Wie man anderen schöne Augen macht

Glas

Glasaugen herzustellen ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Alle Hersteller kommen aus Deutschland.

Das Besondere an meinem Beruf ist, dass ich Menschen helfen kann, die ein Auge verloren haben“, sagt Reinhard Müller-Blech, Geschäftsführer der Augenprothetik Lauscha GmbH. Wobei die Hilfe darin besteht, Glasaugen anzubieten, die täuschend echt aussehen. Tatsächlich verrät den Träger erst ein tiefer Blick in die Augen: „Ich musste schon einmal mit einer Gabel dagegen hauen, damit man das Geräusch von Glas hört, weil mir ein Kumpel nicht geglaubt hat“, sagt Medizinstudent Kaan Bülte. Er ist laut Jan Müller-Uri, Geschäftsführer der Augenprothetik F.Ad. Müller Söhne in Wiesbaden, einer von 60000 Kunstaugenträgern in Deutschland. Entsprechend klein ist das Berufsfeld. Rund 80 Ocularisten gibt es hier.

Davon arbeiten 14 für die Augenprothetik Lauscha in Thüringen, der laut der Deutschen Ocularistischen Gesellschaft (DOG) größten Werkstätte für Glasaugen. Selten sind jedoch alle anwesend, denn ihre 10000 Kunstaugen im Jahr verkaufen sie in 50 deutschen Städten und außerdem zu einem Viertel im Ausland. Mit Koffern voller Augen reisen sie durch Dänemark, Polen, Kroatien, Italien und Bosnien, um die Patienten zu versorgen. Sogar in vier chinesischen Städten bieten sie ihre Produkte an.

Augenprothetik Lauscha machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 2 Millionen Euro. Im Vergleich zum Jahr 2010 ist er damit um knapp 100000 Euro gesunken. Schwankungen in diesem Rahmen seien normal, die Geschäftsentwicklung stabil und die Auftragslage gut. Sogar die Queen, Albert Einstein und Justin Bieber starren die Besucher des Wachsfigurenkabinetts Madame Tussauds in London mit Glasaugen aus Lauscha an.

Müller Söhne ist mit rund 8000 Prothesen im Jahr nicht ganz so groß, aber das älteste Institut für Glasaugen, es feierte 2010 sein Jubiläum von 150 Jahren. Das Unternehmen beschäftigt elf Ocularisten, darunter eine der beiden Frauen in der Branche. Dazu kommen drei Auszubildende. „Ungefähr 60 Prozent der Glasaugen werden im Ausland verkauft“, sagt Müller-Uri. In den Niederlanden und in Schweden gibt es Tochterunternehmen, zusätzlich ist Müller Söhne in der Schweiz, Österreich, Finnland und Dänemark vertreten. Diese Aufteilung des Marktes hat sich zu Zeiten der Mauer entwickelt und sich seitdem wenig verändert.

Mittlerweile lebt die Augenkunst in diesem Unternehmen schon in der sechsten Generation weiter. Ludwig Müller-Uri aus Lauscha, der heute als Pionier der Entwicklung des Glasauges bezeichnet wird, war der erste Glasaugenmacher in der Familie. Sein Lehrling und Neffe Friedrich Adolf gründete 1860 seine eigene Firma in Lauscha, mit der er 1874 nach Wiesbaden zog. Geschäftsführer Müller-Blech ist nicht mit Ludwig Müller-Uri verwandt, aber einige der angestellten Ocularisten. In Wiesbaden hingegen sind neben Jan Müller-Uri noch drei weitere Nachfahren an der Geschäftsführung des Familienunternehmens beteiligt. Im Jubiläumsjahr 2010 machte das Unternehmen einen Umsatz von 1,25 Millionen Euro, 2011 waren es 1,3 Millionen (ohne die Tochterunternehmen in den Niederlanden und in Schweden). Dies ist vor allem auf den steigenden Export zurückzuführen. Außerdem werden die Augen teurer. Während ein Glasauge von Müller Söhne die Krankenkassen vor zwei Jahren noch 333 Euro kostete, sind es jetzt 349 Euro. Außer den zwei großen Unternehmen gibt es 23 kleinere Hersteller in Deutschland. „Die Ocularisten kennen sich alle“, sagt Ingrid Möers von der DOG. Auffällig ist, dass oft mehrere Generationen als Ocularist tätig sind.

Die Ursachen für den Verlust eines Auges haben sich mit der Zeit geändert. Verkehrsunfälle waren es bis zur Gurtpflicht, dann kamen Arbeitsunfälle, bis die Genossenschaften sich für sichere Arbeitsbedingungen einsetzten. Heute sind vor allem Heimwerkerunfälle und Krankheiten Grund für den Verlust eines Auges. Die Augenprothesen haben nicht nur kosmetischen Nutzen. Auch medizinisch sind sie von Bedeutung. Sie schützen die empfindliche Augenhöhle und beugen so Entzündungen vor. „Wenn das Glas drückt, heißt das, die Prothese ist zu groß. Deshalb muss sie perfekt passen, ich kann ja nicht ein Jahr lang mit einem Drücken im Auge leben“, erklärt Bülte, der mit 22 Jahren demnächst sein 14. Kunstauge bekommt. „Mittlerweile habe ich vergessen, wie es ist, mit zwei Augen zu sehen“, sagt er „aber ich bin immer noch der Jüngste im Wartezimmer.“ Augenkrankheiten nähmen im Alter zu, rechnet Müller-Blech vor, „grob geschätzt sind 10 bis 15 Prozent meiner Patienten unter 30 Jahren“.

