. Deshalb macht der Export nur einen geringen Anteil am Umsatz aus. „Großaufträge aus dem Ausland gehen sehr selten bei uns ein, da es schwer ist, im Ausland mit Strandkörben Fuß zu fassen. Trotzdem gibt es hin und wieder Einzelanfragen aus aller Welt“, berichtet Eggers, dessen Unternehmen etwa 30 bis 40 Körbe im Jahr exportiert.

Informationen zum Beitrag

Titel
Den Gästen einen Korb geben
Autor
Marlene Genske, Gymnasium Schloß Neuhaus, Paderborn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2010
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014

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