Vor 150 Jahren waren vor allem Stichverletzungen aus Kriegen Ursache für den Verlust eines Auges. Damals wurden die Glasaugen noch aus Venedig importiert. Dort wurden vermutlich auch die ersten gläsernen Augen hergestellt, bevor Paris im 17. Jahrhundert Mittelpunkt dafür wurde. Im 19. Jahrhundert entdeckte ein Würzburger Unternehmer die Marktlücke in Deutschland und fand in Ludwig Müller-Uri, einem Glasbläser von Puppenaugen aus Lauscha in Thüringen, einen Partner. Anfangs wurde das einwandige Glasauge noch auf das alte Auge aufgesetzt, erst 1842 war es möglich, ein Auge in einer Operation zu entfernen. Deshalb gibt es seit 1880 auch doppelwandige Glasaugen. „Die sind innen hohl“, erklärt Müller-Uri. Dadurch kann das Glasauge besser an die Augenhöhle angepasst werden. Seit 1860 wird Kryolith-Glas verwendet, mit dem sich die deutschen Augenmacher gegen Frankreich durchsetzen konnten. Bis heute werden die meisten Augen aus diesem weichen, durch Natriumhexafluoroaluminat getrübten Spezialglas hergestellt. Es kommt aus der Farbglashütte Lauscha GmbH. „Keine andere Fabrik hat das geheime Rezept“, erklärt Ingrid Möers. Alle Hersteller bekommen ihr Glas daher von dort. „Übern Daumen sind das eine Tonne im Jahr“, berichtet die geschäftsführende Gesellschafterin Rita Worm. Ein Kilogramm kostet den Endverbraucher 252 Euro. Augenprothetik Lauscha kauft ungefähr 80 Kilogramm im Jahr. Normales Glas wird durch die Tränenflüssigkeit zu schnell rauh und unbrauchbar. Doch auch das Spezialglas muss nach ungefähr einem Jahr gewechselt werden.

Es gibt außerdem Augenprothesen aus Kunststoff, die von deutschen Ocularisten aber nur selten eingesetzt werden. Sie sind viermal so teuer, hinzu kommt, dass der Aufwand viel größer ist. Bis zu drei Tagen arbeitet ein Ocularist an einem Kunststoffauge, weil Abdrücke gemacht werden müssen und das Material immer wieder im Ofen erhitzt werden muss. Mehrere Termine sind zur Anpassung der Prothese erforderlich. Und sie sind weniger lange haltbar, da der Verschleiß des Materials durch Tränenflüssigkeit größer ist. Dafür können sie aber auch Augenlider und weitere Gesichtsteile umfassen, beschreibt Müller Söhne die Vorteile. Insgesamt sind in Deutschland laut Müller-Uri etwa ein Zehntel der eingesetzten Kunstaugen aus Kunststoff. Im Ausland ist der Anteil höher, dort kann man einfach keine Glasaugen herstellen, heißt es in Wiesbaden. Das in Deutschland entwickelte Handwerk ist auch nur hier zu erlernen. Voraussetzung sind Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung. „Alle zurzeit bei uns arbeitenden Ocularisten sind auch hier ausgebildet worden“, sagt Müller-Blech. Insgesamt dauert die Ausbildung sechs Jahre.

Die Herstellung eines Glasauges dauert etwa zweieinhalb Stunden. Zuerst wird der Rohling geblasen. Danach wird die Iris sowie die Pupille mit Glasstiften in verschiedenen Farben hinzugefügt, die Maserung der Iris wird mit weißen Glasfäden aufgetragen. Rote Glasfäden auf dem Augapfel sollen die Adern nachahmen. „Hier muss man versuchen, das natürliche Auge möglichst naturgetreu nachzubilden. Zu viele Adern sind nicht gut, zu wenige zu hell“, beschreibt Müller-Blech. Um die Form des Auges anzupassen, wird das gesamte Glasauge wieder über einem Bunsenbrenner erhitzt. Durch Ein- und Ausblasen verändert der Ocularist nach und nach die Form. Aus der Kugel wird eine mandelförmige Kappe. Das Abkühlen unter kleiner Flamme ist heikel, da die verschiedenen Glasmaterialen unterschiedliche Ausdehnungskoeffizienten haben und das Auge leicht zerspringt.

Mit einem Glasauge kann man natürlich nicht sehen. Aber eine Wissenschaftsgruppe in Australien forscht an einem Kunstauge mit Nano-Chip. Ziel ist es, bis Ende dieses Jahrzehnts ein marktreifes Produkt zu entwickeln. Die Branche erwartet also eine spannende Zukunft.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie man anderen schöne Augen macht
Autor
Johanna Zimmermann
Schule
Landgraf-Ludwigs-Gymnasium , Gießen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung Donnerstag, 13. September 2012
Projekt
Jugend und Wirtschaft 2013/2014
Kategorie
Print

Beruf und Chance